Vergangenen Dienstag lud der Kreisbauernverband (KBV) Marburg-Kirchhain-Biedenkopf auf den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie Emmerich nach Kirchhain-Emsdorf ein. Themen waren sowohl die Ernteergebnisse, Anbauflächen, Niederschlagsmengen, Hitzeperioden und der Rückgang der Tierhaltung im Landkreis als auch aktuelle Anliegen der Landwirte.
In der großen Maschinenhalle auf dem Hof Emmerich begrüßte die KBV-Vorstandsvorsitzende Karin Lölkes die Anwesenden aus der Praxis, Politik, Beratung, Agrarverwaltung und Presse. „Wir sind hier auf dem leistungsfähigen Betrieb von Sabrina und Andreas Emmerich zu Gast. Vater und Tochter führen den schweinehaltenden Betrieb mit Ackerbau in einer GbR, mit Sabrina in der dritten Generation“, so Lölkes.
Hohe Anforderungen, fehlende Anerkennung
„Auf unserem Hof, der ESTA GbR, bewirtschaften wir 320 Hektar. Wir haben 210 Zuchtsauen, 2 000 Ferkelaufzuchtplätze und 1 500 Mastplätze“, informierte Sabrina Emmerich. Vor ein paar Jahren habe sie noch 350 Sauen gehalten. Jetzt habe sie abgestockt, ebenso im Maststall, der noch mit 400 Schweinen belegt sei, so die junge Betriebsleiterin. Die Gründe dafür sowie weitere Anliegen führte sie anschließend souverän aus. Die Landwirtschaft heute stehe vor Herausforderungen, die weit über das hinausgehen würden, was auf den ersten Blick auf den Feldern sichtbar sei. „Die Ernte ist für uns Landwirte traditionell der Lohn eines ganzen Jahres harter Arbeit. Doch in diesem Jahr fällt es schwer, von einer zufriedenstellenden Ernte zu sprechen. Denn trotz guter Erträge reichen die Erlöse vieler Kulturen oftmals nicht aus, um die erheblich gestiegenen Produktionskosten zu decken. Was auf dem Feld beginnt, setzt sich im Stall mit noch größerer Härte fort“, sagte sie. So seien die Preise für Ferkel und Schlachtschweine innerhalb weniger Wochen massiv eingebrochen. Dies sei für Schweinehalter kein erschreckender Einzelfall, sondern entspreche jahrelanger immer wiederkehrender Realität. „Diese Entwicklung ist kein Zufall“, so Emmerich. „Sie ist Ausdruck eines europäischen Marktes, dessen Wettbewerbsbedingungen längst aus dem Gleichgewicht geraten sind. Wir bekennen uns zum europäischen Binnenmarkt. Offene Märkte schaffen Chancen. Doch Wettbewerb kann nur dann funktionieren, wenn er auf vergleichbaren Rahmenbedingungen basiert. In der Praxis erleben wir genau das seit Jahren nicht mehr“, beklagte die Betriebsleiterin.
Die deutschen Schweinehalter und Ackerbaubetriebe würden europaweit mit die höchsten Anforderungen an Tierwohl, Umwelt- und Ressourcenschutz sowie an Dokumentation und Rückverfolgbarkeit erfüllen. „Unsere Betriebe haben in den vergangenen Jahren Millionenbeträge investiert, nicht nur aus eigenem Antrieb, sondern auch weil Politik, Handel und Gesellschaft diese höheren Standards eingefordert und gesetzlich verankert haben“, stellte Emmerich fest. Diese Investitionen würden die Bereitschaft der Landwirte zeigen, Verantwortung zu übernehmen und sich weiterzuentwickeln. Was jedoch fehle, sei die wirtschaftliche Anerkennung dieser Leistungen.
„Besonders betroffen sind Familienbetriebe wie unserer, die Schweinehaltung und Ackerbau miteinander verbinden. Wir wirtschaften in geschlossenen Kreisläufen. Das Getreide, das nicht für Backqualitäten ausreicht, wird verfüttert und die organischen Nährstoffe aus der Tierhaltung erhalten die Bodenfruchtbarkeit. Genau diese Kreislaufwirtschaft gilt heute als Vorbild einer nachhaltigen Landwirtschaft“, so Emmerich. Falle die Tierhaltung weg, verliere auch der Ackerbau einen wesentlichen Teil seiner wirtschaftlichen Grundlagen; zugleich gingen regionale Wertschöpfung, Arbeitsplätze und verlässliche Versorgungsstrukturen verloren. Die Produktion verlagere sich ins Ausland, wo möglicherweise geringere Standards gälten. „Landwirtschaft ist nicht nur Nahrungsmittelproduktion. Sie bietet uns Versorgungssicherheit, ist Wirtschaftskraft, leistet aktiven Umwelt- und Ressourcenschutz und erhält unsere Kulturlandschaft“, hob die junge Landwirtin hervor. „Ernährungssicherheit beginnt auf unseren Höfen. Wenn wir heute die heimische Landwirtschaft verlieren, werden wir sie morgen nicht einfach zurückholen können. Landwirtschaft wächst nicht innerhalb weniger Monate, sie entsteht über Generationen“, so Emmerich.
