Artenreiches Grünland gehört zu den wertvollsten Kulturlandschaften Mitteleuropas. Gleichzeitig nimmt dessen Bestand seit Jahrzehnten kontinuierlich ab. Im Rahmen einer Fachveranstaltung erläuterten Dr. Katja Seis vom DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück und Reinhold Treiber vom Landschaftserhaltungsverband Breisgau-Hochschwarzwald die Bedeutung gebietseigenen Saatguts für Biodiversität und Landschaftspflege. Im Fokus standen rechtliche Vorgaben, praktische Begrünungsverfahren und Erfahrungen aus Monitoring-Projekten. Die Veranstaltung wurde von der Akademie Ländlicher Raum Rheinland-Pfalz organisiert und fand Anfang Mai am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Neustadt statt.
„Warum gebietseigenes Saatgut nutzen?“ Mit dieser Frage eröffnete Dr. Katja Seis ihren Vortrag. Die Antwort darauf sei angesichts des anhaltenden Biodiversitätsverlustes eindeutig: Artenreiche Wiesen und Weiden müssten erhalten und aktiv gefördert werden. Jede fachgerecht angelegte Einsaat könne hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Im planerischen Alltag entstehen durch Wegebaumaßnahmen, Flurbereinigungsverfahren oder Infrastrukturprojekte regelmäßig neue Begrünungsflächen. Gerade hier kommt der Auswahl geeigneter Saatgutmischungen eine zentrale Bedeutung zu. Artenreiche Ansaaten stabilisieren Ökosystemfunktionen, fördern die heimische Flora und Fauna und besitzen zugleich einen hohen landschaftsästhetischen Wert. Seit den 1950er-Jahren ist der Verlust artenreichen Grünlands bundesweit stark vorangeschritten. Als Hauptursachen nannte Seis den zunehmenden Flächenverbrauch, die Aufgabe extensiver Nutzungsformen sowie die Intensivierung der Landwirtschaft.
Wiesen als Hotspots der Biodiversität
Artenreiches Grünland zählt zu den ältesten und vielfältigsten Kulturformen Mitteleuropas. Rund ein Drittel aller heimischen Pflanzenarten – etwa 1 250 Arten – kommen in Wiesen und Weiden vor. Darüber hinaus bildet Grünland die Lebensgrundlage für bis zu 3 500 Tierarten, darunter Amphibien, Vögel, Wildbienen, Heuschrecken, Schmetterlinge und Spinnen.
Eine Wiese ist dabei keineswegs ein statisches System, sondern vielmehr eine Pflanzengemeinschaft aus Gräsern und Kräutern, die sich in einem dauerhaften Konkurrenzgleichgewicht befindet. Die Entwicklung solcher Bestände wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Dazu zählen unter anderem Standortbedingungen wie Boden und Nährstoffversorgung, die Art der Bewirtschaftung, Klimaextreme, die Flächenhistorie sowie spezifische Keimungsbedingungen einzelner Arten.
Besondere Bedeutung misst auch der Biologe Reinhold Treiber dem Einsatz gebietseigenen Saatguts bei.
Pflanzenpopulationen einer Art weisen regionale genetische Unterschiede auf und sind dadurch optimal an lokale Umweltbedingungen sowie an heimische Insektenpopulationen angepasst.Hinzu kommt, dass viele typische Wiesenarten keine dauerhafte Samenbank im Boden bilden.
Eine spontane Selbstbegrünung führt daher häufig zu artenarmen Beständen. Um artenreiche Vegetation langfristig zu etablieren, ist die gezielte Einbringung von Diasporen unerlässlich.
Der gesetzliche Vorrang gebietseigenen Saatguts ist seit dem 1. März 2020 im § 40 Bundesnaturschutzgesetz verankert. Demnach soll in der freien Natur bevorzugt Saatgut aus den jeweiligen Ursprungsgebieten (UG) verwendet werden. Deutschland wurde hierfür in 22 UG unterteilt. Für Rheinland-Pfalz sind insbesondere das Rheinische Bergland UG 7 sowie der Oberrheingraben mit Saarpfälzer Bergland UG 9 relevant. Eine Karte mit allen UG ist unter ht tps://geodienste.bfn.de/geb... eigenessaatgut?lang=de abrufbar.
