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17. Fachtagung Ackerbau Main-Kinzig

Schutz von Pflanze und Boden bleiben Kernthemen im Ackerbau

Rund 200 Teilnehmer aus Landwirtschaft und Beratung kamen zusammen, um auf der 17. Fachtagung Ackerbau Main-Kinzig über Entwicklungen und Herausforderungen im Ackerbau zu diskutieren. Kernthemen waren der Pflanzenschutz und der Schutz des Bodens bei der Bearbeitung. Besonders die Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln bereitet den Praktikern Sorgen. Mögliche Antworten wurden auf der Tagung in Gründau besprochen.

Die Referenten der 17. Fachtagung Ackerbau Main-Kinzig (v. l.): Jonas Schulze (LLH-Projekt „100 nachhaltige Bauernhöfe“), Ralf Nagel (LLH-Pflanzenbauberatung), Andreas Hommertgen (Pflanzenschutz DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück), Hannah Adam-Schilling (Verband der hessisch-pfälzischen Zuckerrübenanbauer), Manfred Kirchner (Landwirt und LLH-Pflanzenbauberater im Ruhestand) sowie Moderator Stephan Brand (LLH-Pflanzenbauberatung). Foto: LLH

Ein Schwerpunkt der Tagung war die Schilf-Glasflügelzikade, die sich seit 2018 in Hessen stark ausbreitet. Inzwischen gelten neben Zuckerrüben und Kartoffeln auch verschiedene Gemüsekulturen sowie bestimmte Unkräuter als Wirtspflanzen. „Im vergangenen Jahr wurden erstmals auch in Linsengericht und Maintal-Hochstadt hohe Befallsraten und deutliche Krankheitsausbrüche festgestellt“, ergänzte Moderator Stephan Brand, vom Beratungsteam Pflanzenbau des Landesbetriebes Landwirtschaft Hessen (LLH). Durch die Übertragung bakterieller Erreger ist die Wirtschaftlichkeit des Anbaus von Zuckerrüben, Kartoffeln und Gemüse zunehmend gefährdet. Besonders der Vergleich gesunder und befallener Kartoffelpartien sorgte im Saal für sichtliche Beunruhigung.

Die Experten Hannah Adam-Schilling, Verband der hessisch-pfälzischen Zuckerrübenanbauer, und Dr. Dominik Dicke, Pflanzenschutzdienst Hessen, informierten über aktuelle Erkenntnisse zur Ausbreitung, über praktisch umsetzbare Eindämmungsstrategien sowie über den Stand intensiver Forschungsarbeiten. Auch die Wirkung chemischer Maßnahmen und mögliche zukünftige Beizstrategien wurden diskutiert. In ihrem Fazit appellierte Adam-Schilling, „jede Auffälligkeit im Feld weiterzugeben“. Nur durch eine enge Zusammenarbeit von Praxis, Beratung und Forschung ließen sich die existenzbedrohenden Auswirkungen der Schilf-Glasflügelzikade bewältigen.

Saatgutbeizung − Status quo und Perspektiven

Ralf Nagel, LLH-Beratungsteam Pflanzenbau, beleuchtete die Bedeutung der Beizverfahren. Er stellte klar: „Bei der Beizung handelt es sich um geringe Wirkstoffmengen, die ausschließlich dort landen, wo sie benötigt werden – punktgenau direkt am Korn.“

Neben der Wahl einer geeigneten Sorte sei daher auch eine passende, hochwertige Beizausstattung entscheidend. Bei der Hofbeizung bestehe zudem eine Kontrollpflicht für Beizgeräte. Insbesondere Dichtigkeit und exakte Dosierung seien nicht nur für die Qualität der Beizung, sondern auch für den Anwenderschutz ausschlaggebend. Mit Blick auf anstehende Wirkstoff-Wiederzulassungen könne der chemische Beizschutz künftig unter Druck geraten. Alternative Verfahren wie elektronische oder thermische Saatgutbehandlung gewännen daher an Bedeutung. Sein Fazit: Eine kluge Kombination verschiedener Maßnahmen sowie die Wahl gesunder Saatgutpartien werden künftig noch stärker über den erfolgreichen Schutz des Saatkorns entscheiden.

