Unternehmerischer Mut bleibt gefragt

Erntegespräch des Regionalbauernverbands Kurhessen

Trockenheit, extreme Hitze, steigende Energie- und Betriebsmittelkosten: Beim Erntegespräch 2026 des Regionalbauernverbands (RBV) Kurhessen am 7. September wurde deutlich, wie anspruchsvoll die Rahmenbedingungen für die landwirtschaftlichen Betriebe inzwischen sind. Gleichzeitig zeigte sich: Nordhessens Landwirtschaft ist anpassungsfähig und verfügt über gute Voraussetzungen, um auch schwierige Jahre zu bewältigen. In den Kartoffelhallen von Tobias Wicke in Edermünde trafen sich Landwirte, Vertreter aus der Verwaltung sowie befreundete landwirtschaftliche Verbände, um gemeinsam auf die Ernte 2026 zu blicken und über die Zukunft der Landwirtschaft in Nordhessen zu diskutieren.

Von links: Karsten Schmal, Präsident des Hessischen Bauernverbands, Norbert Klapp, Vorsitzender des Regionalbauernverbands Kurhessen, Landwirt Tobias Wicke und Ingvar Grebe, Fachbereichsleitung Landwirtschaft und Landentwicklung im Schwalm-Eder-Kreis.

Foto: RBV Kurhessen

„Hessen ist in diesem Jahr von der Dürre schwer getroffen worden. Nordhessen ist im Vergleich noch mit einem blauen Auge davongekommen“, sagte Karsten Schmal, Präsident des Hessischen Bauernverbands (HBV). Während einige Regionen von einzelnen Regenschauern profitieren konnten, litten andere Landesteile unter extremer Trockenheit. Die Bestände entwickelten sich entsprechend sehr unterschiedlich. Eine einheitliche Bewertung der Ernte sei deshalb in diesem Jahr sowohl regional als auch überregional nur schwer möglich.

Bei den einzelnen Kulturen zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Wintergerste konnte die frühen Niederschläge noch gut in Ertrag umsetzen. Aufgrund ihrer frühen Entwicklung profitierte sie von der im Frühjahr vorhandenen Bodenfeuchte.

Auch der Raps erweist sich als wirtschaftlicher Stabilisator. Solide Erträge werden durch überdurchschnittliche Ölgehalte ergänzt. Damit kann die Kultur trotz volatiler Marktpreise zur wirtschaftlichen Stabilität der Betriebe beitragen.

Beim Winterweizen führte die extreme Hitzeperiode im Juni und Juli dagegen vielfach zur Notreife. Ein hoher Anteil an Schmachtkorn und eine ungleichmäßige Kornfüllung sind die Folge. Die Erträge bleiben damit deutlich hinter den zunächst sehr guten Erwartungen zurück.

Besonders angespannt ist die Situation bei viehhaltenden Betrieben. Niedrige Grünlanderträge und schwache Silomaiserträge erschweren die Sicherung der Grundfutterversorgung. Die mangelnde Kolbenausbildung beim Silomais verschärft die Situation zusätzlich: Sie mindert nicht nur die Erntemenge, sondern auch die Energiedichte des Futters.

Bei den Zuckerrüben wird in diesem Jahr mit einer durchschnittlichen Ernte gerechnet. Aufgrund der gleichzeitig verringerten Anbaufläche besteht die Hoffnung auf steigende Erlöse und damit auch auf bessere Erzeugerpreise. Der Start der diesjährigen Rübenkampagne ist für den 10. September vorgesehen.

Früh gestartet ist in diesem Jahr die Kohlernte in der Region. Auch hier zeigt sich ein sehr heterogenes Bild: Die Erträge bewegen sich zwischen 1,5 und 7 Kilogramm pro Kopf.

Anpassungsstrategien werden wichtiger

Für die kommende Aussaat gewinnt die Anpassung an zunehmende Wetterextreme weiter an Bedeutung. Eine gezielte Sortenwahl mit Blick auf Hitze- und Trockentoleranz sowie eine flexible Stickstoffstrategie können dazu beitragen, Ertragsrisiken zu reduzieren und die Wirtschaftlichkeit der Betriebe zu sichern.

Für Karsten Schmal ist dabei auch die Politik gefordert. Gerade in schwierigen Jahren könne eine seit Langem geforderte Mehrgefahrenversicherung landwirtschaftlichen Betrieben wichtige Unterstützung bieten. Darüber hinaus müsse es möglich sein, eine Risikoausgleichsrücklage zu bilden, um finanzielle Belastungen in Dürreperioden besser abfedern zu können.

Doch nicht nur Wetterextreme setzen die Betriebe unter Druck. Deutlich gestiegene Energiekosten sowie höhere Preise für Diesel und Düngemittel belasten die Wirtschaftlichkeit zusätzlich. Schmal appellierte daher an die Politik, neben den Kosten insbesondere auch die Versorgungssicherheit stärker in den Blick zu nehmen. „Insbesondere bei Stickstoffdüngern brauchen wir eine nationale Strategie, damit die Landwirtschaft auch bei angespannten weltpolitischen Verhältnissen zuverlässig versorgt werden kann“, der HBV-Präsident.

Investitionen setzen ein Zeichen für die Region

Neben den zahlreichen Herausforderungen gab es beim Erntegespräch auch positive Sig­nale für die Region. Georg Koch, Vorsitzender des Verbandes der Zuckerrübenanbauer Kassel, verwies auf die kürzlich erfolgte Eröffnung eines neuen Zuckersilos und einer eigenen Abwasserreinigungsanlage im Südzuckerwerk Wabern.

Die Investitionen seien ein wichtiges Signal für die Zukunft des Standorts und für die gesamte Region, betonte Koch. Sie zeigten, dass auch unter schwierigen Rahmenbedingungen in die Zukunft der landwirtschaftlichen Wertschöpfung investiert werde.

„Wir sind Unternehmer“

Den Blick über die aktuelle Ernte hinaus richtete Norbert Klapp auf die Zukunft der Landwirtschaft. Die Branche stehe vor großen Herausforderungen – insbesondere für die nächste Generation von Betriebsleitern.

Gerade in der Tierhaltung müsse die Bürokratie reduziert und Auflagen stärker an ihrem eigentlichen Zweck ausgerichtet werden, forderte Klapp. Landwirtschaftliche Betriebe seien Unternehmen und benötigten deshalb ausreichend unternehmerischen Gestaltungsspielraum.

Wie dieses Zukunftsdenken in der Praxis aussehen kann, zeigte anschließend die Betriebsführung bei Tobias Wicke. Der Edermünder hat den elterlichen Betrieb, der bereits Kartoffeln anbaute und geschält vermarktete, zu einem modernen und leistungsfähigen Anbaubetrieb für Industriekartoffeln weiterentwickelt.

Mit moderner Lagertechnik, klarer betrieblicher Ausrichtung und gezielten Investitionen steht der Betrieb beispielhaft für den unternehmerischen Mut, der notwendig ist, um auch unter schwierigen Rahmenbedingungen eine Perspektive für die Landwirtschaft zu schaffen.

RBV Kurhessen – LW 39/2026