Rolle der Landwirtschaft im Krisen- oder Kriegsfall

Generalmajor Henne zu Deutschlands Wehrhaftigkeit

Generalmajor Andreas Henne von der Bundeswehr war zu Gast bei der Landwirtschaftlichen Woche Nordhessen in Baunatal. Dort stellte er vor, wie die Bundeswehr im Verteidigungsfall agiert. Ein besonderes Augenmerk des Vortrags und der anschließenden Diskussion lag auf der Rolle der Landwirtschaft. Diese müsse sich für den Kriegs- und Krisenfall wappnen.

Andreas Henne, Generalmajor der Bundeswehr.

Foto: Schön

Eine Form der Vorsorge sieht der Generalmajor dabei in der Stärkung des Eigenversorgungsgrades in Deutschland. Im Krisen- oder Kriegsfall muss die Bevölkerung weiter mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Deshalb sei die Landwirtschaft ganz klar kriegswichtig. Derzeit sei Deutschland in vielen Bereichen noch abhängig vom Handel. Vorsorge beginne nicht erst im Krisenfall, sie müsse jetzt schon mitgedacht werden. Die Notstromversorgung von landwirtschaftlichen Betrieben spiele dabei eine wichtige Rolle. Die Vorsorge müsse dabei jeder Einzelne treffen und liege in der Zuständigkeit der Betriebe selbst. „Die Landwirtschaft muss resilient werden“, mahnt der Generalmajor.

Getreidereserven füllen und Lebensmittel bevorraten

Was die Versorgung der Bevölkerung betrifft, sei die Bundeswehr nicht direkt zuständig. Hierum kümmere sich das Bundesinnenministerium. Was die Bevorratung von Lebensmitteln anbelangt sei widerum das Bundeslandwirtschaftsministerium zuständig. Der Getreidevorrat sei zwar noch in Teilen existent, müsse aber weiter aufgestockt werden. Einige Getreidelager seien zudem in den vergangenen Jahren abgeschafft worden. Für die private Versorgung müssten im Krisenfall Privatpersonen selbst Vorräte anlegen. Eine Empfehlung, was im Krisenfall notwendig ist, gebe das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in einer Broschüre.

Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer hat laut Henne auch die Bevorratung von beispielsweise Konserven und anderen haltbaren Lebensmitteln als möglich erachtet. „Dafür sind sicher auch finanzielle Anreize notwendig“, sagte der Generalmajor. „Tritt der Verteidigungsfall ein, müssen zusätzlich zur eigenen Bevölkerung auch die Käfte der NATO versorgt werden.“

Truppenverlegung läuft quer durch Deutschland

Damit spielte er auf den Operationsplan Deutschland an. Dieser legt fest, dass im Verteidigungs- oder Bündnisfall die NATO-Truppen auf festgelegten Routen über die Autobahnen durch Deutschland etwa von West nach Ost verlegt werden. Deren Versorgung läuft über sogenannte Convoi Support Center, die entlang der Truppenbewegungen liegen. Das sei notwendig, damit der NATO-Aufmarsch schnell gelingen könne. Zuständig sei dafür das Heimatschutzkommando, dessen Kommandeur Henne seit März 2025 ist. „Abschreckung ist das wesentliche Element, damit es nicht zu einem Krieg kommt“, erklärte er den Anwesenden.

Nicht mehr im Frieden aber auch nicht ganz im Krieg

Wie wahrscheinlich der Eintritt des Verteidigungsfalles ist, zeichnete sich ab, als Henne von den Aufgaben der Heimatschutzdivision sprach. Die Sicherung verteidigungswichtiger Infrastruktur ist laut dem Generalmajor eine der Hauptaufgaben der Heimatschutzdivision. Dazu zählen etwa die Eisenbahn, die Schifffahrt oder Fernmeldeeinrichtungen. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zur Ausspähung durch Drohnen an Industriestandorten oder der Störung des Flugverkehrs. Deren Abwehr entlang der Marschwege sei ebenfalls Aufgabe seiner Heimatschutzdivision. An der Front kämpfe diese nicht. Mit Blick auf den Stromausfall in Berlin zum Jahresbeginn zählte er auch die Katastrophenhilfe in das Aufgabengebiet seiner Division.

Vorfälle wie der Berliner Stromausfall, die Ausspähungen und Störungen im Flugverkehr sowie teils massive Cyber-Attacken, Brandsätze in DHL-Fracht oder die beschädigten Datenkabel in Nord- und Ostsee zeigten zudem auf, dass Deutschland sich mittlerweile wieder in einem Zustand ähnlich zum Kalten Krieg befinde. „Wir sind nicht mehr im Frieden aber auch nicht ganz im Krieg“, schloss er seine Erklärungen ab. Sogar NATO-Bündnisspartner wie die USA zeigten sich als möglicher Gegner durch ihre Handlungen gegenüber Grönland. „Eigene Stärke und Unabhängigkeit ist für Deutschland notwendig, um nicht der Spielball von anderen Großmächten zu werden“, schloss Henne seinen Vortrag.

Wie sicher ist die heimische Lebensmittelversorgung?

In der anschließenden Diskussion kam die Frage auf, inwieweit die Versorgung Deutschlands im Krisenfall über die inländische Produktion gedacht werde. Generalmajor Henne antwortete, dass grundsätzlich die Versorgung auf nationaler Ebene gedacht werde, man aber durchaus falls möglich auch innereuro­päisch Güter transportieren könne.

Insgesamt kristallisierte sich eine Skepsis der Zuhörer im Raum heraus, inwieweit die deutsche Zivilbevölkerung in der Lage ist, sich selbst zu versorgen. Das machten die Redner an den aktuellen Zahlen zum Selbstversorgungsgrad in Deutschland sowie der rückläufigen Entwicklung der Tierhaltung fest. Sie stellten heraus, dass die Ernährungssicherheit als Priorität in der Politik auch der Verteidigungsfähigkeit diene. Ohne eine handlungs- und wirtschaftlich tragfähige Landwirtschaft sei das nicht möglich, gaben sie Henne mit auf den Weg.

AS – LW 4/2026