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Vier Betriebe in zwei Tagen besichtigt

Milchkuhhalter auf Exkursion nach Thüringen und Sachsen

Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) bot im Rahmen des Projekts Netzwerk Fokus Tierwohl eine zweitägige Exkursion zu Milchkuhbetrieben nach Thüringen und Sachsen an. Der Bus war mit 45 Teilnehmenden gut gefüllt. Die Gruppe bestand größtenteils aus Mitgliedern der Milchkuharbeitskreise des LLH, ergänzt durch Milchkuhhaltende aus anderen Bundesländern. Besichtigt wurden vier Milchkuhbetriebe mit jeweils unterschiedlichen betrieblichen Schwerpunkten.

Die Exkursion traf auf großes Interesse. Besonders die Einblicke in die verschiedenen Betriebsstrukturen und die Offenheit der Betriebsleiter haben die Teilnehmer beeindruckt. Foto: LLH

Der erste Stopp der Exkursion führte die Gruppe nach Ballhausen. Carsten Göbel, Vorstandsvorsitzender der Agrarbetriebe Ballhausen, begrüßte die Teilnehmenden und gab einen umfassenden Überblick zum Betrieb. Der Betriebsstandort liegt im Thüringer Becken. Hier fallen im Jahresmittel rund 530 mm Niederschlag an, das durchschnittliche Bodenniveau liegt etwa bei 160 ü. NN, und die Durchschnittstemperatur beträgt rund 8,9 °C, begleitet von einer vorsommertrockenen Phase. Die Genossenschaft bewirtschaftet zirka 1 300 ha konventionell sowie 205 ha nach EU-Biorichtlinien. Eine Biogasanlage mit zwei Motoren und einer Leistung von 716 kW beziehungsweise 525 kW ist ebenfalls auf dem Gelände in Betrieb.

Die Milchkuhhaltung umfasst rund 600 Milchkühe, davon etwa 80 Prozent in Hochboxen und der Rest in Strohbuchten. Die Nachzucht wie auch die Trockensteher werden vollständig auf Stroh gehalten. Die Milch geht zum Milchhof Albert nach Bayern. Im Jahr 2024 lieferte der Betrieb rund 5,49 Mio. kg Milch mit einem durchschnittlichen Fettgehalt von 3,99 Prozent und einem Eiweißgehalt von 3,49 Prozent.

Vom Side-by-Side-Melken zum Batch-Milking-System

Ein besonderer Fokus lag bei der Besichtigung auf dem neu eingeführten Melksystem: Vor der Umstellung wurde mit einem 2x Side-by-Side-Melksystem von Lemmer Fullwood gemolken. Nun ist der Betrieb auf zwölf nebeneinanderstehende Roboter der Firma GEA (Dairyrobot R9500) im Batch-Milking-Verfahren umgestiegen. Motivation für die Umrüstung war anhaltender Personalmangel und der Wunsch nach einer effizienteren Arbeitsweise, denn das manuelle Ansetzen der Melkgeschirre entfällt ab sofort. Gleichzeitig soll das Gruppenmelken weiterhin beibehalten werden, sodass die Vorteile beider Varianten genutzt werden können. Pro Gruppe werden 50 bis 90 Kühe gemeinsam in den Vorwartehof der Melkanlage getrieben.

Eine Besonderheit dieser Anlage ist, dass die komplette Robotertechnik im Keller installiert ist. Dadurch wird einerseits Platz zwischen den Robotern geschaffen und deren Anordnung kompakter gestaltet; andererseits erleichtert die zentrale Lage Wartungsarbeiten. Zudem trennt das System sauber den „Schmutzbereich“ oben an den Robotern vom „Hygienebereich“ im Keller, sodass neben der Robotertechnik auch Pumpen und Milchtanks im Keller sauber gehalten werden. Nachteilig ist das manuelle Ansetzen des Melkbechers bei Kühen, die vom Roboter nicht automatisch erfasst werden. In solchen Fällen muss das Melkpersonal hinter der Kuh in der Hocke arbeiten, da keine Melkgrube vorhanden ist.

In der Milchkuhhaltung sind 12 Vollzeit-Arbeitskräfte (AK) und eine Person auf Minijobbasis angestellt. Zudem kommen zehn Mitarbeiter, ein Auszubildender und eine Teilzeitkraft in den Arbeitsbereichen Ackerbau und Werkstatt sowie zwei AK im Büro und die zwei Betriebsleitungen hinzu.

Genossenschaft produziert Biogas, Milch und mehr

Anschließend führte die Exkursion knapp 200 Kilometer weiter nach Lichtenau Ottendorf. Andreas Neubert, Betriebsleiter der Tierproduktion, empfing die Gruppe herzlich und teilte sie zunächst in zwei kleinere Teams auf. Neubert gab der ersten Gruppe einen gesamtbetrieblichen Überblick, begleitet von einer PowerPoint-Präsentation und einem Betriebsspiegel, den die Teilnehmenden erhielten. Der Verbundbetrieb umfasst Tier- und Pflanzenproduktion sowie Biogas- und Photovoltaikanlagen. Zusammen produzieren die 250 und 240 kW-Biogasanlagen etwa 3,77 Mio. kWh pro Jahr. Die Restwärme der Anlage wird für die Wirtschaftsbereiche der Ställe, die Wohnhäuser, die Getreidebelüftung und einen angrenzenden Campingplatz genutzt. Das produzierte Gas wird vollständig ins öffentliche Netz eingespeist. Auch die Stromerzeugung der 46 kWp Photovoltaikanlage wird vollständig in das öffentliche Netz eingespeist.