Für die praktische Umsetzung wurden verschiedene Verfahren vorgestellt. Weit verbreitet sind zertifizierte Regiosaatgutmischungen nach der Erhaltungsmischungsverordnung, die insbesondere bei allgemeinen Begrünungsmaßnahmen eingesetzt werden. Daneben gewinnt der Wiesendrusch mit Direkternte zunehmend an Bedeutung. Hierbei werden Samenüberschüsse artenreicher Spenderflächen direkt mittels Mähdrescher geerntet und auf Zielflächen übertragen. Dieses Verfahren ermöglicht eine besonders hohe Artenübertragung.
Eine weitere Methode stellt die Mahdgutübertragung dar, bei der frisches Mahdgut unmittelbar auf die Zielstandorte ausgebracht wird. Diese Methode ist allerdings mit großem Aufwand verbunden, da der Transport von Biomasse dafür nötig ist.
Entscheidend für den Erfolg aller Verfahren sei eine sorgfältige Saatbettvorbereitung. Besonders wichtig sind sogenannte „Safe sites“, Spalten oder krümelraue Erde, die Umwelteinflüsse abpuffern, so Treiber. Da es sich bei vielen Wiesen- und Weidenpflanzen um Lichtkeimer handelt, sollten die Samen auf keinen Fall eingearbeitet oder vergraben werden.
Positive Ergebnisse aus Monitoring-Projekten
Monitoring-Ergebnisse aus verschiedenen Projekten zeigen deutliche Erfolge. Insbesondere im Weinbau, etwa bei „blühenden Rebgassen“ – wie Treiber sie nennt – und Brachen konnten bereits nach wenigen Jahren artenreiche Pflanzenbestände etabliert werden.
Treiber empfiehlt zur Begrünung im Weinbau eine Kombination aus 89 Prozent Kräutern, 11 Prozent Gräsern beziehungsweise 20 Prozent Leguminosen, mindestens 37 Pflanzenarten aus 12 Pflanzenfamilien. Die Mischung besteht zu 80 Prozent aus Arten aus dem UG 9 und liegt bei rund 25 Euro/kg. Drei g/m2 seien bei der Einsaat ausreichend. Das Saatgut wurde speziell unter Berücksichtigung der Insektenfreundlichkeit für Wildbienen sowie der Bedürfnisse der Winzer entwickelt. Diese Begrünung enthält ein-, zwei- sowie mehrjährige Pflanzen und sollte daher möglichst fünf Jahre nicht umgebrochen werden. Eine Neuansaat ist deshalb frühestens nach fünf Jahren erforderlich.
Wirtschaftlichkeit bleibt Herausforderung
Trotz der ökologischen Vorteile bleibt die Etablierung artenreicher Wiesen wirtschaftlich anspruchsvoll. Die Kosten für eine Wiesenneuanlage wurden auf rund 2 700 Euro pro Hektar beziffert. Für Streifenaufwertungen entstehen Kosten von etwa 1 655 Euro pro Hektar.
Förderprogramme wie der GAP-Strategieplan bieten zwar Prämien von rund 700 Euro je Hektar und Jahr, decken jedoch insbesondere im ersten Jahr häufig nicht die vollständigen Kosten hochwertiger, kräuterreicher Regiosaatgutmischungen. Zudem ist in der Praxis eine konsequente Qualitätssicherung erforderlich.
Ausschreibungen müssen eindeutig formuliert werden, um sicherzustellen, dass tatsächlich 100 Prozent gebietseigenes Saatgut verwendet wird und keine minderwertigen Zuchtsorten oder gebietsfremden Hybride zum Einsatz kommen.
ik – LW 22/2026