Vom Entwässerungsbauwerk zum Wasser-Regler
Im Klimawandel sind smarte Drainagen gefordert
Drainagen waren jahrzehntelang ein Synonym für „das Wasser muss weg“. In einem Klima, das zukünftig häufiger zwischen Starkregen und Dürre pendelt, wird genau diese Einbahnstraße zum Problem: Was im Winter zu schnell abgeführt wird, fehlt im Frühjahr als pflanzenverfügbarer Vorrat – und erhöht zugleich den Druck auf Beregnung und Grundwasser. In einigen Regionen Niedersachsens geht man jetzt neue Wege.
Foto: Mühlhausen
Kooperation und Daten statt aufwändiger Technik
Im Projekt „Wassermengenmanagement Kleine Aller / Westlicher Drömling“ wird Wasser nicht nur über Technik, sondern vor allem über Kooperation und Daten gemanagt – mit drei praxisnahen Pilotprojekten, die vom Gewässerbau bis zur Drainageregelung und effizienteren Beregnung reichen. Und dass dieser Ansatz längst nicht mehr Theorie ist, wurde im vergangenen Sommer beim Grundwasserworkshop des Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Cloppenburg gezeigt. Dabei ist der Praxis-Hotspot „Kleine Aller / westlicher Drömling“ so etwas wie ein Reallabor: Das Projektgebiet verbindet mehrere „Wasserkonflikt-Treiber“ auf engem Raum: Trinkwassergewinnung für die Stadt Wolfsburg durch die LSW Netz, intensive landwirtschaftliche Nutzung, Naturschutzkulisse und ein ausgeprägtes Beregnungsumfeld. In der Projektkulisse werden fünf Gemeinden, sieben Beregnungsverbände und 58 landwirtschaftliche Betriebe genannt, dazu 3 670 ha Forst und 6 001 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. Gerade diese Gemengelage macht den Ansatz übertragbar: „Wo viele Interessen gleichzeitig legitim sind, braucht es Lösungen, die skalier- und steuerbar sind – technisch wie organisatorisch“, sagt Rode.
Steuerungslogik: Wasser halten, ohne Vernässung zu produzieren
Die zentrale Idee ist nicht mehr Wasser überall, sondern ein dynamisches Zielniveau: Im Winter und Frühjahr Wasserstände sollen Wasserstände angehoben und Speicher in Boden und Graben gefüllt werden; vor Feldarbeiten und in nassen Phasen ist das Wasser dann rechtzeitig abzuführen. Im Sommer müssen die Reserve möglichst lange im Wurzelraum gehalten werden, um Stressphasen zu überbrücken. Zusatzwasser über Beregnung ist hocheffizient einzusetzen. In diesem Umfeld setzen die Pilotmaßnahmen an. Als „Low-Tech mit High-Impact“ lässt sich Pilot 1 (Rückhalt im Gewässer, hier Sohlschwelle im Landgraben) beschreiben: Über eine Sohlschwelle entsteht in dem recht flachen Gelände eine Stauwurzel von rund 350 m (als Stauwurzel wird der Bereich eines Fließgewässers bezeichnet, bis zu welchem sich Aufstau auswirkt, Red.). Das zusätzlich zurückgehaltene Volumen wird mit zirka 240 m³ im Graben plus zirka 600 bis 800 m³ in angrenzenden Flächen (Boden: Mittelsand) beziffert. Insgesamt entstehen dadurch zwischenzeitlich rund 800 und 1 000 m³ Wasserrückhalt.
Landwirtschaftliche Nutzung wird nicht beeinträchtigt
Entscheidend ist, dass dadurch ausdrücklich keine Vernässung angrenzender landwirtschaftlicher Flächen auftrat, der Wert und die Nutzung der angrenzenden landwirtschaftlichen Grundstücke also nicht beeinträchtigt wird. „Das ist fachlich bedeutsam, weil es eine häufige Sorge adressiert: Rückhalt ja – aber bitte ohne Ertragsrisiko durch Staunässe“, sagt Markus Hanssler, Wasserexperte bei der Geries Ingenieure GmbH (Parsau). Gerade einfache Bauwerke im Gewässer könnten daher ein guter Einstieg in den Wasserrückhalt darstellen, sofern Unterhalt, Profil, Abflussregime und vor allem die Abstimmung mit Anliegern und Behörden passen würden. Wie Hanssler ausführt, hat das niedersächsische Umweltministerium dazu im Dezember 2024 „Fachliche Hinweise zum Verhältnis von ökologischer Durchgängigkeit und Wasserrückhalt“ veröffentlicht, um Standorte solcher Bauwerke in Gewässern ableiten zu können“.
