Jeder hat so seine Eigenheiten

Freund Benny hat Kummer

Toni sah Benny schon von weitem am Zaun stehen. Der Hofhund von Bauer Franz wollte bestimmt wieder spielen. Toni lief auf den Zaun zu. Aber was war mit Benny los? Er guckte so traurig, lief am Zaun hin und her und führte Selbstgespräche. Da Toni ziemlich erkältet war, hatte sie keine richtige Stimme. Sie krächzte daher nur ein wenig, um Benny auf sich aufmerksam zu machen. Es gelang!
 
Benny blieb kurz stehen und sah sie herzerweichend an. „Toni, du bist es, hallo!“ - „krächz, krächz“, kam es von Toni als Antwort. „Toni, sag mal, findest du auch, dass ich eine Nervensäge bin?“, fragte Benny niedergeschlagen.
 
Eine Nervensäge – wie kam denn Benny bloß auf so etwas? Gut, dachte Toni bei sich, er hatte so seine Eigenheiten, aber wer hatte die nicht. Sie zum Beispiel war ein ganz kleines bisschen eitel. Aber wirklich nur ein ganz kleines bisschen. Benny war sehr verspielt und wollte meistens mit irgendjemandem ein Wettrennen veranstalten. Sie fand es meist lustig, obwohl sie in der Regel gegen Benny verlor, aber sie konnte mit Stolz von sich sagen, dass sie eine besonders gute Verliererin war – und natürlich auch eine besonders hübsche!

Andere hingegen, das wusste Toni, waren nicht so großzügig wie sie, konnten nur schlecht verlieren und fanden es vermutlich in der Tat etwas nervig, dass Benny immer ein Wettlaufen veranstalten wollte. Aber ihn deshalb eine Nervensäge nennen. Nein, das war übertrieben, unfair und gemein.

Benny verhält 
sich eigenartig

 
Toni gingen diese Gedanken durch den Kopf, während sie neben Benny herlief, der sein Auf-und Ab-Schreiten am Zaun mit hängendem Kopf wieder aufgenommen hatte. Da sie ihm nicht antworten konnte, kam erneut nur ein Krächzen aus ihrem Mund, aber Benny schien sie völlig falsch zu verstehen. „Was, du meinst auch, ich sei eine Nervensäge? Das finde ich aber nicht nett von dir, Toni“, rief er aufgebracht und lief noch schneller.
 
Toni hechtete hinterher. Wie hatte er sie nur so vollkommen falsch verstehen können. „Nein, nein“, wollte sie rufen, aber heraus kam nur „krächz, krächz“. Und erneut entrüstete sich Benny und fing sogar zu weinen an. „Ich dachte, du wärst meine Freundin. Aber jetzt weiß ich ja, was du von mir hältst!“ Und fort war Benny. 
 
Toni blieb bedrückt am Zaun zurück. „Was war das denn“, sprach plötzlich jemand hinter ihr. Ziegenbock Gustav war leise an Toni herangetreten. Toni zuckte zusammen. Musste Gustav sich immer so anschleichen, da konnte man ja einen Herzinfarkt bekommen. „Krächz, krächz“, sprach Toni. „Oh, ich höre, du bist immer noch erkältet. Dann kannst du mir vermutlich nicht erklären, warum Benny weinend davongestürmt ist?“, erkundigte sich Gustav. Toni zuckte bedauernd die Schultern und ging zurück zum Mobilstall um sich Futter zu holen und gründlich nachzudenken. Sie brauchte jetzt ihre Ruhe.
 
Benny geht 
Toni aus dem Weg
 
In den folgenden Tagen sah Toni Benny nur von weitem. Er schien ihr aus dem Weg zu gehen und so gelang es ihr auch weiterhin nicht, den Grund für sein merkwürdiges Verhalten herauszufinden. Fast eine ganze Woche verging, bis Toni wieder reden konnte. Und mit Freude verkündete sie dies jedem, der es hören wollte, und selbstverständlich auch jedem, der es nicht hören wollte.

Und auch wenn Gustav immer etwas besserwisserisch daherkam, was Toni nicht immer gut vertragen konnte, so hatte sie doch zugegebenermaßen den Tag herbeigesehnt, um mit Gustav über Benny zu sprechen. Also stürmte sie jetzt auf Gustav zu und erzählte ihm ausgiebig die ganze Geschichte. Dabei lief sie ständig vor Gustav auf und ab, sodass diesem ganz schwummerig wurde. 
 