Anbauflächen und Tierhaltung
Nach Grußworten mit wertschätzenden Worten für die Arbeit der Landwirte in der Region informierte Karin Lölkes über die Anbauflächen und die Tierhaltung im Wirtschaftsjahr 2026. Der Landkreis verfüge über sehr unterschiedliche landwirtschaftliche Regionen, sodass hier Schwankungen bei den Ernteergebnissen zu verzeichnen seien – von Gunstgebieten wie dem Amöneburger Becken bis zum Hinterland mit schwierigeren Böden. Insgesamt sei die Ernte als durchschnittlich gut einzustufen. Die Anbauflächen 2026: 8 227 ha Winterweizen, 4 555 ha Wintergerste, 3 692 ha Mais, 3 246 ha Raps, 1 592 ha Ackerfutter, 600 ha Eiweißpflanzen, 182 ha Zuckerrüben sowie 75 ha Speise-Kartoffeln. „Insgesamt waren es 29 700 Hektar Ackerland und 19 800 Hektar Grünland“, stellte Lölkes vor. Wichtig zu erwähnen, seien davon auch die freiwilligen Umweltmaßnahmen, wie die Anlage von mehrjährigen Blühflächen, Uferrandstreifen bis hin zu Wildäsungsflächen. „In Summe waren dies rund 1 650 Hektar.“
Die Tierhaltung im Landkreis gehe zurück, fasste die KBV-Vorsitzende zusammen. Besonders alarmierend sei der Rückgang bei den schweinehaltenden Betrieben: „Gab es 2010 noch 816 Betriebe mit 40 966 Tieren bei uns im Landkreis, sind es jetzt noch 210 mit 16 820 Schweinen. Wir verzeichneten von 2010 bis 2024 einen Rückgang um 69 Prozent, von 2020 bis 2026 sind es 35 Prozent weniger schweinehaltende Betriebe. Wenn das so weitergeht, wird es mit der Versorgungssicherheit schwierig“, gab Lölkes zu bedenken. Die Zahlen der rinderhaltenden Betriebe im Jahr 2010: 793 Tierhalter mit 31 525 Tieren; 2026: 524 Rinderhalter („wovon nur noch rund 60 Betriebe Milchviehhaltung haben“) mit 25 039 Tieren. Lölkes nannte weitere Sparten, darunter 373 Schafhalter mit 13 607 Tieren und 246 Ziegenhalter mit 1 340 Tieren.
Zwischen Freude und Frust
„Wenn wir heute über die Ernte 2026 sprechen, dann lässt sich die Stimmung unserer Landwirte mit zwei Worten beschreiben: Freude und Frust“, so die KBV-Vorsitzende. „Freude, weil wir auf unsere Bestände schauen und sagen können, dass das vielerorts richtig gut aussieht, und Frust, weil wir gleichzeitig wissen: Eine gute Ernte allein bedeutet noch lange kein gutes Wirtschaftsjahr.“ Aufgrund der Hitzewelle im Juni seien die Erntearbeiten frühzeitig begonnen worden. „Als Landwirte freuen wir uns zunächst natürlich über das, was auf unseren Feldern gewachsen ist. Aber als Unternehmer blicken wir mit Sorge auf die diesjährige Ernte, denn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für unsere Betriebe sind denkbar schlecht.“ Die Relation zwischen den Kosten und den Erzeugerpreisen habe sich in den vergangenen Jahren massiv zu Lasten der Landwirtschaft verschlechtert. Betriebsmittel, Energie, Maschinen, Dienstleistungen und insbesondere auch die Personalkosten seien deutlich teurer geworden. „Gleichzeitig stehen wir bei unseren Erzeugerpreisen unter einem enormen Druck“, so Lölkes. Landwirtschaft brauche Planbarkeit und Verlässlichkeit, da Entscheidungen häufig für Monate und Jahre getroffen werden müssten. Die Unsicherheiten würden die Betriebe belasten, „nicht nur wirtschaftlich, sondern auch menschlich“, sagte sie und forderte: „Wir brauchen verlässliche und faire Rahmenbedingungen, die es uns ermöglichen, unternehmerisch handeln und gleichzeitig unserer Verantwortung für Ernährung, Tierhaltung, Umwelt und unsere Kulturlandschaft gerecht zu werden. Wir können das Wetter nicht beeinflussen. Wir können keinen Weltmarktpreis bestimmen. Wir können auch geopolitische Krisen nicht verhindern, aber Politik und Gesellschaft können beeinflussen, wie groß der Druck auf unsere Betriebe wird.“
Niederschläge und Hitzeperiode
„Auch der beste Boden benötigt Regen“, so Herbert Becker vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH). Für 2024 sei ein Gesamtniederschlag von 750 mm, für 2025 von 561 mm gemessen worden. „Bislang liegen wir in Cölbe bei 335 mm und in Wettenberg bei rund 299 mm. Wir werden mit einer durchschnittlichen Niederschlagsmenge rechnen können, denn wir haben ja noch ein paar Monate bis zum Jahresende. Dennoch ist unser Unterboden viel zu trocken“, sagte der Pflanzenbauberater.
Eigentlich sei es zunächst ein gutes Jahr im Ackerbau gewesen. Es gab wenig Probleme mit Krankheiten und Schädlingen. Dann kamen die heißen Tage mit Temperaturen über 30 °C“, so Beckers Rückblick. Die Hitzeperiode im Mai und Juni habe Erlöse gekostet. Würden sich diese heißen Tage in den kommenden Jahren wiederholen, sei es fraglich, ob der Anbau von Sommerkulturen in den Regionen mit schwächeren Böden noch wirtschaftlich sein könne. Durch höhere Temperaturen könnte es zudem künftig mehr Insekten geben, was beispielsweise Auswirkungen auf den Rapsanbau haben könnte.
„Die Forschung prüft derzeit Alternativkulturen wie Hirsearten, die man als Nahrungsmittel und eventuell auch im Bereich der Biogasanlagen verwenden kann“, informierte Becker. Die ersten Ergebnisse seien jedoch noch nicht gut. „Daher ist der Ausblick auf Kulturen der Zukunft noch sehr gering. Wir müssen mit dem zurechtkommen, was wir derzeit haben“, resümierte der LLH-Experte beim Erntegespräch in Emsdorf.
SL – LW 33/2026