Drainage zur Steuerung des Grundwasserspiegels
Der eigentliche Kern, die „smarten Drainagen“, liegen im Pilotprojekt 2 (Rückhalt in der Fläche, Drainagesteuerung): „Statt Drainagewasser ganzjährig frei abzuführen, wird der Ablauf über einen Regelungsschacht gesteuert und mit einem Monitoring hinterlegt“, erläutert Hanssler. Im konkreten Projekt wurde der Einbau von Datenloggern im November 2023 vollzogen, der Einbau der Drainagesteuerung im März 2024. Auch wenn das Jahr 2025 kein Vorzeigejahr gewesen sei, da verhältnismäßig geringe Niederschläge zu frühen Wasserengpässen geführt hätten, könne man laut Hanssler jedoch schon einige Punkte festhalten:
- Die Steuerung funktioniert und hält Wasser auf der Fläche zurück.
- Es wurde eine Anhebung des Grundwasserstands um zeitweise 25 cm auf einer 8,5 ha großen Fläche in Parsau erreicht; daraus resultierten zirka 3 400 m³ zusätzlich im Boden gespeichertes Wasser.
- Der operative Aufwand ist überschaubar: Eine Anpassung der Stauhöhen nur 1- bis 2-mal pro Jahr ist ausreichend.
Genau hier liege der strategische Hebel für die Fachpraxis: Smarte Drainagen müssten nicht zwangsläufig „High-Tech mit täglichem Eingriff“ sein. Wenn Zielwasserstände, Regelstrategie und Messkonzept stimmten, könne der Betrieb alltagstauglich bleiben – bei gleichzeitig messbarer Speicherwirkung, macht Hanssler deutlich. „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir in den Jahren 2024 und 2025 – beides keine Jahre mit durchschnittlichem Niederschlag (2024 zu nass und 2025 zu trocken) – keine ertragsrelevante Wirkung der Drainagesteuerung messen konnten. Die weiteren Messdaten diesbezüglich bleiben abzuwarten.“ Hans-Joachim Keil, Landwirt aus Parsau und Bewirtschafter einer Fläche mit Pilotanlage ergänzt: „Bislang sind durch den zeitweisen höheren Grundwasserstand unter der Fläche keine Probleme aufgetreten. Die Drainage entwässert unsere Fläche, wenn es notwendig ist und ansonsten kann das Wasser ruhig hoch anstehen. Das nützt uns Landwirten und der Grundwasserneubildung.“
Einbindung von effizienter Beregnung
Effiziente Beregnung, der zweite Hebel neben dem Rückhalt Smarte Drainagen, ist in Niedersachsen zunehmend Teil eines Systemdesigns (Pilot 3, Effizienz in der Beregnung): Der Rückhalt in Boden und Gewässer senkt den Beregnungsdruck, während moderne Technik den verbleibenden Bedarf präziser abdeckt. In Pilotprojekt 3, das die Beregnung umfasst, werden unter anderem eine Sektorsteuerung (Vermeidung von Überlappungen/Doppelberegnung), eine Anpassung der Einzugsgeschwindigkeit und die Kopplung an Bodensensorik behandelt, um die Beregnung zu optimieren. Als Zwischenfazit wurde eine mittlere Einsparung von rund 70 m³/ha Beregnungswasser pro Beregnungsgang erreicht. Von diesen Ergebnissen könnte die gesamte Branche profitieren, nicht nur um Wasser zurückzuhalten und effizienter zu beregnen, sondern in der Summe auch durch mehr Akzeptanz. „Das ist für Genehmigungsprozesse wichtig: Wer Wasser effizienter nutzt und zugleich Rückhalt stärkt, kann Konflikte um Entnahmerechte und Schutzgüter entschärfen – vorausgesetzt, die Datenlage ist belastbar“, stellt Dieter Rode fest.
Datenplattform und Kooperation als Schlüssel
Sollten die Ergebnisse auch mehrjährig bestätigt werden, ergibt sich aus der Klarheit schon fast eine Art Arbeitsauftrag an die Branche: Es bedarf
- zentraler Datenbanken/GIS mit allen relevanten Informationen,
- einfacher, kostengünstiger Maßnahmen wie Sohlschwellen und Drainagesteuerung, die den Landschaftswasserhaushalt deutlich stabilisieren würden sowie
- einer Kooperation mit allen Beteiligten.
