Toni lernt Traudel kennen

Von Schubberbürsten und Melkrobotern

Es war ein herrlicher Sommertag, angenehm warm, nicht zu heiß. Für Toni genau die richtige Temperatur, um aus dem Mobilstall herauszugehen und einen Spaziergang an der frischen Luft zu machen. Mit dem rechten Fuß kickte Toni die Klappe vom Mobilstall auf und hüpfte hinaus ins Freie.

Die verblüffte Margot, die gerade durch die Klappe in den Mobilstall hineinschlüpfen wollte und wegen Toni erschrocken zur Seite springen musste, würdigte sie dabei nur eines kurzen Blickes. „Tschuldigung“, murmelte sie und war auch schon verschwunden. „Das werde ich Oberhenne Maxima sagen, dass du mich geschubst hast“, schimpfte Margot ihr hinterher. „Ja, schon recht“, murmelte Toni. Das war mal wieder typisch für Margot, einen kleinen Schubser derart aufzubauschen. Aber, was soll's. Toni würde sich nachher in aller Form noch einmal bei ihr entschuldigen, dann wäre die Sache sicher erledigt. Nachtragend war Margot ja Gott sei Dank nicht. Aber jetzt hatte sie definitiv keine Zeit. Sie musste das herrliche Wetter nutzen – und das Loch im Zaun, das sie am Vortag zufällig entdeckt hatte. Toni hatte natürlich gleich erkannt, dass dieses Loch ihr die Möglichkeit bot, mal ein bisschen mehr von der Welt zu sehen. Zumindest solange Bauer Franz das Loch noch nicht entdeckt hatte und gleich wieder zustopfte. Ein Blick rechts über die Schulter, einer links, und ab durch den Zaun!
 

Huch,
das kitzelt ja

 
Na ja! Der erste Blick auf die Welt hinter dem Zaun war jetzt zugegebenermaßen auch nicht wesentlich anders als der Blick durch den Zaun hindurch, aber das ließ sich ja ändern. Toni marschierte schnurstracks auf die Stallgebäude von Bauer Franz zu, immer mal in Deckung gehend, wenn irgendein Angestellter von Bauer Franz ihr entgegenkam.
Als die Stalltür sich öffnete, schlupfte sie unbemerkt hinein, zwischen den Beinen von Bauer Franz hindurch, denn kein anderer war es, der gerade die Tür geöffnet hatte. Mit einem kühnen Sprung landete Toni in einer Liegebox und federte noch ein wenig auf der Strohmatratze herum. „Mensch ist das gemütlich hier“, rief Toni überrascht aus. Die Kuh, die hier ihren Platz hatte, war allerdings weit und breit nicht zu sehen. Toni nahm sich daher vor, den Stall noch ein wenig zu erkunden. Was war denn das dort drüben für ein Gerät. „Das sieht ja lustig aus.“ Toni ging näher heran und fing dann an zu lachen. „Das kitzelt ja, ha, ha, ha, Mensch, ist das toll!“ Sie sprang noch einmal mit Schmackes hinein und lachte aus voller Kehle.
 

Die Schubberbürste
im Kuhstall

„Was machst du da an meiner Schubberbürste?“, drang plötzlich eine Stimme von oben zu Toni durch. Mit einem Satz war Toni wieder aus dem Gerät herausgesprungen und guckte irritiert zu der Stimme nach oben. „Schubberbürste?“, fragte sie etwas eingeschüchtert. „Ja, diese Bürste ist für uns Kühe, zum Reinigen unseres Fells, zur Massage, zum Spaßhaben. Das ist eine Kuhbürste – mit Betonung auf 'Kuh'.“ Toni blickte an sich hinunter. Ja, Tatsache war, dass die Bürste für ein Huhn ein wenig überdimensioniert war, aber ihre Federn glänzten jetzt ganz wunderbar. Kuhbürste hin oder her, sie könnte auch Hennenbürste heißen, denn sie war auch ein tolles Gerät für Hühner. Das sagte sie der etwas mürrischen Kuh, die sie von oben herab ungeduldig ansah, aber besser nicht, sondern setzte ihr strahlendstes Lächeln auf und fragte: „Und wie ist dein werter Name, wenn ich fragen darf?“ So geschwollen redete Toni sonst nie, aber ihr schien die angespannte Situation nun absolut angemessen zu sein, um aus ihrem vollen Sprachschatz zu schöpfen. „Was geht dich das an?“, kam es mit weniger geistreichem Wortschatz zurück. „Och, ich finde, du siehst nett aus, und ich dachte, du könntest mir ein wenig über diesen Stall und die Kuhbürste erzählen“, erwiderte Toni. Zugegeben, das war ein wenig „geschleimt“, wie ihre Freundin Babsi sagen würde. Aber vielleicht half es, die angespannte Situation etwas zu entspannen. 

