„Die Dinge anpacken und etwas bewegen“

Milchkönigin Sarah Knaust zieht Zwischenbilanz

Milchkönigin? Was macht man denn als Milchkönigin? Und warum gibt es das Amt überhaupt? Diese Fragen kennt Sarah Knaust nur allzu gut. Die 24-Jährige ist seit dem letzten Jahr die zehnte Hessische Milchkönigin und repräsentiert bis 2018 die hessische Milchwirtschaft. Doch gerade diese Fragen nutzt Sarah, um mit Verbrauchern ins Gespräch zu kommen und ihnen die Landwirtschaft und Milchprodukte so gut es geht näherzubringen. Das LW hat Sarah auf dem elterlichen Betrieb in Gudensberg besucht und mit ihr über das erste Jahr in ihrem Amt gesprochen.

„Wenn man auf einem Milchviehbetrieb aufwächst, führt kein Weg an der Milch vorbei“, sagt Sarah. Sie kennt es nicht anders, dass sich das Leben um die Kühe dreht und jederzeit frische Milch auf dem Tisch steht. Die Tiere sind ihre Leidenschaft und jede freie Minute verbringt Sarah im Stall. Beste Voraussetzungen für das Amt der hessischen Milchkönigin, dachten sich einige Leute in Sarahs Umfeld – unter anderem ihre Eltern, Freunde und Lars Döppner, der Vorsitzende der Hessischen Landjugend. Dieser war es auch, der Sarah darauf ansprach und nicht lockerließ, bis sie selbst davon überzeugt war und eine Bewerbung an die Landesvereinigung Milch Hessen schickte. „Ich war zunächst unsicher, ob ich das Amt der Milchkönigin mit meinem Job und der Arbeit auf dem Betrieb zeitlich vereinbaren kann“, sagt die 24-Jährige, die bei der Zucht- und Besamungsunion Hessen (ZBH) als Exportsachbearbeiterin tätig ist. Aber die Möglichkeit, mit den Verbrauchern ins Gespräch zu kommen und die hessische Milchwirtschaft zu repräsentieren, überzeugte Sarah dann doch, sich für das Amt der Milchkönigin zu bewerben. Außerdem sah sie in diesem Amt die Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln und als Nebeneffekt bei öffentlichen Auftritten ihre Redegewandtheit zu verbessern. Dass viel Arbeit auf sie zukommt, hat sie spätestens dann gemerkt, als sie die vorherige Milchkönigin Svenja vor Amtseintritt auf einige Veranstaltungen begleitete und von ihr wertvolle Tipps erhielt.

