Die Sortenstaffelung ist eine kostenlose Schlechtwetterversicherung, denn auf das gute Azorenhoch in der Ernte ist kein Verlass. Wer früh, mittel und spät abreifende Sorten kombiniert, streckt das Erntefenster, entzerrt Arbeitsspitzen und gibt dem Raps die nötige Zeit und Sicherheit, sein volles Korn- und Ölertragspotenzial auszubilden.
Eine kluge Sortenstaffelung ist deshalb weit mehr als nur ein Zeitmanagement – sie verbindet das biologische Potenzial der Sorte mit der Effizienz des Mähdreschers. Denn der biologische Ertrag ist nur die halbe Rechnung. Die Druscheignung spielt eine ebenso entscheidende Rolle. Auch der Mähdrescher muss sein volles Leistungspotenzial ausspielen können und verlustarm ernten.
Sorte und Maschine synchronisieren
Jede Sorte sollte in ihrem optimalen Erntefenster gedroschen werden. Nämlich genau dann, wenn sowohl die Ertragsleistung der Sorte als auch ihre Druscheignung gleichermaßen ihr Maximum erreichen. Beide Kriterien überdecken sich zu einem optimalen Erntefenster
Drischt man eine Sorte zu früh, sind die Stängel oft noch zäh. „Gummischoten“ im unteren Schotenpaket werden im Dreschwerk nicht ausgedroschen und gehen als Ausdruschverlust verloren. Ölgehalt und Qualität sind geringer. Drischt man zu spät, beginnen die Ausfallverluste stärker anzusteigen.
Auch der Mähdrescher erzielt seine besten Werte bei Leistung, Qualität, Verluste und Kraftstoffverbrauch erst in einem bestimmten Erntefenster, wenn die Sorte ihr optimales Reifestadium erreicht hat. Das heißt, werden die Sorten nicht deckungsgleich in diesem Erntefenster gedroschen, entsteht der Schaden immer an zwei Stellen. Durch Ertrags- und Qualitätseinbußen bei der Sorte und durch höhere Verluste und Kosten bei der Maschine.
Erst eine breite Reifestaffelung der Sorten ermöglicht eine Synchronisierung des Ernteverlaufs, wo sich bestenfalls ein Erntefenster an das andere reiht. Und erst dann kann das genetische Ertragspotenzial der Sorte und das Leistungspotenzial der Maschine kombiniert werden, welches Züchter und Konstrukteure mit viel Aufwand manifestiert haben. Dieser Synergieeffekt bringt erst den vollen Nutzen.
Raps ist flexibelRaps eignet sich als Springerfrucht, denn er lässt sich flexibel dreschen. Moderne Schneidwerke mit immer kürzeren Umrüstzeiten zwischen Getreide und Raps erlauben einen schnellen Fruchtwechsel. Selbst innerhalb eines Tages kann so vormittags Raps gedroschen werden, weil er hochbeinig schneller abtrocknet und ebenso abends, weil er in der Feuchte später anzieht. Dazwischen kann beispielsweise gefährdeter Weizen beerntet werden.
Feiffer, KlüßendorfFrühe Erntefenster besetzen
Intensiv geführter Raps konkurriert vornehmlich mit Weizen um die besten Erntezeiten. Das Erntefenster zwischen Wintergerste und Weizen bleibt dagegen oft unbesetzt. Dabei bietet es die höchste Sonnenscheindauer und die längsten Tageserntezeiten.
Wo es betrieblich passt, können frühe Sorten, die zielsicher vor dem Weizen geerntet werden, diese Zeit nutzen. Eine frühere Sorte, die etwa fünf Tage vor einer mittelspäten Sorte abreift, kann 20 bis 30 zusätzliche Druschstunden in diesem sonst ungenutzten Erntefenster ausschöpfen. Bei einem Mittelklassemähdrescher mit 2,5 ha/h Flächenleistung sind das über 60 ha, die sicher eingebracht werden und nicht in die Weizenernte fallen.
Späte Sorten in Betracht ziehen
Im Erntezeitgerangel von Raps und Weizen hat der Weizen immer Vorfahrt. Wann immer Weizen zu dreschen geht, sollte er dem Raps vorgezogen werden, um die Weizenqualitäten zu sichern. Moderne Rapssorten sind relativ stand- und ausfallfest, dies haben die letzten Jahrzehnte bewiesen.
Fast jeder Landwirt war schon einmal gezwungen, seinen Rapsdrusch für einige Zeit zu unterbrechen, um dann festzustellen, dass dies dem Raps zum Vorteil gereicht hat. Wenn der Raps ohnehin oft zu Gunsten des Weizens nach hinten geschoben wird, warum also nicht bewusst mit später abreifenden Sorten planen und die Ernte entzerren?
Späte Sorten werden auch vor dem Hintergrund interessant, dass es den ausgeprägten Greeningeffekt oft nicht mehr gibt. Noch vor einem halben Jahrzehnt musste man die Landwirte bremsen, damit sie den grünen Raps nicht weit vor seinem ersten Geburtstag abmähten. Heute dagegen werden Mittel und Wegen gesucht, um den Raps über eine längere Reifezeit vital zu halten und ihn wieder in die Nähe seines ersten Geburtstages zu bringen.
Denn nach Ansicht der Praktiker wird das Ertragspotenzial bei Korn und Öl erst nach einer Standzeit jenseits von 330 Tagen ausgeschöpft. Durch Beschränkungen beim Pflanzenschutz und vermehrte Trockenjahre ist diese Reifezeit oft nicht realisierbar und die Sorten reifen eher ab. Spätreife Varianten zeichnen sich dagegen meist durch eine spätere Blüte und verlängerte Reifephase aus.