Die Genossenschaft bewirtschaftet 1 103 ha, davon 893 ha Ackerland und 210 ha Grünland. Die durchschnittliche Temperatur liegt bei 10,3 °C und pro Jahr wird eine durchschnittliche Niederschlagsmenge von 775 l/m² gemessen. Die Böden bestehen überwiegend aus sandigem Lehm und weisen Werte zwischen 50 und 55 Bodenpunkten auf, wobei etwa 50 Prozent der Flächen drainiert sind.

Eigener Milchtanklastzug und GEA-Melkkarussell

Zu den tierproduktionstechnischen Kennzahlen lässt sich sagen, dass der Betrieb 2024 5,9 Mio. kg Milch (100 Prozent S-Klasse) an die Molkerei Hainichen-Freiberg GmbH geliefert hat. Der Monatsdurchschnitt liegt bei 11 007 kg pro Kuh und Jahr, bei einem Fettgehalt von 3,61 Prozent und einem Eiweißgehalt von 3,48 Prozent (Stand MLP Oktober 2025). Insgesamt hält der Betrieb zirka 550 Milchkühe, 360 Färsen sowie 320 Jungrinder und Kälber. Außerdem verfügt er über einen eigenen Milchtank­lastzug mit Hänger. Damit wird neben der eigenen Milch weitere von etwa 60 Betrieben in die Molkerei nach Freiberg geliefert. Das Fahrzeug ist rund 20 Stunden pro Tag im Einsatz und wird von drei Personen im Schichtsystem bedient.

Zeitgleich besichtigte die andere Gruppe das 28er vollautomatisierte Melkkarussell von GEA (Melkplatzmodule DairyProQ). Ähnlich wie beim vorherigen Betrieb wird auch hier in Gruppen gemolken. Bei insgesamt zwei Melkzeiten pro Tag werden zuerst die beiden Hochleistungsgruppen gemolken, danach die Frisch- und zuletzt die Altmelkenden. Die Kühe ruhen vollständig auf Hochboxen mit Gummimatten, für die sich aus arbeitswirtschaftlichen Gründen entschieden wurde. Die Kühe in den Abkalbebuchten und die weiblichen Kälber ab einem Alter von zwei Wochen werden in einem Altgebäude vollständig auf Stroh gehalten. Die männlichen Kälber werden in Gruppeniglus gehalten; alle Kälber unter zwei Wochen in Einzel- oder Paariglus. Das hohe Tierwohl und das professionelle Management in der Kälber- und Jungviehaufzucht fielen ebenso positiv auf wie die erfolgreiche Umnutzung von Altgebäuden zu einem tiergerechten Abkalbestall.

Besuch in Deutschlands erstem Kuhgarten

Der zweite Exkursionstag begann im sogenannten Kuhgarten der Dresdner Vorgebirgs Agrar AG. Die innovative Milchkuh-Anlage ist seit Mai 2025 in Betrieb und verfolgt einen anderen Ansatz als gewohnte Milchkuhanlagen. Die Idee, Kühe in dieser Form zu halten, hat ihren Ursprung in den Niederlanden. Das Dach ist in Bögen gebaut und lichtdurchlässig, sodass eine Integration von Pflanzen im Stall möglich ist. Die Kühe haben keine Liegeboxen oder Liegebereiche mit Stroh; sie können sich überall im Stall frei ablegen. Der Boden ist nicht wie üblich planbefestigt oder mit Spalten versehen, sondern weideähnlich gestaltet. Auf der stabilen Unterkonstruktion liegt ein weiches, flüssigkeitsdurchlässiges Gummigranulat, darüber eine Deckplane, die ebenfalls Flüssigkeit durchlässt und rutschfest ist. Der Kot, der auf der Deckplane liegen bleibt, wird in regelmäßigen Abständen durch Roboter abgeschoben. Durch die Kot-Harn-Trennung gelangen weniger Emissionen in die Umwelt als bei einem herkömmlichen Betonboden.

In dem knapp 10 000 m² großen Stall werden 450 Kühe gemolken, unterstützt von neun Lely-A5-Robotern. Zudem erfolgt die Fütterung vollständig automatisiert durch zwei Lely-Vector-Fütterungsroboter. Eine weitere Besonderheit ist die Laufgangkonstruktion in Behandlungs- und Klauenständen: Das System basiert auf der Erkenntnis, dass Rinder sich einfacher in Kurven treiben lassen. Dieses Wissen wird in dieser Konstruktion genutzt, sodass das Treiben in die Behandlungsstände stressärmer erfolgen kann. Trockensteher und trächtige Färsen werden in Strohboxen gehalten.