Diese Punkte seien der Schlüssel zu einem erfolgreichen Wassermengenmanagement im Sinne aller Wassernutzer, sagt Rode, und: „Das ist mehr als ein Soft Skill. Nur mit gemeinsamen Zielwerten, dem Verständnis für die Wasserbedürfnisse aller Betroffenen und klaren Absprachen zwischen den Parteien kann langfristig der Landschaftswasserhaushalt positiv beeinflusst werden. Alles andere sind dann schnell wenig produktive Insellösungen.“
Steuerung von Drainagen im Landkreis Uelzen
Parallel zum Projekt der LSW Netz zeigt auch der Landkreis Uelzen (Raum Gansau) ein sehr praxisnahes Bild: Dort wurde durch den Dachverband Feldberegnung Uelzen ein Pilotprojekt zur gezielten Steuerung von Drainagen auf einem Kartoffel-Drainagefeld vorgestellt. Der Kern der Argumentation: Drainagen sollen in den Wintermonaten Wasser zurückhalten, damit Pflanzen im Frühjahr nicht in Trockenstress geraten; zur Bestellung und bei Bedarf kann die Drainage wieder geöffnet werden. Aus fachlicher Sicht, so Hanssler, sei die Uelzen-Erfahrung vor allem deshalb interessant, weil sie den Anwendungsfall Ackerbau ins Zentrum rückt und die Frage beantwortet, die viele Betriebe zuerst stellen: Funktioniert das ohne nasse Stellen und ohne ständigen Bedienaufwand? Der Tenor sei: Die Maßnahme zielt auf Regelbarkeit sowie kostengünstige Verfahren und sei damit anschlussfähig für ertragsorientierte Betriebe, wenn Topografie, Boden und Vorflut stimmen.
Weitere Ergebnisse ähnlicher Projekte
Aus der Region Diepholz kommt ein weiterer Baustein: messbasierte Retentionswerte und ein klarer Skalierungswille. In einem Bericht über regionale Wassermanagement-Projekte wird für gesteuerte Drainagen eine mittlere Retentionsleistung von 700 m³ Wasser pro Hektar gegenüber herkömmlichen Drainagen genannt (Messungen über sechs Monate auf Test- und Referenzfläche). Auch das Landvolk Diepholz verweist auf eine Untersuchung im Rahmen einer Masterarbeit (Hochschule/Universitätsumfeld) auf einem rund 8 ha großen Ackerschlag in der Samtgemeinde Barnstorf, um Potenziale gesteuerter Drainagen praxisnah zu bewerten. Wichtig für die Einordnung: Solche Zahlen sind kein „Werbeclaim“, sondern gewinnen Gewicht, wenn Messdesign, Referenzen und Bodeneigenschaften sauber beschrieben werden; ein Punkt, den auch wissenschaftliche Vorträge zur Datenerhebung (z. B. Bodenfeuchte-Messprofile über mehrere Tiefen) regelmäßig betonen.
Was heißt das für die Praxis?
Dieter Rode betont: Smarte Drainagen sind kein Einzelgerät, sondern ein Betriebskonzept aus
- Regelbauwerk/Steuerstrategie, Monitoring,
- Vorflut- und Gewässermanagement sowie
- Governance (Organisation des Gesamtsystems).
- Aus den niedersächsischen Beispielen ließen sich für Betriebe und Verbände fünf praxisnahe Leitlinien ableiten:
- Mit „einfach“ beginnen, aber messbar machen. Sohlschwellen und Drainageregelung sind relativ kostengünstig. Entscheidend ist es, die Wirkung (Wasserstand/Bodenwasser) nachvollziehbar zu dokumentieren.
- Zielwasserstände definieren (statt auf/zu nach Gefühl). Die Stärke liegt in Korridoren: genügend hoch für Speicher, niedrig genug für die Befahrbarkeit.
- Bedienaufwand klein halten. Das Beispiel im Landkreis Gifhorn zeigt, dass ein bis zwei Anpassungen pro Jahr ausreichen können, wenn System und Standorte passen.
- Datenplattform früh mitdenken: Ohne zentrale Datenhaltung/GIS bleibt Skalierung Stückwerk und Daten sind Fakten für weitere Abstimmungen.
- Kooperation als Projektarchitektur planen. Wassermanagement ist Verbands- und Behördenrealität; dort, wo die Abstimmung institutionalisiert ist, wird Technik anschlussfähig.
Fazit: Ein praktikables Instrument der Klimaanpassung
„Das Wasser muss weg“ war einmal und stimmt pauschal so nicht mehr. Niedersachsen zeigt aktuell sehr anschaulich, wie Drainagen von der reinen Entwässerungseinrichtung zu einem regelbaren Instrument der Klimaanpassung werden können. Der Schwerpunkt im Raum Gifhorn liefert dabei ein überzeugendes Gesamtbild: Rückhalt im Gewässer (Pilot 1), Rückhalt in der Fläche (Pilot 2) und Effizienz in der Beregnung (Pilot 3) werden als zusammenhängendes System gedacht – getragen von Daten und Kooperation. Das Beispiel Uelzen demonstriert die politische und ackerbauliche Anschlussfähigkeit im Ackerbau, Diepholz liefert zusätzliche Messzahlen und den Pfad in die Breite. Wenn smarte Drainagen künftig Standard werden sollen, dann nicht, weil sie spektakulär sind, sondern weil sie pragmatisch sind: wenige Stellschrauben, klarer Nutzen, messbare Wirkung und ein Organisationsmodell, das mit Wasserrecht, Naturschutz und landwirtschaftlicher Praxis zugleich kompatibel ist.
Christian Mühlhausen – LW 44/2026
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