Und es half!  „Nun ja, ich heiße Traudel“, kam es etwas zögerlich zurück. „Traudel, das ist aber ein ausgesprochen hübscher Name“, plauderte Toni munter weiter. „Es ist ein Name wie jeder andere. Aber wenn dich unser Stall interessiert, kann ich ihn dir gerne zeigen. Er ist luftig, gemütlich, und das absolute „Highlight“ ist unsere Schubberbürste. Die liebe ich besonders. Deshalb war ich vielleicht etwas grob, als ich dich an der Bürste sah. Ich wollte mich nämlich gerade mal richtig durchschubbern lassen. Das kitzelt so schön und hilft mir zu entspannen. Ich hatte nämlich gerade etwas Ärger mit Elsbeth am Melkroboter. Sie wollte ihn doch auf Biegen und Brechen nicht verlassen. Und eigentlich war es genau meine Zeit, um mich melken zu lassen. Außerdem hatte ich Lust auf das leckere Kraftfutter, das man im Melkstand bekommt. Na ja, ich habe einen unschönen Streit gehabt und wollte mich ein wenig beruhigen. Das kann ich am besten an der Schubberbürste. Und dann sehe ich dich dort – an meiner Wohlfühl-Bürste, die ich so dringend nötig hatte.“

Eine aufregende
Besichtigungstour

 
„Ja, das verstehe ich doch vollkommen, dass das für dich kein erfreulicher Anblick war. Das tut mir furchtbar leid. Aber für mich ist das alles hier so neu. Denn du musst wissen, ich komme aus einem mobilen Legehennenstall, ganz weit da hinten am Hofrand. Ich bekomme normalerweise einen solch riesigen Stall nicht zu sehen. Ich habe mich sozusagen davongeschlichen.“
 
Toni redete mal wieder ohne Punkt und Komma und am irritierten Gesichtsausdruck von Traudel war zu erkennen, dass es ihr schwerfiel dem Redefluss von Toni zu folgen. Dennoch lächelte sie nun freundlich und meinte: „Eigentlich finde ich es ganz nett, dass uns ein anderes Tier von Bauer Franz mal besuchen kommt. Ich zeige dir gerne unseren Stall und die anderen Kühe.
 
Die Tour durch Traudels Stall war aufregend für Toni. Ab und zu musste sie dem ein oder anderen Hufschlag einer Kuh ausweichen, sie besah sich den Melkroboter und verhedderte sich dabei in den Schläuchen, dann hüpfte sie noch einmal auf der ein oder anderen Strohmatratze im Stall herum, was ihr böse Blicke von der ein oder anderen Kuh einbrachte. Aber im Ganzen gesehen war es ein erlebnisreicher und spaßiger Tag mit Traudel. Und dann war es leider Zeit, Abschied zu nehmen, denn draußen dämmerte es schon und Traudel musste unbedingt vor dem Dunkelwerden im Mobilstall sein.
 

Der nächste Schreck
wartet schon

 
Gemeinsam warteten Traudel und Toni, bis sich die Stalltür öffnete und die langen Beine von Bauer Franz zu sehen waren. Traudel gab ein aufforderndes Muhen von sich und schon schlüpfte Toni durch die Beine von Bauer Franz nach draußen. Nun noch schnell zum Zaunloch geflitzt, hindurch und … „Wo kommst du denn her?“ Toni machte vor Schreck einen Luftsprung. „Musst du mich so erschrecken, Gustav?“ – „Entschuldige, aber ich habe dich gerade beobachtet, wie du von draußen durch das Loch im Zaun hier hereingekrochen bist, und da war ich natürlich neugierig, wo du gewesen bist.“
Ziegenbock Gustav sah Toni auffordernd an. Doch Toni war ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit nun nicht zum Reden aufgelegt: „Ich habe jemanden kennengelernt. Traudel heißt sie und ich denke, sie könnte eine neue Freundin werden. Aber das erzähle ich dir morgen, heute bin ich einfach zu müde“, sprach sie und verschwand durch die Klappe im Mobilstall.
„Neue Freunde finden, ist immer gut“, murmelte Gustav, „Freunde kann man immer gebrauchen!“ Gustav ließ noch ein letztes Mal seinen Blick über den Mobilstall schweifen. Alles schien in Ordnung zu sein, dann zog auch er sich zum Schlafen zurück.

 

 

 

 

Schäfer – LW 22.10.2019/2019