„Solidarität kann Krise überwinden“

Heereman: Politik und Gesellschaft sind in der Verantwortung

Der Kreisbauernverband Marburg-Kirchhain-Biedenkopf hat am vergangenen Wochenende sein Kreiserntedankfest in Gladenbach gefeiert. Im Mittelpunkt stand ein Festvortrag des Ehrenpräsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck, der zum Thema „Erntedank, mit Sorgen?“ referierte.

Der Ehrenpräsident des DBV, Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck.
Foto: Sascha Valentin

Eigentlich hätten die Bauern in Deutschland allen Grund, Erntedank 2009 ausgelassen zu feiern. Immerhin haben sie in diesem Jahr den zweitgrößten Ernteertrag seit Bestehen der Bundesrepublik eingefahren, wie Erwin Koch, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Marburg-Biedenkopf, zur Eröffnung feststellte. Dennoch herrsche auf vie­len Höfen Verzweiflung und Resignation darüber, wie die Zukunft der landwirtschaftlichen Betriebe aussehen könnte. „Denn mit 5,40 Euro für den Doppelzentner Getreide und 20 Cent pro Liter Milch kann kein Betrieb auf Dauer überleben“, betonte er. Umso mehr freute er sich darüber mit Frei­herr Heereman, dem Ehrenpräsidenten des Deutschen Bauernverbandes, einen engagierten Streiter nach Gladenbach geholt zu haben, der die Lage zwar als ernst, aber nicht hoffnungslos einstufte.

Zu oft gegeneinander gearbeitet

Der 77-jährige Freiherr Heereman stammt von der Surenburg aus dem münsterländischen Riesenbeck. Im Jahre 1969 wurde er zum Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes gewählt. Dieses Amt hatte er bis zum 1997 inne. Die Gesellschaft sei einem Struk­turwandel unterworfen, bei dem „wir uns auch auf die eigene Brust klopfen und fragen müssen, was wir falsch gemacht haben“, sagte Heeremann. Denn wenn jeden Tag auf der Welt tausende von Kindern verhungerten, obwohl es Lebensmittel im Überfluss gebe, dann „haben wir unsere Aufgaben nicht erfüllt.“ Dabei prangerte Heeremann vor allem an, dass die christlichen Wer­te zusehends verloren gingen – allen voran die Solidarität und Nächstenliebe. Viel zu oft sei es so, dass bei der Lösung eines Problems nicht mit-, sondern gegeneinander gearbeitet werde, so Heeremann. Als Beispiel führte er die Debatte um den Einsatz von Gentechnik an. Diese dürfe nicht grundsätzlich abgelehnt oder verteufelt werden, „sondern wir müssen uns damit auseinandersetzen und darüber reden“, erklärte er.

Politik muss Rahmen setzen

Wenn jeden Tag auf der Welt Tausende von Kindern verhungern, obwohl es Lebensmit­tel im Überfluss gebe, dann haben wir unsere Aufgaben nicht erfüllt, so der Redner.
Foto: Sascha Valentin

Vor allem auch die Politik sieht Heereman in der Verantwortung. Sie müsse die nötigen Rah­men­bedin­gungen setzen, damit Landwirtschaft wieder attraktiv werde. „Wir haben durchaus junge Frau­en und Männer, die sich in der Landwirtschaft betätigen wollen“, sagte Heeremann. Aber ohne die richtigen Rahmenbedingungen sähen sie darin keine Perspektiven. Genau darin liege aber sowohl für die Landwirtschaft wie auch die Politik und die gesamte Gesellschaft das Pro­blem: Die Jugend sei kaum noch bereit, sich zu engagieren. Und wie solle Zukunft umgesetzt werden, wenn sich niemand dafür einsetze, stellte Heeremann fest.

Viele Existenzen bedroht

Die Discounter hätten einen Preisverfall in Gang gesetzt, von dem viele Existenzen nicht nur in der Landwirtschaft bedroht seien, erklärte er. Es werde viel zu wenig darüber nachgedacht, „woher all das kommt, was wir zum Leben brauchen“, führte Dekan Matthias Ullrich aus. „Wir nehmen es einfach als selbstverständlich hin.“ Das gehe sogar soweit, dass in manchen Landesverbänden gar nicht mehr Erntedank, sondern nur noch ein Erntefest gefeiert werde. Das sei nichts anderes als ein Betriebsfest in einer Firma. „Aber wir sind nicht die Herren darüber, was uns gegeben ist. Die Landwirtschaft steht wie kein anderer Produktionszweig in der Verantwortung Gottes“, erklärte Ullrich. Doch trotz aller Sorgen und Nöte, die die wirtschaftliche Situation mit sich bringe, dürfe deswegen niemand den Blick nach vorne und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft vergessen. Musikalisch wurde das Kreiserntedankfest von den Posaunenchören aus Gladenbach und Hartenrod sowie dem Jägerchor Hinterland und den Gladnebacher Trachtentänzern gestaltet. Valtentin