Unkrautbekämpfung unter neuen Bedingungen

Andreas Hommertgen, Gruppenleiter des Pflanzenschutzdienstes am DLR, berichtete über aktuelle Versuchsergebnisse zur Regulierung schwer bekämpfbarer Ungräser im Ackerbau. Insbesondere der Ackerfuchsschwanz verursacht in Getreidebeständen Ertragsverluste von bis zu 50 Prozent. Der zulassungsbedingte Wegfall des Bodenwirkstoffs Flufenacet erschwert die Bekämpfung zusätzlich. Alternative Wirkstoffe wie Prosulfocarb können dessen Wirkung nur mit Einbußen von rund 20 Prozent ersetzen, so Hommertgen.

Die Herbstanwendung im Vorauflauf werde daher künftig zum Standard in der chemischen Ungrasbekämpfung im Wintergetreide. Dabei bewege man sich jedoch auf einem schmalen Grat zwischen Bekämpfungserfolg und Kulturverträglichkeit. Empfindliche Kulturen wie Wintergerste und Roggen sollten nicht auf Problemstandorten mit Ackerfuchsschwanz angebaut werden. Ergänzend seien eine späte Aussaat, der Anbau von Sommerfrüchten, mechanische Maßnahmen wie Striegeln sowie eine intensivere Grundbodenbearbeitung wichtige Bausteine einer integrierten Strategie. Alle Möglichkeiten zur Reduzierung des Ungrasbesatzes sollten ausgeschöpft werden.

Neue Herausforderungen im Rapsanbau

In einem zweiten Vortragsteil berichtete Andreas Hommertgen über die in Rheinland-Pfalz nachgewiesene Pyrethroidresistenz bei der Bekämpfung von Erdflöhen im Winterraps. Nach seiner Einschätzung ist diese Entwicklung nicht auf Rheinland-Pfalz beschränkt, sondern auch in Hessen verbreitet. Die Bekämpfungsstrategie müsse daher an die veränderte Situation angepasst werden, um den Rapsanbau weiterhin wirtschaftlich zu gestalten. Entscheidend sei, dass der Raps bereits Anfang September aufgelaufen und ausreichend entwickelt ist, um dem Zuflug der Erdflöhe standzuhalten. Im weiteren Verlauf könne der Einsatz alternativer zugelassener Wirkstoffe wie Cyantraniliprole (Minecto Gold, Exirel) erforderlich werden – auch wenn dieser mit deutlich höheren Kosten verbunden ist.

Systemvergleich zur Bodenbearbeitung

Ein besonderer Programmpunkt war am Nachmittag ein Gespräch mit Manfred Kirchner, Landwirt und LLH-Pflanzenbauberater im Ruhestand, über einen 30-jährigen Systemvergleich von Pflug-, Mulch- und Direktsaat in Willershausen. Langjährige Praxiserfahrungen zeigen: Bodenschonende Verfahren steigern den Bodenwassergehalt und die Erosionsresistenz, besonders bei Starkregen – allesamt Vorteile für Ertragssicherheit und Kosteneffizienz.

Herausfordernd für die Direktsaat sind allerdings schwierige beziehungsweise nasse Aussaatbedingungen. Hier empfiehlt es sich, die Aussaat zu verschieben und gegebenenfalls auf eine Herbstaussaat gänzlich zu verzichten. Unterschiede zu etablierten Systemen wurden anhand von Ergebnissen zu Erträgen, Krankheitsbefall, Schädlingsdruck und Ungrasbesatz diskutiert. Manfred Kirchner betonte in seinem Fazit: „Jedes System ist nur so gut wie das Können des Bewirtschaftenden. Die Wahl der Geräte muss aufgrund der Voraussetzungen des Standortes, des Bodenzustandes und der Witterung erfolgen.“

Die Veranstaltung wurde von der Pflanzenbauberatung des LLH organisiert, in Kooperation mit dem Amt für Umwelt, Naturschutz und ländlichen Raum des Main-Kinzig-Kreises, dem Kreisbauernverband, der Raiffeisen Waren GmbH, der Landtechnischen Fördergemeinschaft Gelnhausen, der Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung und dem Bodenverband Main-Kinzig.

LLH – LW 9/2026
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