Vom absoluten Hoch, bis zur Halbierung der Erlöse

Ackerbau-Informatationstag der Landwirtschaftlichen Woche

Der Landwirt und Maschinenhersteller Michael Horsch aus Schwandorf sprach bei der Landwirtschaft­lichen Woche Nordhessen in Baunatal über Entwicklungen des Ackerbaus und internationaler Märkte, deren Wechselbeziehungen und den Auswirkungen in einer globalisierten Welt.

Michael Horsch.
Foto: E.-A. Hildebrandt

Mit großer Freude begrüßte der stellvertretende Vorsitzende des Hessischen Saatbauverbandes, Dr. Axel Schreiber, den prakti­schen Landwirt und Landmaschinenproduzenten Michael Horsch als Referenten zu dieser Veranstaltung.

Der 1959 geborene Horsch bewirtschaftete zunächst mit Vater und Brüdern als prakti­scher Landwirt den etwa 300 ha großen Familienbetrieb Gut Sitzen­hof im bayerischen Schwandorf. Bereits vor 25 Jahren gründete er die Horsch Maschinenfabrik, die mit ihrer Saattechnik – später auch mit Bodenbearbeitungsgeräten im pfluglosen Ackerbau schnell an Bedeutung gewann. Rund 500 Beschäftigte sind derzeit im Unternehmen am Hauptfirmensitz in Schwandorf und fünf weiteren Standorten in Thüringen, Frankreich, Russland, Ukraine und USA tätig. Horsch betreibt gemeinsam mit Brüdern noch weitere landwirtschaftliche Großbetriebe in Sachsen-Anhalt, Frankreich und Tschechien, die seine Nähe zur landwirtschaftlichen Praxis, insbesondere zum landwirtschaftlichen Marktgeschehen untermauern. Durch die in Verbindung mit dem weltweiten Maschinenabsatz (über 70 Prozent der produzierten Geräte gehen in den Export) häufige Bereisung der Weltagrarzonen wurde Michael Horsch zu einem der profunden Kenner der Weltagrarwirtschaft und der auf sie wirkenden Einflüsse. So stellte Horsch zu Beginn seines Vortrags fest, dass die Märkte sich in den letzten 60 Jahren noch nie mit solchen Preis- und Kostenausschlä­gen wie in den letzten 18 Monaten gezeigt hätten. Vom absoluten Hoch zur Ernte 2007 mit Getreidepreisen von 25 Euro bis zu 30 Euro pro dt sei nur wenig später im noch laufenden Wirtschaftsjahr eine Halbierung der Erlöse eingetreten. Weder das Hoch vor 18 Monaten, noch der steile Abfall auf das Niveau früherer Jahre sei von den Marktexperten vorausgesehen worden. Dennoch hätte man diese Entwicklung bereits im Juni 2008 zumindest tendenziell erkennen müssen.

„Juni-Regen macht den Preis“

Der Referent weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass rund 70 Prozent der Getreideernten auf der nördlichen Erdhalbkugel eingefahren werden. Und im wesentlich stärkeren Maße als von Düngung und Pflanzenschutz werden diese vom Wasserangebot des Standortes beeinflusst. Im Juni 2008 sei die relativ seltene Situation eingetreten, dass sowohl in Nordamerika als auch in Mittel- und Osteuropa mit den weiten Anbauflächen der Ukraine und Russland Niederschläge gefallen seien, die insgesamt zu einer Verbesserung der Getreideernte um 80 Mio. t geführt hätten. Mit dem Ergebnis, dass die Preise an den Börsen nachgaben. Wesentlich stärker, als dies der festgestellte Mehrertrag von nur 4 Prozent vermuten ließ. „Wenn der Klimawandel nicht plötzlich zu einer deutlichen Verbesserung der Anbaubedingungen in den Weiten der Tundren Sibiriens und Kanadas mit derzeit nur 80 Tagen Vegetationszeit führt, werden wir diese Schwankungen öfter erleben. Der Getreidepreis wird mit Sicherheit wieder das Niveau von 2007 erreichen. Nur wann, kann keiner voraussagen“, so der Referent. Dabei sei davon auszugehen, dass die Welternährungslage künftig angespannter werde. Bereits in elf Jahren soll sich die Weltbevölkerung von derzeit 6 Mrd. Menschen auf rund 10 Mrd. Menschen erhöhen. In den Schwel­lenländern China und Indien wächst zudem der Fleischkonsum ausgehend von einem sehr geringen Niveau. Im Zuge dieser Veränderungen ist davon auszugehen, dass der Bedarf an Futtergetreide wesentlich stärker wächst als die Mengen für die menschliche Ernährung, da mit 7 kg Futtergetreide durchschnittlich nur ein kg Fleisch erzeugt wird.

