Plädoyer für ein Augenmerk auf der Betriebswirtschaft
Eigenkapital trägt den Betrieb durch schwere Zeiten
Der Landesverband Hessen des Hauptverbandes der landwirtschaftlichen Buchstellen und Sachverständigen (HLBS) hatte zur Landwirtschaftlichen Woche Nordhessen in Baunatal eine Vortragsreihe organisiert. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) wurde zum Thema, da die Sachverständigen der HLBS an der Bewertung der Entschädigungshöhe für geschädigte Betriebe mitgearbietet haben. Der zweite Vortrag beschäftigte sich mit der Eigenkapitalbildung in landwirtschaftlichen Betrieben – nach Ansicht des hessischen Landesverbandes der HLBS ein zu oft stiefmütterlich behandeltes Thema.
Foto: Schön
Grundsätzlich nehmen laut Cromm die neu registrierten ASP-Fälle immer weiter ab. Klares Ziel des Ministerium sei es, die Neuinfektionen gänzlich zu verhindern. Der erste ASP-Fall in Hessen war am 14. Juni 2024 registriert worden – gut eine Woche vor dem Start der Getreideernte. Im Ministerium habe man sich nach ersten Überlegungen von gänzlichen Ernteverboten auf eine Ernte unter Auflagen geeinigt, um den wirtschftlichen Schaden möglichst gering zu halten. Nachdem im März 2025 die Sperrzone III um einen betroffenen Betrieb in Südhessen aufgehoben werden konnte, bestehen derzeit noch die Sperrzonen I und II inklusive der wildschweinfreien Weißen Zonen. „ASP-positive Wildschweine außerhalb der Sperrzonen wären hochproblematisch“, sagte Cromm. In diesem Fall müssten erneut die Sperrzonen erweitert und deren Dauer verlängert werden.
ASP in Nordhessen war vermutlich ein Punkteintrag
In Nordhessen gab es auf hessischer Seite der Zäune bisher keinen ASP-Fall – weder bei einem Wildschwein noch in einer Schweinehaltung. Einen Ausbruch in einer Haltung hält Cromm hier für eher unwahrscheinlich. Man gehe im HMLU von einem Punkteintrag aus, der möglicherweise durch Reisende verursacht wurde. Gleichzeitig seien diese Punkteinträge der größte Risikofaktor. Sie seien nicht abzusehen, weshalb der BioÂsischerheit in den Betrieben ein besonderes Augenmerk zukommen sollte.
Was alle Betriebe laut Cromm angesichts des weiterhin dynamischen Seuchengeschehens dringend benötigen, ist eine Ertragsschadensversicherung. Seuchenbedingte Ertragsausfälle würden nicht durch die Hessische Tierseuchenkasse oder das HMLU abgesichert.
Viele hessische Betriebe arbeiten im Nebenerwerb
Im Anschluss gab Klaus Wagner, ehemaliger Leiter der Fachinformation Ökonomie und Markt im Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH), einen Ausblick auf die wirtschaftliche Situation der hessischen Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe im Testbetriebsnetz. Sein Augenmerk lag dabei besonders auf der Fähigkeit der Betriebe zur Eigenkapitalbildung und deren Einkommenssituation.
Hessen habe bundesweit den höchsten Anteil an Nebenerwerbsbetrieben. Diese machten 59 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe aus und seien meist jene, die Landschaftspflege betreiben und viel Eigenkapital aus anderen Einkommensquellen in den Betrieb stecken. In den Haupterwerbsbetrieben seien diversifizierte Betriebszweige und Nebeneinkünfte aus Solaranlagen oder anderen gewerblichen Quellen jedoch auch keine Seltenheit mehr.
Allgemein gehe bei den landwirtschaftlichen Betrieben die Einkommensschere zwischen den erfolgreichen und den weniger erfolgreichen Betrieben immer weiter auseinander. In den vergangenen Wirtschaftsjahren waren die Veredelungsbetriebe jene mit den im Durchschnitt besten Betriebsergebnissen. Sie wiesen jedoch auch die höchsten Schwankungen durch die Preise auf. Die Preisschwankungen führen laut Wagner dazu, dass die Betriebe klare Strategien für die Vermarktung definieren müssen. „Mit der vollen Produktion zu zocken geht nicht mehr“, mahnte er. Laut Wagner weisen die erfolgreichsten Betriebe zudem viele Fremdarbeitskräfte auf.
Eigenkapitalbildung sichert den Betrieb ab
Im Anschluss gab er einen kurzen Überblick über die für die Bildung von Eigenkapital wichtigsten betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Die Eigenkapitalbildung sei wichtig, um den Wertverlust durch die Inflation auszugleichen. Die Eigenkapitalquote sei eine Kennzahl für den Eigentumsanteil am Gesamtvermögen des Betriebes. Diese sei aufgrund der Bodenwerte in der Landwirtschaft oft hoch. Bei stark wachsenden Betrieben sei die Eigenkapitalquote allerdingsdeutlich geringer – auch wegen der immer höheren Investitionskosten. Für die Eigenkapitalbildung nannte Wagner drei Faustzahlen: 15 000 Euro pro Jahr oder 150 Euro pro Hektar oder drei Prozent der Bilanzsumme ohne Boden.
Nachdem Wagner einige weitere betriebliche Kennzahlen dargelegt hatte, schloss er seinen Vortrag. In der darauffolgenden Diskussionsrunde wurde deutlich, dass aus Sicht einiger Anwesender die genannten betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge zu wenig im Fokus der Betriebe stünden. Da detaillierte betriebswirtschaftliche Zusammenhänge erst ab der Technikerschule gelehrt werden, sahen es die Anwesenden als notwendig an, dass die jungen Hofnachfolger für die erfolgreiche Weiterführung der Betriebe in größerem Umfang mit dem Thema konfrontiert werden. Dazu brauche es neben dem Unterricht weitere passende Formate. Die Berater des LLH stünden jedoch ebenfalls allen Betrieben zur Seite und unterstützen zum Beispiel bei der Planung von Investitionen.
AS – LW 4/2026
.