Das Schlossgespenst, das nicht heulen konnte

Eine kleine Spukgeschichte

Es war dunkle Nacht, der Regen goss in Strömen herab und weit und breit war nichts zu sehen außer ein zart beleuchtetes Fenster im Schloss nahe einer kleinen, vollkommen unbekannten Stadt. Sah man durch das Fenster herein, so konnte man eine kleine Kerze auf einem alten Holztisch brennen sehen. Aber kein Mensch, nicht einmal ein Tier, war weit und breit zu entdecken. Wer also lebte in diesem Schloss?

„Hu – hu – ähe - ähe“, tönte es auf einmal aus dem Dunkeln hervor. „Noch einmal!“, kam der schneidende Befehl einer tiefen Stimme. „Hu – hu – ähe - ähe“, konnte man ein zweites Mal vernehmen. „Verflixt noch eins!“, schimpfte nun die tiefe Stimme. „Heule endlich wie ein erwachsenes Schlossgespenst – das kann doch nicht so schwer sein!“ Ein erneutes "Hu–hu–ähe–ähe" ertönte. Dann platzte endlich der tiefen Stimme der Geduldsfaden. „Bei allen verwandten Geistern und Hexen, du wirst nie ein vernünftiges Schlossgespenst werden, wenn du nicht anständig heulen und Schlossbesucher erschrecken kannst! Geh mir aus den Augen. Ich will dich heute nicht mehr sehen. Gleich morgen besorge ich dir einen Nachhilfelehrer, der wird dir das Heulen schon beibringen!“
Und wer nun genau hinsah, erkannte eine kleine, zusammengesunkene weiße Gestalt geknickt die Schlosstreppe hinaufschweben und schluchzend in einer großen Holztruhe verschwinden.

Nachhilfe in Gespensterheulen

Es wurde Tag und es wurde wieder Nacht – finstere Nacht, eine ideale Nacht, um das schauerliche Heulen zu erlernen, das jedem menschlichen Schlossbesucher eine Gänsehaut über den Rücken laufen lässt.
Wir riskieren mal einen Blick durch das uns schon bekannte Schlossfenster – und ja – tatsächlich – da steht das kleine Schlossgespenst wieder und vor ihm ein gewaltiges, riesiges und besonders schauerliches Gespenst mit glühenden roten Augen, die auf die winzige Gestalt – ihren Schüler – geheftet sind. „Hu – hu – hu“, ertönt es gewaltig aus dem riesigen schwarzen Mund des Nachhilfelehrers, „hu – hu – ähe - ähe“ aus dem des Schülers. Aus den Augen des Lehrers schießen rot-gelbe Blitze. „Hu – hu – hu“, macht er noch einmal vor. „Hu – hu – ähe –ähe“, schallt es noch kläglicher aus dem Mund des Schülers. Der Nachhilfelehrer verdreht verzweifelt die Augen und donnert seinen kleinen Schüler an: „Aus dir wird niemals ein vernünftiges Schlossgespenst, scher dich in deine Truhe und beschränke dich am besten wie alle unbegabten Schlossgespenster darauf, mit Ketten zu rasseln und durch verschlossene Türen zu schweben.“
Bei diesen Worten kann das kleine Schlossgespenst nicht mehr an sich halten, es fängt laut an zu heulen, dass es durch das ganze Schloss hallt: „Buah – buah – buah."
Und noch draußen im kleinen Städtchen ist das laute "Buah-Buah" zu hören, sodass die Städter in ihren Betten erbleichen und von ihren weißen Kissen kaum noch zu unterscheiden sind.

Eine überraschende Wende

Der Nachhilfelehrer schaut seinen kleinen Schüler verblüfft an. Nach einer langen Zeit des Schweigens beginnt er dann langsam zu reden: „Hm – der klassische Schlossgespensterschrei lautet eigentliche "hu – hu – hu"! Aber ich muss zugeben, dein "Buah-Buah" hat etwas ganz schauerlich Schönes und Erschreckendes. Es ist modern, für manche alte Gespenster möglicherweise zu modern, aber es könnte für die junge Generation richtungweisend sein. Und da ich ein Freund moderner Heultechniken bin, stelle ich dir ein Zeugnis über die bestandene Prüfung zum heulenden Schlossgespenst aus!“

Die ganz eigene Art und Weise

Und nun ziehen wir uns diskret vom Schlossfenster zurück, erfreut über das gute Ende für das kleine Schlossgespenst und legen uns in unser schönes weiches und warmes Bett.
Eins verrate ich dir aber noch, lieber Leser: Das kleine Schlossgespenst war sehr erleichtert, dass es das Heulen nun doch noch gelernt hatte. Und ganz besonders stolz war es, dass es das Heulen auf seine ganz eigene Weise erlernt hatte. Das "Buah-Buah" war nun sein ganz persönliches Schlossgespenst-Heulen, und es gefiel ihm.
Und wenn du nachts mal nicht schlafen kannst, so kannst du – wenn du die Ohren spitzt – neben dem traditionellen, gruseligen "Hu-Hu" der alten Gespenster vielleicht sogar das moderne, schauerliche "Buah-Buah" unseres kleinen Schlossgespenstes hören.

 

Renate Schäfer