Boden wird knappe Ressource

Verschärfend kommt nach Einschätzung von Horsch hinzu, dass die knappe Ressource Boden nicht entscheidend auszuweiten ist und auch die Erträge nicht „explodieren“ werden. Anders als die FAO rechnet er mit weltweit geringeren Ertragssteigerungen, da nach seiner Einschätzung die Landwir­te in den wichtigen Ackerbauregionen über ein gutes Know-how verfügen und das verfügbare Ertragsniveau weitestgehend ausreizen. „Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass wir mit unserer Wirtschaftsweise an diesen Orten bessere Erträge erzielen können. Die Zeiten sind vorbei. Jeder enthusiastische Auswanderer musste bisher erkennen, dass er als „Newcomer“ wieder ganz am Anfang stand und bei den Einheimischen noch entscheidend hinzulernen konnte“, gibt Horsch zu bedenken. Daher ist sich der Referent auch sicher, dass das Preisniveau für Agrarprodukte sukzessive steigen wird. Als Problem sei dabei allerdings zu berücksichtigen, dass die Konsumenten weltweit über genügend Mittel verfügen müssen, um höhere Agrarpreise bezahlen zu können. In diesem Zusammenhang sei zu beachten, dass in den gut funktionierenden ökosozialen Marktwirtschaften bei­spielsweise Schwedens, Deutschlands und Österreichs 20 Prozent der Gesellschaft etwa 35 Prozent des BIP gehöre, in angelsächsischen Gesellschaften wie der USA und England gehörten 20 Prozent der Gesellschaft bereits 50 Prozent des BIP und in Brasilien und Mexico verfügten 20 Prozent der Gesellschaft sogar über 65 Prozent des BIP. Weltweit seien 20 Prozent der Völker im Besitz von 85 Prozent des verfügba­ren BIP, womit die uneinheitliche Verteilung von Reichtum und Wohlstand besonders drastisch verdeutlicht werde. Hier verberge sich sehr viel Zündstoff für weltweiten Unfrieden. Daher müsse es in Zukunft auch in Anbetracht des enormen Anstiegs der Weltbevölkerung gelingen, die 20 Prozent Reichen etwas langsamer reich werden zu lassen um 80 Prozent der Armen deutlich schneller zu besseren Lebensbedingungen zu führen. „Wenn ein Zustand nicht mehr auszuhalten ist“, so Horsch „werden sich die Betroffenen wehren. Und wir nen­nen diese Leute dann Terroristen.“

„Verdienter“ Spekulanten-Verlust

Horsch verweist auch auf die Thesen des „Club of Rome“, dessen Mitglieder für dieses Dilem­ma einen Ausweg suchen und ein verbindliches globales Rahmenwerk für die Weltwirtschaft fordern, das ökonomische Prozesse mit Umwelt und Kultur in Einklang bringt. „Hoffentlich“, so Horsch weiter, „hält die globale Finanzkrise noch eine Weile an, damit weltweit an einem Tisch verbindliche Regeln getroffen werden, um eine Wiederholung für alle Zeiten auszuschließen.“ Mit dem Hinweis, dass Geld eben langfristig kein Geld verdienen könne, hätten die Spekulanten mit den Börsencrashs ihre verdienten Verluste eingefahren. Aus Sicht der Landwirtschaft sei die Situation nicht besonders bedrohlich, da im Saldo für Agrarprodukte und Betriebsmittel noch immer die notwendigen Spielräume zur Verfügung ständen.

