Hoffen auf den Herbst

Im Herbst wird die Milch wieder teurer  – das ist die Hoffnung, an die sich die Milcherzeuger aber auch die Molkereien klammern. Der Schock der dras­tischen Preissenkung bei Konsummilch sitzt noch tief, und die Reaktionen waren prompt. Mit zahlreichen Demonstrationen vor dem Lebensmitteleinzelhandel machten die Landwirte ihrem Zorn Luft, dass die wenigen Einkäufer des LEH mit ihrer geballten Nachfragemacht die derzeitige Marktschwäche so ausgenutzt haben. Die Hoffnung auf das zweite Halbjahr gründet sich darauf, dass dann die Milch­anlieferung traditionell geringer ist und dass der weltweite Trend der wachsenden Nachfrage in den Schwellenländern nicht abreißen wird. Außerdem werden sicherlich die jetzigen niedrigen Verbraucherpreise auch den inländischen Konsum wieder ankurbeln. Deshalb ist es positiv, dass die Verträge für Konsummilch statt einem Jahr diesmal nur eine Dauer von einem halben Jahr haben. Für Käse und Milchpulver gibt es bisher schon zwei- oder dreimonatige Vertragslaufzeiten. Molkereien, die aufgrund ihres Produktportfolios unterschiedlich lange Vertragslaufzeiten haben, können die jetzigen hohen Ausschläge auf dem Milchmarkt besser abfedern. Molkereien, die vor allem Konsummilch herstellen und mit ihnen die Lieferanten, müssen drastischere Preisrückgänge verkraften. Auf dem Milchmarkt kehren Verhältnisse ein, wie sie bisher vor allem den Schweinehaltern bekannt sind. Die Märkte sind volatiler, nicht zuletzt deshalb weil die Politik nicht mehr steuert. Produzenten und Verarbeiter müssen sich auf diese bisher unbekannte Situation einstellen. Die Hoffnung auf den Markt ist die eine Seite, auf der anderen Seite sind die Molkereien gefordert, ihre Marktstellung gegenüber dem Handel zu stärken, etwa durch den gemeinsamen Verkauf, wie vom Berufsstand verlangt.
Cornelius Mohr