Diese zusätzliche Zeit ermöglicht es der Pflanze, über einen längeren Zeitraum Assimilate einzulagern, was häufig zu höheren Tausendkorngewichten und stabileren Erträgen führt. Natürlich müssen späte Sorten zum Standort und zu den betrieblichen Gegebenheiten passen.
Blütenbehandlung verlängert Reifezeit
Die Blütenbehandlung dient nicht nur zur Absicherung gegen Sklerotinia, sondern stabilisiert auch die physiologischen Prozesse während der sensibelsten Ertragsphase des Rapses. Selbst wenn der Infektionsdruck nicht vorhanden und eine Behandlung gegen Sklerotinia nicht notwendig ist, gibt es physiologische Nebeneffekte bei der Behandlung.
Auf hormonellem Wege wird die Seneszenz verzögert. Stängel und Blattfläche bleiben länger vital und die Photosyntheseaktivität länger erhalten. Die Wassereffizienz bei Trockenheit erhöht sich. Davon profitieren die Ertragskomponenten.
Messungen des Vitalitätsindex (NDVI) aus Feldversuchen belegen, dass behandelte Bestände länger vital bleiben. NDVI ist ein Maß für den Blattflächenindex und den Chlorophyllgehalt und somit eine Kennziffer für Vitalität und Biomasse eines Pflanzenbestandes.
Während zum ersten Befliegungstermin im April der NDVI in beiden Varianten noch gleich hoch war, zeigten sich zur zweiten Befliegung im Juni die Unterschiede innerhalb der Behandlungsvarianten. Was mit bloßem Auge im Bestand nicht erkennbar war, konnte mit Hilfe von NDVI- Aufnahmen sichtbar gemacht werden. Die unbehandelte Kontrolle war in der Abreife weiter fortgeschritten, während die Variante mit Blütenbehandlung einen größeren Greeningeffekt aufwies. Das ließ auf eine höhere Vitalität beziehungsweise auf eine verlängerte Reife schließen, was sich später als Ertragsvorteil gezeigt hat.
Mit der Blütenbehandlung sichert man den Ertrag gegen eine mögliche Sklerotiniainfektion ab und verlängert zugleich die Reifezeit mit höherer Assimilationsleistung. Das bringt ein paar zusätzliche Tage, je nach Sorte drei bis zu zehn Tage. Darüber hinaus verbessert sich die Platzfestigkeit der Schoten, weil bei der Vollblütenhandlung auch die Fruchtblätter, welche später die Schotenhülle bilden, vom Fungizid gestärkt werden.
Man lässt den Bestand sozusagen im „abgesicherten Modus“ länger stehen, auch, wenn man den Raps zugunsten des Weizens nach hinten verschiebt. So kommt man wieder über die Schwelle von 330 Tagen Reifezeit, um das genetische Potenzial besser zu nutzen.
Wie lange hält der Raps durch?
In den letzten 20 Jahren wurden sehr viele Versuche mit gestaffelten Ernteterminen unternommen. Die Tendenz ist klar: Zu früh dreschen kostet Ertrag und Mähdrescherleistung. Mitunter brachte jeder zusätzliche Reifetag 2 dt/ha mehr Ertrag. Natürlich wird man ausfallgefährdete Sorten in windexponierten Lagen beizeiten wegdreschen. Ansonsten honoriert der Raps eine längere Standzeit und verzeiht eine zu lange Standzeit.
Am Beispiel eines Feldversuches in Mittelthüringen konnte dies belegt werden: Zum zweiten Erntetermin, eine Woche später, stiegen die Erträge weiter an und zum dritten Erntetermin, drei Wochen später, fielen die Erträge wieder ab, jedoch nicht unter das Niveau vom ersten Druschtermin. Das heißt, mit Warten macht man tendenziell weniger falsch als mit zu frühem Drusch.
Kornfeuchte nicht mit Reife verwechseln
Der Erntetermin wird meist an der Kornfeuchte festgemacht. Zeigt der Probedrusch beispielsweise 8 Prozent Feuchte, gilt der Bestand meist als abgereift. Doch das greift oft zu kurz. Im Dreschwerk werden vor allem reife, trockene Schoten geöffnet. Grüne „Gummischoten“ werden nicht ausgedroschen und ihre feuchteren, unreifen Körner gelangen gar nicht erst in den Korntank. Die gemessene Kornfeuchte spiegelt also nur das bereits ausgedroschene Material wider.
Die Kornfeuchte ist deshalb kein verlässliches Reifekriterium. Entscheidend ist der Blick in den Bestand: Der Probedrusch schafft eine Anschnittfläche, an der sich die Abreife des gesamten Schotenpakets von oben bis unten beurteilen lässt. Selbst bei 8 Prozent Kornfeuchte können im unteren Bereich noch zahlreiche Gummischoten sitzen.
Fazit: Erntefenster aktiv vorausplanen
Jede Sorte hat ihr eigenes optimales Erntefenster mit maximalem Ertrag und bester Druscheignung. In diesem Erntefenster bringt auch der Mähdrescher seine Höchstleistung und arbeitet mit den geringsten Kosten.
Ziel einer breiten Sortenstaffelung ist die Synchronisation von Sorte und Mähdrescher zur Maximierung von Ertrag, Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Entscheidend ist es, den Raps vital über die Zielmarke von 330 Vegetationstagen zu bringen. Bestandesführung und späte Sorten verlängern die Assimilationszeit, entzerren die Ernte und sichern längere Standzeiten ab.
Frühe Sorten erschließen dagegen ungenutzte Zeitfenster vor der Weizenernte. Wer Erntefenster plant statt erduldet, reduziert die Risiken und erschließt die Ertragsreserven.
Dr. Andrea Feiffer, Franz Klüßendorf, Feiffer Consult – LW 23/2026