Nachwachsende Rohstoffe

Zudem hat die Landwirtschaft aus seiner Sicht in Putin einen wahren Freund, der mit schöner Regelmäßigkeit am Gashahn drehe und damit den Verbrauchern und auch Politikern deutlich mache, wie wertvoll die Produktion eigener Rohstoffe ist, die auch für energetische Zwecke Verwendung finden kann. An drei Praxisbeispielen, die der Referent auf seinen Reisen kennen gelernt hat, zeigt Horsch anschließend die Möglichkeiten und Grenzen agrarischen Unternehmertums auf:Der argentinische Pachtbetrieb Los Grobo konnte sich durch ein ausgeklügeltes Management zu einen der erfolgreichsten Agrarunternehmen Südamerikas entwickeln. Der Besitzer macht sich dabei alle Möglichkeiten der Ertragsabsicherung zu nutze und wirtschaftet ausschließlich mit Lohnunternehmern. Sämtliche Unwägbarkeiten durch ertragsbeeinflussende Witterungsunbilden, Schädlingskalamitäten oder Preiseinbrüche an den internationalen Märkten sind durch Spezialversicherungen abgedeckt. Bei dem Sojabohnenanbau auf 180 000 ha stehen 250 Mähdrescher und 650 Lastwagen für den Transport der Ernte unter Vertrag. Ferner wird die Aussaat, Düngung und der Pflanzenschutz nach einem Standardprogramm im Vorfeld festgelegt. Damit stehen für den Unternehmer die Variablen fest, die ihm die Bildung eines jährlich neuen Pachtpreisangebotes ermöglicht, das er in das Internet einstellt. Bei einer Gewinnerwartung von 200 US$/ha bietet das Unternehmen jedem potenziellen Verpächter 180 US$ Pacht/ha und verdrängt damit die Mitbewerber. Ein System, das in der vorliegenden Form feste Einkommen für alle Beteiligten garantiert und dem Betreiber zunehmend Angebote an Pachtflächen beschert. In einem zweiten Beispiel berichtet Horsch über einen Deutsch-Brasilianer, der mittlerweile auf 25 000 ha Eigenfläche Soja und Mais erzeugt. Der Betriebsleiter konnte in der Gründungszeit vor 15 Jahren nach einer Kreditaufnahme von 1 Mio. US$ nur knapp einer Betriebspleite entgehen. Durch akribische Marktbeobachtung und darauf ausgerichtete Produktion und verhaltene Wachs­tumsschritte konnte er inzwischen bei Verzicht auf weitere Darlehen den jetzigen Betrieb aufbauen, der seiner Schät­zung nach einen Marktwert von rund 150 Mio. US$ erreicht habe.

„Wir können uns gut behaupten“

Auch in Europa seien bei Be­trach­tung der Betriebsgrößen ähnliche Schritte möglich. Allerdings sollten vor der Entscheidung zur Investition auch die not­wendigen praktischen Kenntnisse für Flächenbewirtschaftung, Er­zeu­gung und Markt verfügbar sein. Horsch berichtet vom Beispiel einer englischen Investorengruppe, die in der Ukraine 12 0000 ha Ackerland erstanden hat. Mangelnde Kenntnisse über die Standort- und Erzeugungsbedingungen sowie über die Mentalität der Arbeitskräfte vor Ort hätten das Projekt nach kurzer Zeit scheitern lassen. Kapital sei zwar wichtig, für den Erfolg eines Betriebes oder Agrarunternehmens, jedoch nicht entscheidend. Horsch sieht als Fazit für osteuropäische Verhältnisse etwa bei 5 000 ha Betriebsfläche eine Grenze, die bei exzellentem Management und guten Vorortkenntnissen von „selbstständigen passionierten Multitalenten“ zu meistern sei. Auch die Ackerbaubetriebe in Deutschland müssten sich nicht verstecken, wenn es gelänge, die Stückkosten auf niedrigem Niveau zu halten. „Im internationalen Wettbewerb können wir uns gut behaupten“, ist der Referent überzeugt. „In Zukunft sogar noch besser!“ Als eine der neuen Herausforderungen könne die Risikoabsicherung bei Preisschwankungen angesehen werden. Insofern sei es wichtig, auch in Zukunft von der Kostenseite her zu denken, so Horsch. Auf die Fra­ge, in welches Land er denn auswandern würde, wenn er jetzt vor eine Entscheidung gestellt würde ,antwortet Michael Horsch ohne nachzudenken: nach Bayern. Trotz vieler Erfahrungen und Eindrücke aus anderen Ländern kenne er sich hier am besten aus und habe so einen Standortvorteil, den er anderenorts erst mühsam erarbeiten müsse. Dr. Hildebrandt, LLH