Toni braucht einen Rat

Wenn es mit ,,Schwupp'' nicht klappt

Ziegenbock Gustav unternahm gerade seinen kleinen Kontrollgang: am mobilen Hühnerstall vorbei, Zaunkontrolle, Heckenkontrolle. Alles schien in Ordnung zu sein. Kein verschrecktes Huhn, das sich in der Hecke verfangen hatte, kein Loch im Zaun, kein Habicht in Sicht, der die Hühnerschar bedrohen könnte. Noch einen kurzen Blick hinter den Mobilstall – huch! Gustav war über etwas gestolpert und suchte irritiert den Boden ab.

 

Wenn es mit „Schwupp“
nicht klappt

 

Da saß doch tatsächlich Toni. Das kleine Huhn hockte am Boden und ließ den Kopf hängen. „Gott, Toni, hast du mich erschreckt. Habe ich dir wehgetan? Ich glaube, ich bin über deine Krallen gestolpert.“ Von Toni kam nur ein leichtes Aufseufzen. „Na, das klingt ja, als hättest du Kummer. Komm schon, Toni, erzähl, was los ist.“


Toni nestelte ein wenig an ihren Federn herum und dann kam sie mit der Sprache heraus: „Sag mal, Gustav, wie kann ich es denn erreichen, dass jemand Bestimmtes meine Freundin wird?“ Gustav überlegte kurz: „Na ja, im Allgemeinen funktioniert das ganz automatisch. Man findet sich sympathisch, man spricht miteinander, lacht miteinander, unternimmt etwas zusammen, lernt sich besser kennen – und schwupp ist man befreundet.“


„Und schwupp ist man befreundet“, murmelte Toni. „Und wenn es mit ,Schwupp' nicht klappt?“, fragte sie verzweifelt. „Dann liegt es vielleicht daran, dass sich Traudel – ich vermute mal, dass es um Traudel geht – vielleicht nicht traut, dich anzusprechen.“ - „Wieso sollte Traudel sich nicht trauen? Wir haben einen ganzen Tag miteinander verbracht und viel miteinander geredet – na ja, eigentlich habe ich geredet und sie hat zugehört. Aber es war ganz harmonisch und wir haben uns gut verstanden – dachte ich zumindest. Aber jetzt ist Funkstille. Ich sehe und höre nichts mehr von Traudel.“

 

Gustav
spricht in Rätseln

 

„Na ja, wenn du mich fragst, so scheint mir Traudel nicht gerade eine sehr redefreudige Kuh zu sein. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass sie ein wenig introvertiert ist.“ „Intro… was?“, fragte Toni irritiert. „Introvertiert! Das bedeutet, dass jemand seine Gefühle nicht so offen zeigen kann. Traudel ist wahrscheinlich schüchtern. Am besten sprichst du sie einfach an und fragst sie, ob sie deine Freundin sein möchte. Du bist im Gegensatz zu ihr ja eher extrovertiert.“


„Extro... – was? Jetzt reicht es mir aber, Gustav!“, rief Toni ärgerlich. „Extrovertiert ist das Gegenteil von introvertiert. Du kannst deine Gefühle ganz gut zeigen, bist offen und kontaktfreudig“, erwiderte Gustav ruhig. „Ach so. Dann sag es doch auch so! Und was meinst du mit ,einfach fragen'? Wie soll denn das gehen?“, fuhr Toni Gustav erregt an. „Soll ich einfach fragen: ,Duuuu, Traudel, willst du meine Freundin sein?'“
„Ja, ungefähr so, warum denn nicht?“ „Und wenn sie dann  ,nein' sagt?“ „Nun, das Risiko wirst du wohl eingehen müssen, wenn du herausfinden willst, ob Traudel dich mag.“ „Hast du keine bessere Idee?“

 

Ganz langsam Freunde werden
hat auch seinen Reiz


Gustav überlegte: „Nun, du könntest es auch ganz langsam angehen, nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Wenn ich es recht bedenke, ist es eigentlich auch ganz schön und aufregend, sich ganz langsam kennenzulernen. Du schaust halt mal wieder bei ihr im Kuhstall vorbei. Du kannst ja so tun, als wärest du ganz zufällig vorbeigekommen. Dann könntest du etwas tun, von dem du weißt, dass sie es gerne mag, zum Beispiel ein Gedicht vortragen …“   „Du magst Gedichte, Gustav, Traudel liebt Witze“, erwiderte Toni trocken.  „Schön, dann erzählst du ihr eben einen Witz. Dann gehst du einen Schritt weiter und machst ihr ein kleines Geschenk. Bei all diesen Aktionen solltest du eigentlich spüren, ob sie sich darüber freut oder nicht. Wenn du den Eindruck hast, dass sie sich freut, dann stellst du die alles entscheidende Frage: ,Traudel, willst du meine Freundin sein?'


„Ich glaube nicht, dass das klappt“, sagte Toni zögerlich.


Dann bleib halt hier hocken und bemitleide dich selbst“, brummte Gustav und verdrehte die Augen. Als er sich schon umgedreht hatte, um den letzten Kontrollgang des Tages zu absolvieren, rief ihm Toni noch hinterher: „Gustav?“ – „Ja?“ „Ich werde es aber trotzdem versuchen.“

 

Gustav schmunzelte. Nichts anderes hatte er erwartet.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schäfer – LW 22.10.2019/2019