Selten stehen sich so viele Abgeordnete und junge Engagierte vom Land so direkt gegenüber wie beim Parlamentarischen Abend des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL). Rund 20 Bundestagsabgeordnete, unter ihnen Staatssekretärin Martina Englhardt-Kopf aus dem Landwirtschaftsministerium, trafen Ende März auf doppelt so viele Landjugendliche. Statt Abstand und Bühne gab es fünf große Tische und Gespräche auf Augenhöhe, die schnell Fahrt aufnahmen.
„Wir stehen für Demokratie, nicht nur im Grundsatz, sondern dort, wo sie im Alltag konkret wird – im Dorf, im Verein, im Betrieb“, sagte der BDL-Bundesvorsitzende, Lars Ruschmeyer, beim Parlamentarischen Abend Ende März in Berlin. Seine Amtskollegin Theresa Schmidt ergänzte: „Wir hören viele richtige Sätze aus Berlin. Aber entscheidend für uns und die Menschen auf dem Land ist, dass daraus verlässliche Politik wird. Uns allen hier ist klar, dass ohne junge Menschen auf dem Land mehr kippt als nur Infrastruktur.“
Am Tisch zu Rechtsextremismus in der Landwirtschaft berichtete der Berufsnachwuchs von seinen Erfahrungen. Es sei nicht ungewöhnlich, dass rechtsextreme Akteure gezielt Anschluss suchten, landwirtschaftliche Themen kaperten, versuchen würden Grenzen zu verschieben oder sich als Kümmerer vor Ort darzustellen.
Wo es geht, halte Landjugend dagegen. Sie organisiere Aufklärung, setze Grenzen und stärke Netzwerke. Dafür brauche es Unterstützung. „Ehrenamt trägt hier die Last der Demokratiearbeit oft im Stillen“, so Schmidt: „Das funktioniert nur mit Rückhalt, nicht mit Schulterklopfen. Dazu gehört auch die Präsenz der demokratischen Parteien auf dem Land.“
Mobile Beratung, stabile Programme und klare politische Rückendeckung würden im Zentrum der Forderungen der Landjugend stehen.
Wenn Versprechen auf Realität treffen
Resiliente ländliche Räume – der Begriff klingt groß, fast technisch. Vor Ort zeigt sich oft ein anderes Bild: wohnortferne Lebensmittelversorgung, ausgedünnter Nahverkehr, geschlossene Hausarztpraxen, digitale Funklöcher mitten im Alltag. Der Koalitionsvertrag liefere Zielbilder, doch die Umsetzung stolpere hinterher, so der BDL. Dabei sei allen am Tisch klar, dass die Dörfer leise sterben, wenn die Infrastruktur kippt.
Einigkeit bestand darin, dass Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze auf dem Land gezielt gestärkt werden müssten, damit junge Menschen dort weiter eine Heimat fänden.
Jugend braucht Spielraum, kein Korsett
Rückenwind brauchen auch die Jugendverbände. Im Koalitionsvertrag sei vereinbart worden, den Kinder- und Jugendplan finanziell zu stärken und seine Mittel künftig dynamisch anzupassen. Doch bislang sei dort nichts geschehen. Das enttäusche aus Sicht des BDL genauso wie Förderbestimmungen, die für eigenständige Jugendverbandsarbeit zunehmend nicht passten.
Jugendarbeit funktionierte nicht nach Vorschrift, sondern brauche Vertrauen, so der Tenor am Tisch. Jugend zu fördern sei entscheidend: Wer heute spare, verliere morgen.
Weinbau unter Druck: Die Geduld ist am Ende
Im Weinbau verschärft sich der Druck im mittlerweile dritten Krisenjahr weiter. Die schwachen Erlöse bei gleichzeitig steigenden Kosten würden viele Betriebe zum Aufgeben zwingen.
In der Branche und beim Berufsnachwuchs herrsche Hoffnungslosigkeit. Immer mehr Weinberge stünden zur Verpachtung. Dabei präge Weinbau Dörfer, Arbeitsplätze und Kulturlandschaften. Das machten die Jungwinzer:innen in der Debatte mit den Parlamentarier:innen sehr greifbar.
Ein Hoffnungsschimmer sei das EU-Weinpaket, das den nationalen Regierungen Werkzeuge an die Hand gibt und dringend in nationales Recht gegossen werden müsse. Sie forderten Tempo, damit die Weinbau-Struktur nicht kippt, bevor die Politik reagiert.
Aktuell seien in Deutschland 90 Prozent der Betriebsleiter:innen keine Junglandwirt:innen. Hofnachfolger:innen fehlten, denn der Boden bleibe teuer, Pachten würden weiter steigen und Einstiegshürden die Zukunft verbauen. Das Problem sei erkannt, so der BDL. Europäische Strategien setzten mit der GAP ab 2028 Impulse und sähen ein Starterpaket vor. Doch die nationale Umsetzung sei bislang nicht geklärt. Das bereite dem Berufsnachwuchs Bauchschmerzen.
So positiv es klinge, dass sechs Prozent der nationalen GAP-Mittel für den Generationenwechsel reserviert werden, so sehr müsse dies auch verbindlich geregelt werden – das wurde am landwirtschaftlichen Thementisch von allen verstanden und geteilt.
Soziale Medien – Werkzeug, Verbot, Meinungsmacht
Soziale Medien treiben Debatten. Die Landjugend sieht ein Verbot wie in Australien kritisch. Aber mehr Schutz sei dringend nötig: für alle Altersgruppen. Sie fordere klare Regeln für Plattformen, bessere Medienbildung und echte Transparenz.
Im Gespräch mit den Abgeordneten ging es auch um deren Handeln im digitalen Raum: Denn wer postet, übt Einfluss aus. Daher will der BDL, dass die Parteien sich selbst verpflichten, Fake News nicht zu posten oder zu teilen, auch wenn sie Klicks versprechen. Politische Auseinandersetzung müsse ohne das Schüren von Ängsten oder Vorurteilen auskommen, hieß es von Seiten der Landjugend.
Ob der Abend Wirkung zeigt? „Direkte Gespräche bleiben hängen, Argumente bekommen Gesichter, Beispiele bleiben so im Kopf“, ist die BDL-Bundesvorsitzende Theresa Schmidt überzeugt. „Politik entsteht nicht im Vakuum“, fasst ihr Co-Vorsitzender Lars Ruschmeyer zusammen: „Sie entsteht dort, wo Menschen berichten, wie es wirklich läuft.“
LW, BDL – LW 15/2026