Seit Jahrzehnten den Schädlingen auf der Spur
Michael Lenz: Erfahrung ist enorm wichtig
Seit 37 Jahren ist Michael Lenz in Hessen für die Schaderregerüberwachung zuständig. Er ist mittlerweile eine Institution und bundesweit als Experte in Sachen Pflanzenschutz gefragt. Anfang 2027 geht er in den Ruhestand, allerdings endet seine aktive Zeit schon in den nächsten Wochen. Das LW hat mit ihm über seinen Werdegang beim Pflanzenschutzdienst und die langjährigen Entwicklungen im Ackerbau gesprochen.
LW: Herr Lenz, wie waren Ihre Anfänge beim Pflanzenschutzdienst?
Lenz: Mein erster Zugang zur Landwirtschaft war der Betrieb meines Onkels in Cölbe, wo ich als Jugendlicher geholfen habe. Ein Verwandter meines Onkels machte in den Siebzigern eine Ausbildung zum Landwirtschaftlich-technischen Assistenten in Rauischholzhausen, und so kam es, dass ich von 1978 bis 1980 eine solche in Gießen gemacht habe. Das war Versuchstechnik pur. Nach einem Praktikum folgte die Fachoberschule in Kirchhain und im Anschluss von 1984 bis 1988 ein Agrar-Studium in Witzenhausen, Gesamthochschule Kassel.
1989 habe ich mich beim Pflanzenschutzdienst beworben und wurde angenommen, und zwar für den Bereich Warndienst und Schaderregerüberwachung. Der Pflanzenschutzdienst war damals noch in Frankfurt zu Hause und ist dann 1997 nach Wetzlar in die ehemalige Spilburg-Kaserne umgezogen, wo er noch heute sitzt.
LW: Was macht die Beschäftigung mit der Schaderregerüberwachung aus?
Lenz: Die Überwachung von Krankheiten und Schädlingen ist eine gesetzliche Pflichtaufgabe nach dem Pflanzenschutzgesetz. In Hessen ist sie beim Pflanzenschutzdienst des RP Gießen angesiedelt. Hier werden die Grundlagen für den Warndienst, die Beratung und Prognosemodelle erarbeitet sowie der Warndienst erstellt. Aber auch die Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig, denn letztendlich produziert die Landwirtschaft für die Gesellschaft. Ein wichtiger Aspekt ist die Zusammenführung vieler Beteiligter wie Betriebsleiter, Wissenschaftler, Berater, Vertreter aus der Industrie und Handelsstufe und Institutionen der einzelnen Kulturpflanzen, eine Netzwerkarbeit.
Leitbild ist der Integrierte Pflanzenschutz, der die biologische Bekämpfung, Wirtspflanzenresistenz und angepasste Anbaupraktiken miteinander verknüpft und die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln auf das notwendige Maß reduziert. So soll auch die Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln durch sichere Erträge gewährleistet werden. Voraussetzung für die Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes ist natürlich die Diagnose und Kenntnis der Biologie verschiedenster Schadorganismen wie Pilzen, Viren oder Insekten und auch deren Gegenspieler.
LW: Und wie werden diese Kenntnisse gewonnen?
Lenz: Dazu gibt es Versuchs- und Monitoringflächen auf Praxisbetrieben, die wir in Zusammenarbeit mit dem LLH betreiben. Durch die Beobachtung dieser Schläge lässt sich eine ziemlich gute Einschätzung der aktuellen Befallslage abgeben. Und auch neu auftretende Organismen werden relativ schnell identifiziert. Zur Erfassung des Aufkommens von Insekten werden verschiedene Fallen wie Gelbschalen, Pheromonfallen, Klebefallen und Schlupfkäfige genutzt. So kann beispielsweise der Flugbeginn des Maiszünslers festgestellt werden.
Über die Jahre ergibt sich so ein recht gutes Bild der räumlichen Verteilung eines Erregers. Beispielsweise hat sich die Krankheit Ramularia coolo-cygni seit den 2000er Jahren in der Gerste ausgebreitet; heute eine der Hauptkrankheiten in Deutschland, war sie vor über 20 Jahren kaum bekannt. Ähnliches gilt für Gelbrost, der sich ausgehend von Norddeutschland an veränderte Klimabedingungen angepasst und verbreitet hat. Und seit etwa zehn Jahren tritt der Ackerbohnenkäfer immer stärker in den Ackerbohnenflächen in Erscheinung.
Insgesamt kann man feststellen, dass die Schaderreger offenbar gut mit den Klimaveränderungen zurechtkommen und eine entsprechende Anpassung der Entwicklungszyklen stattgefunden hat.
LW: Wie haben sich die Beratung und die Landwirte in dieser Zeit verändert?
Lenz: Es ist hektischer geworden. Vor 30 Jahren hatte man morgens zwei Stunden Telefondienst und war den Rest des Tages auf den Feldern unterwegs. Heute ist eine ständige Erreichbarkeit Normalität.
Die Landwirte sind im Allgemeinen heute besser ausgebildet und spezialisierter. Durch die Mechanisierung, Digitalisierung und die hohen Investitionssummen ist die Landwirtschaft hochprofessionell aufgestellt und im Vollerwerbsbetrieb meist ein speziell für die Produktionsrichtung technisiertes Unternehmen.
LW: Welches Fazit würden Sie aus der langjährigen Arbeit in der SchadÂerregerüberwachung ziehen?
Lenz: Zunächst einmal, dass man eine gute Beobachtungsgabe haben muss, auch über den Tellerrand hinaus. In diesem Job ist Erfahrung von großer Bedeutung: Manche Erreger sieht man nur in einem kurzen Zeitraum einmal im Jahr oder nur alle paar Jahre.
Ein gutes Team beziehungsweise gute Vorgesetzte sind für das effektive Arbeiten enorm wichtig. Unerlässlich ist ein gutes Netzwerk, auch mit der Verknüpfung mit den anderen Bundesländern.
Der Integrierte Pflanzenschutz ist als Leitbild sehr gut geeignet. Aber Pflanzenschutz alleine reicht nicht aus; vor allem die Pflanzenzüchtung ist ein entscheidender Faktor bei der Qualitäts- und Ertragssicherung.
Außerdem gilt: Nichts ist beständiger als der Wandel. Die Natur findet immer Wege, sich an Veränderungen anzupassen. Gerade das biologische Gleichgewicht zwischen Schädlingen und Nützlingen ist der nachhaltigste Weg, Erträge langfristig zu sichern.
Die Fragen stellte Karsten Becker – LW 24/2026
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