Betriebe brauchen Perspektiven

Vortrag von Dr. Marcus Dahmen über: Krise, Preise, Liquidität

„2009 haben wir die teuerste aller Ernten eingefahren. Wir sind nach wie vor in einem Tal der Erzeugerpreise, der erhoffte Preisanstieg ist noch nicht eingetreten.“ Dies stellte der Vorsitzende des Frankfurter Landwirtschaftlichen Vereins (FLV), Karlheinz Gritsch, zu Beginn einer Vortragsver­anstaltung fest, bei der Dr. Marcus Dahmen, Sprecher des Vorstands der Landwirtschaftlichen Rentenbank, über „Krise, Preise und Liquidität“ sprach.

Dr. Marcus Dahmen
Foto: Jörg Rühlemann

Das Weltfinanzsystem erlebte 2008 die schwerste Krise der Nachkriegszeit. Immer stärkere Wertminderungen bei Verbriefungen, Bankenpleiten dramatische Kursverluste an den Börsen und staatliche Rettungsaktionen in einem nie zuvor gekannten Ausmaß – das waren einige Ereignisse im Herbst des vergangenen Jahres, so Dahmen zu Beginn. Die Ursache der Finanzkrise liegt seiner Ansicht nach in der unbegrenz­ten Vergabe von sogenannten Subprime-Krediten, also Krediten „nicht erstklassiger Bonität“. Das niedrige Zinsniveau nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 machte es vielen Beziehern niedriger Einkommen möglich, sich für den Erwerb von Immobilien bei Kreditinstituten zu verschulden. Der amerikanische Leit­zins lag damals bei knapp einem Prozent. Angesichts zunächst deutlich steigender Preise für Immobilien wurden die Immobilien­finanzierer ihrerseits durch die im Wert steigenden Sicherheiten immer sorgloser bei der Prüfung der Kreditnehmer. Möglich wurde die Ausweitung der Kreditvergabe an schlecht besicherte Schuldner aber erst durch die Verbriefungen. Mit deren Hilfe konnten die Banken die Kredite oder zumindest deren Ausfallrisiken an den Kapitalmarkt weiterreichen und die eigenen Bilanzen entlasten. Beim Verbriefen werden Kredite zu weltweit handelbaren Wertpapieren gebündelt. Investoren aus aller Welt wollten am Boom der US-Immobilienpreise profitieren und kauften die Wertpapiere mit nicht mehr erkennbaren Kreditrisiken.

Risiko, in die Liquiditätsfalle zu geraten, wurde unterschätzt

Ausgelöst worden sei die Krise durch Ansteigen des Leitzinses in den USA auf rund fünf Prozent bei gleichzeitigem drastischen Rückgang der Preise für Wohneigentum. Schuldner konnten den Kapitaldienst nicht mehr leisten. Sie mussten ihre Immobilie verlassen, wodurch diese für die Banken als Sicherheit entfiel. Zentrale Herausforderung der Ban­ken war aber nicht allein die mangelnde Bonitätsprüfung oder -prognose, sondern das völlig unterschätz­te Liquiditätsrisiko. Die Ausfälle bei den Subprime-Papieren und letztlich der Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers führten zu einem bisher nicht da gewesenen Vertrauensverlust unter den Kreditinstituten. Neben den Kreditinstituten erfasste die Krise zu­nehmend auch andere Wirtschaftszweige. Nach einem welt­weiten Nachfrageboom nach Agrarprodukten 2007 und Anfang 2008 mit erheblichem Preisanstieg folgte durch weltweit bessere Ernten und die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise ein jäher Preisverfall für Agrarprodukte, der bis heute anhält. Inzwischen, so der Referent weiter, ist das Zinsniveau weltweit durch die Zentralbanken herunter geschleust worden. Seit Januar 2009 zeigt sich am US-Häusermarkt eine leichte Erholung, „die Preise stabilisieren sich, aber auf niedrigem Niveau“.

  • Nach Abklingen der Finanz und Wirtschaftskrise sollte man aber „nicht einfach so weitermachen wie bisher“. Es seien „unbequeme Wahrheiten“ erkannt worden und es sollten Lehren daraus gezogen werden. Dazu gehören: Finanzmarktkrise hat nicht Rezession verursacht.
  • Mehr auf die Grundprinzipien der Marktwirtschaft achten; Kredite nur nach klassischen Maßstäben vergeben.
  • Liquidität als Brandbeschleuniger Nr.1: Unbegrenzte Liquidität, falsche Geldmengenpolitik, gleiche Gefahr heute.
  • Verbriefung als Brandbeschleuniger Nr.2: Gebündelte Kredite weltweit handelbar, Ausfallrisiken in Kapitalmärkte geschleust – dennoch: Instrument nicht verteufeln.
  • Investorengier nach Rendite: Toxische Papiere, nicht mehr erkennbare Kreditrisiken.
  • Modellgläubigkeit kritisch sehen, Ratingagenturen müssen seriöser handeln.
  • Prognosefähigkeit wird überschätzt; Entwicklungen bescheidener beurteilen.
  • Schaden der Finanzkrise für den Bundeshaushalt geringer als befürchtet.

Während im Zuge der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung Industrie und Gewerbe „langsam aus der Krise kommen“, ist die wirt­schaftliche Lage der Landwirt­schaft weiter rückläufig. Eine „Kre­ditklemme“ ist jedoch nicht erkennbar. Die Finanzierung ihrer Investitionen ist für die meisten landwirtschaftlichen Betriebe nach wie vor kein Problem. Dies ist das Ergebnis der repräsentativen Oktober-Umfrage der Rentenbank. Trotz äußerst schwieri­ger Agrarmärkte und anhaltender Finanzmarktkrise haben sich die Kreditkonditionen für 82 Prozent der Landwirte im letzten halben Jahr nicht verschlechtert. Lediglich 18 Prozent berichten über Er­fahrungen mit ungünstigeren Kreditbedingungen. Genannt wer­den hierbei insbesondere höhere Zinsaufschläge oder gestiegene An­forderungen an die Kreditsicher­heiten. Ablehnungen von Kreditanfragen blieben Einzelfälle.

Finanzierung von Investitionen in erneuerbare Energien

Die Rentenbank habe im laufenden Jahr allein 1 Mrd. Euro aus ihrem Programm „Energie vom Land“ an neuen Kredi­ten zugesagt, so Dahmen. Die Finanzierungen von Investitionen in erneuerbare Energien stiegen damit gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum nahezu auf das Fünffache. Etwa 641,3 Mio. Euro (im Vorjahr 141,5) entfielen dabei auf Photovoltaik-Investitionen und 299,3 Mio. Euro (68,3) auf die Finanzierung von Biogasanlagen. Neben Neuen Energien zählen Landwirtschaft sowie Agrar- und Er­nährungswirtschaft zu den Förderprogrammen der Land­wirt­schaftlichen Rentenbank für landwirtschaftliche Unternehmen.

Auch bei den klassischen landwirtschaftlichen Finanzierungen ist ein lebhaftes Neugeschäft zu verzeichnen. Das jährliche Neugeschäft (per 30. September) stieg 2009 gegenüber rund 2,8 Mrd. Euro im Vorjahr auf rund 3,5 Mrd. Euro – ein Plus von 23 Prozent. Positiv beurteilt Dahmen die langfristigen Aussichten für die Landwirtschaft: „Die weltweiten Trends Bevölkerungswachstum und zunehmende Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Industrie bleiben bestehen“. Das sind für ihn „gute Perspektiven, die Mut machen sollten“.