Just-In-Time zum Abkalben in die Einzelbox

Neben den Strohboxen befinden sich mehrere kleine Abkalbeboxen, die mit einer weichen Gummimatte ausgestattet sind. Das langfristige Ziel ist, die Kühe zum Abkalben in die kleinen Einzelboxen zu bringen (Just-In-Time Abkalbung). So kann die Mutterkuh alleine abkalben und die Abkalbung genau überwacht oder gegebenenfalls eingegriffen werden. Im Anschluss kann die Box einfach und schnell gereinigt und desinfiziert werden. Voraussetzung für die Just-In-Time Abkalbung sind jedoch 24-Stunden-Schichten, die aktuell noch nicht realisiert werden können.

Die Kälber werden draußen in Kälberhütten gehalten. Diese, bestehend aus drei Einzelboxen, lassen sich durch das Entfernen der Zwischenwände auch in Gruppenboxen umfunktionieren. Mit einer Palettengabel lassen sich die Hütten anheben und am gewünschten Platz durch das Öffnen des Bodens entleeren – und können somit schnell und einfach gesäubert und desinfiziert werden. Die älteren weiblichen Kälber werden im Kuhstall in einer großen Gruppenbox mit Tränkeautomat gehalten und gefüttert.

Da die meisten Teilnehmer dieses System noch nicht kannten oder nur davon gelesen beziehungsweise es im Fernsehen gesehen hatten, war die Besichtigung ein besonderes Erlebnis.

Bereits Anfang der 2000er-Jahre Melkroboter im Einsatz

Nach einem Zwischenstopp zum Mittagessen ging es zum letzten Besichtigungsbetrieb der Exkursion nach Roßwein. Christian Kalbhenn, Betriebsleiter der Milchkuhanlage bei der Haßlau GbR, empfing die Gruppe an der Milchtankstelle. Zunächst gab er einen gesamtbetrieblichen Überblick, begleitet von einem Betriebsspiegel, den die Teilnehmer erhielten. Seit 1996 führt Christian Kalbhenn den Betrieb und gründete im selben Jahr die GbR Haßlau Gröbner/Kalbhenn. Seitdem hat sich der Betrieb stetig entwickelt und ist gewachsen. Schon früh wurde großer Wert auf Automatisierung gelegt. Die GbR hatte bereits 1998 im Zuge eines Boxenlaufstallbaus einen Melkroboter (Lely A2) eingebaut und war damit einer der ersten Betriebe mit Robotertechnik. In den frühen 2000er-Jahren wurde der Stall schrittweise erweitert und somit hat sich der Betrieb bis heute vergrößert. In 2017/18 standen die größten Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen an: Ein zusätzlicher Milchviehstall wurde gebaut, die Fahrsiloanlagen wurden erneuert und erweitert, ein neuer Kälberstall errichtet sowie ein neuer Repro-Bereich.

Aktuell bewirtschaftet die GbR gut 500 ha, davon 120 ha Dauergrünland. Kälber unter zwei Wochen werden in Einzeliglus im Außenbereich gehalten. Die älteren männlichen Kälber werden ab einem Alter von zwei Wochen bis zum Verkauf in Gruppeniglus gehalten. Die älteren weiblichen Kälber kommen in den neu gebauten Kälberstall und werden mit Tränkeautomaten versorgt. In diesem Stall rücken sie je nach Alter immer ein Abteil weiter, bis sie nach einem halben Jahr auf den Nachzuchtbetrieb ausgelagert werden. Bis zu einem Lebensalter von drei Monaten werden die Kälber auf Stroh gehalten, danach auf Spalten mit Hochboxen. Je nach Witterungsverhältnissen haben die Kälber die Möglichkeit, in den Außenbereich zu gehen. Gemolken werden etwa 730 Milchkühe mithilfe von 13 Melkrobotern der Firma Lely. Das Jungvieh wird kurz vor der Abkalbung wieder auf den Betrieb gebracht. Mit einer durchschnittlichen Milchleistung von 39 kg pro Kuh und Tag, einem durchschnittlichen Fettgehalt von 4 Prozent und einem Eiweißgehalt von durchschnittlich 3,5 Prozent wird die Arbeit des Betriebsleiters untermauert.

Unterschiedliche Strukturen gaben wertvolle Einblicke

Die zweitägige Exkursion bot vielfältige Praxisbeispiele von hochmodernen Milchkuhanlagen. Da jeder Betrieb in seiner Entwicklung, den baulichen Gegebenheiten, der Betriebsphilosophie sowie im Management einzigartig war, wurde ein abwechslungsreiches Programm geboten. Besonders wertvoll war der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, und die gute Gruppendynamik zeigte sich auch beim Ausklang am Abend in Dresden. Obwohl die Betriebsstrukturen größer und anders als in hessischen Betrieben sind, waren die Einblicke äußerst interessant und in vielerlei Hinsicht auch auf den eigenen Betrieb übertragbar. Die Exkursion wurde als intensive, praxisnahe Fortbildung wahrgenommen, die fachliches Verständnis vertiefte, Netzwerke stärkte und neue Impulse lieferte.

Carina Führer, LLH – LW 5/2026
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