Spontane Reden ohne Zettel

„Bei den ersten Auftritten und den ersten Reden war ich so aufgeregt, dass mir manchmal die Stimme versagte“, gibt Sarah zu. Mittlerweile fühlt sie sich auf der Bühne so sicher, dass sie noch nicht einmal mehr eine vorformulierte Rede verwendet, sondern frei spricht. Und das gelingt ihr sehr gut, sie findet die passenden Worte und kommt dank ihres selbstbewussten Auftretens gut bei den Menschen an. Mit ihrem Kleid, dem Diadem und der Schärpe fällt Sarah sofort auf. „Damit habe ich bei den Verbrauchern schon quasi einen Fuß in der Tür. Diesen Zugang muss man doch nutzen“, sagt die Milchkönigin. „Die meisten Leute reagieren sehr positiv auf mich, wenn ich in meiner Tracht auf sie zukomme“, so Sarah. „Sie sind neugierig, was hinter der Bezeichnung Milchkönigin steht und wie man dazu kommt, eine Milchkönigin zu werden.“ Viele sind überrascht, was alles hinter diesem Ehrenamt steckt, und zeigen sich an der Landwirtschaft sehr interessiert. Sarah versucht dann, auch Leuten, die nichts mit der Landwirtschaft zu tun haben, ihre persönliche Leidenschaft ein Stück näherzubringen. Doch vor Kritik an der Landwirtschaft ist selbst die Milchkönigin nicht sicher. So reagieren einige Leute beispielsweise mit Unverständnis darauf, dass Kühe in ihrem Leben möglichst viele Kälber bekommen oder dass die Kälber nicht bei ihrer Mutter bleiben können. Sarah versucht dann, den Menschen mit anschaulichen Beispielen aus dem Leben zu vermitteln, warum das so ist und hat damit auch meistens Erfolg. Auch zu kritischen Fragen rund um die Ernährung mit Milchprodukten nimmt die Milchkönigin Stellung. Sie klärt auf, wo es Wissenslücken gibt, beispielsweise dass bei einer Laktoseintoleranz Milchprodukte wie zum Beispiel Hartkäse und Butter in kleinen Mengen und eingebettet in eine Mahlzeit häufig vertragen werden und ansonsten auch auf laktosefreie Milchprodukte zurückgegriffen werden kann. Dass die letzte Zeit für die Bauern keine leichte war, bekommt auch Sarah zu spüren. Die Stimmung auf Veranstaltungen ist oft getrübt, viele Bauern resignieren, es gibt großen Unmut über die Milchpreise. „Natürlich brauchen wir einen angemessenen Milchpreis, um unsere Betriebe am Laufen zu halten. Wichtig ist für mich aber auch, dass man den Landwirten Respekt für ihre tägliche Arbeit zeigt, indem man bereit ist, mehr Geld für den Liter Milch zu bezahlen“, betont Sarah.

Sarah ist lieber im Stall als auf dem Feld

Sarah hat an der Universität Göttingen Agrarwissenschaften studiert und nach einem Auslandsaufenthalt auf einem Milchviehbetrieb in Wisconsin im Oktober 2015 bei der ZBH ihre Arbeit begonnen. Von dort aus pendelt sie täglich nach Hause. Und meist lässt sie sich es nicht nehmen, wenigstens noch einen kurzen Blick in den Stall zu werfen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist: „Ich bin etwa drei bis fünf Tage die Woche im Stall, ich kenne auf jeden Fall noch alle Kühe.“ Sie mag am liebsten die Arbeit mit den 190 Milchkühen und deren Nachzucht. Die Arbeit auf den Feldern überlässt sie dagegen gerne den Männern im Betrieb. Neben ihren Eltern und ihrem Bruder Martin arbeiten noch ein Angestellter, ein Auszubildender und eine Melkerin im Betrieb mit.

70 bis 90 Veranstaltungen stehen im Kalender

Im Terminkalender von Sarah ein freies Wochenende zu finden, ist beinahe unmöglich. 70 bis 90 Veranstaltungen stehen in diesem Jahr auf dem Plan, fast jedes Wochenende ist Sarah auf Veranstaltungen, Hoffesten und Messen unterwegs. Trotzdem liebt sie ihr Ehrenamt und ist bei jedem Termin mit voller Leidenschaft dabei. Viel Zeit für Freunde und Hobbys bleibt da nicht. Doch eins lässt sich Sarah nicht nehmen: ihr liebstes Hobby, nämlich ihr Pferd. Das steht ein paar Minuten vom Betrieb entfernt und wird täglich besucht. In Zukunft möchte Sarah weiterhin in der Öffentlichkeitsarbeit aktiv bleiben, auch wenn sie im kommenden Jahr ihre Krone an die nächste Milchkönigin weitergibt. „Beschweren kann sich jeder, man muss die Dinge aber auch anpacken und etwas bewegen“, ist sich Sarah sicher. Sie ist glücklich, dass sie mit dem Amt der bereits zehnten Milchkönigin viele neue Eindrücke, Kontakte und Möglichkeiten bekommen hat und möchte diese in der nächsten Zeit auch gerne weiter nutzen.

 – LW 20/2017