Von Hühnern 
und ihren Augen
 
Als Toni ihren Bericht beendet hatte, sah Gustav sie eine Weile schweigend an. „Geh noch einmal so auf und ab, wie du das getan hast, als du mit Benny gesprochen hast“, meinte Gustav schließlich nach einer langen Pause.
 
Was sollte das denn jetzt, wollte Gustav, dass sie eine Modelkarriere startete und wie auf dem Laufsteg herumstolzierte? Warum eigentlich nicht – schön genug war sie ja. Also ließ Toni sich das nicht zweimal sagen und lief auf und ab.
 
„Jetzt ist mir alles klar“, sagte Gustav. „Was ist dir klar“, fragte Toni verblüfft. „Ich weiß jetzt, warum Benny weinend weggelaufen ist.“  „Also so schlecht laufe ich nun wirklich nicht, dass jemand deshalb weinend davonlaufen müsste“, empörte sich Toni. „Nein, so meine ich das auch gar nicht“, erwiderte Gustav. „Hast du dir einmal selbst beim Laufen zugeschaut?“, fragte er sie und sah sie eindringlich an. „Wie soll ich denn das bewerkstelligen“, raunzte Toni ärgerlich zurück. „Na, ja, du guckst ja oft genug in jede Pfütze, die sich dir sozusagen als Spiegel bietet, da wirst du dich vielleicht auch schon einmal beim Laufen gesehen haben.“ „Ich benutze die Pfützen, um zu sehen, ob mein Gefieder auch richtig sitzt. Auf die Idee, mich beim Laufen zu betrachten, bin ich noch nicht gekommen“, schimpfte Toni nun ungehalten.
 
„Beruhige, dich Toni. Es war ja nicht böse gemeint. Ich will dir damit doch nur sagen, dass für jemanden, der dir beim Laufen zusieht, es so ausschaut, als ob du beim Gehen mit dem Kopf nickst.“ – „Ich – mit dem Kopf nicken? Was soll denn der Blödsinn?“ – „Ohne dir zu nahe treten zu wollen, deine Augen sind anders als zum Beispiel die von Bauer Franz. Wenn Menschen sich bewegen, bewegen sich auch ihre Augen mit, dadurch bekommen sie immer ein scharfes Bild von einem Objekt. Hühner hingegen können ihre Augen nicht so gut bewegen. Um ein scharfes Bild von zum Beispiel einem Wurm zu bekommen, haltet ihr Hühner den Kopf für einen Moment still, um den Wurm scharf ansehen zu können, während eure Füße schon weiterlaufen. Dann zieht ihr ruckartig den Kopf nach. Für jemanden, der euch zusieht, sieht es so aus, als ob ihr beim Gehen mit dem Kopf nickt.  – So, und jetzt überlege noch einmal, was Benny dich gefragt hat und wie er dein vermeintliches Kopfnicken dazu verstanden haben könnte.“ 
 
Toni denkt nach
 
Nach dieser sehr langatmigen und wieder einmal sehr besserwisserischen Erklärung von Gustav musste Toni tief durchatmen, um sich nicht wieder aufzuregen. Aber dadurch gelang es ihr auch, noch einmal ihr Gespräch mit Benny zu überdenken. 

„Toni, sag mal, findest du auch, dass ich eine Nervensäge bin?“, war Bennys Frage gewesen. Und sie hatte – so Gustav – dazu mit dem Kopf genickt. Nun war ihr natürlich alles klar.

Mit einem Satz sprang Toni auf und rannte davon. „Danke, Gustav“, rief sie noch über ihre Schulter zurück und war auch schon verschwunden.

Am nächsten Tag sah Gustav sie mit Benny zusammen Wettlaufen spielen. Und natürlich verlor sie wieder gegen ihn. Schmunzelnd betrachtete er, wie die beiden eine Kiste als Siegerpodest herbeischoben und wie Toni sich in einer Pfütze betrachtete und ihr Gefieder putzte, bevor sie die Siegerehrung für Benny vornahm.
 
Ja, sie alle hatten so ihre Eigenheiten. Benny war sehr verspielt, Toni ziemlich eitel – und er, Gustav … Na, ja, vielleicht gab er ein klein wenig mit seinem Wissen an, aber wirklich nur ein ganz klein wenig! Er war ja auch ein außergewöhnlich kluger Ziegenbock. Ja, sie hatten alle so ihre Eigenheiten, aber machten nicht gerade diese kleinen Eigenheiten sie nicht auch besonders sympathisch?

 

Schäfer – LW 27.02.2019/2019