Ideen säen – Zukunft ernten

IALB-Forum zur demografischen Entwicklung in Hessens Dörfern

Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung erhält die Sicherung der Lebensqualität in den Dörfern eine neue Dimension. Das wurde beim Forum „Ländlicher Raum und demografischer Wandel – Möglichkeiten zur Attraktivitätssteigerung des ländlichen Raums“ der Arbeitstagung der Internationalen Akademie land- und hauswirtschaftlicher Bera­terinnen und Berater (IALB) vorige Woche in Marburg deutlich.

Zwei Beispiele der Attraktivitätssteigerung von Dörfern aus Rheinland-Pfalz und Baden-Würt­temberg wurden vorgestellt. Dr. Rolf Mül­ler, MdL und Vorsit­zen­der der Enquete-Kommission „Demografischer Wandel“ des Hessi­schen Landtages, sprach über die Bevölkerungsent­wicklung in den peripheren Re­gio­nen Hessens mit den Folgen für Infra­struk­tur und Wirtschaft. Ursula Baumgärtel-Blaschke, Leiterin des Fach­dienstes ländlicher Raum im Werra-Meißner-Kreis, führte durch dieses lebhafte Forum.

Bleibeperspektiven bieten

Der Geburtenrückgang und die zunehmende Überalterung der Gesellschaft stellen besonders die ländlichen Räume vor großen Herausforderungen wurde klar. Die Prognosen gehen davon aus, dass die deutsche Bevölkerung von derzeit circa 82 Mil­lionen bis 2050 auf rund 75 Millionen schrumpfen wird, hatte vormittags Brigitte Roggendorf vom Bundeslandwirtschaftsministerium mitgeteilt, weshalb das Bundesministerium hierzu jetzt einen Bundeswettbewerb für junge Menschen ausgeschrieben habe. Unter dem Motto „Ideen säen – Zukunft ernten – Junge Menschen gestalten ländliche Räume“ sollen Jugendliche eigene Ideen entwickeln, wie ländliche Regionen für junge Leute attraktiver gestaltet werden können und Bleibeperspektiven bieten. Für die Menschen in ländlichen Regionen bedeute die Sicherung von Lebens­qualität, den Erhalt von Arbeitsplätzen und eine Ver­sor­­gung mit Dienst­leistungen, gute Verkehrsanbindungen sowie ausreichende Bildungs- und In­­fra­struk­turein­richtungen. Wenn es um die Zukunftsperspektiven für die ländlichen Räume gehe, sei auch die Landwirtschaft von zentraler Bedeutung. In der Landwirtschaft in Deutschland seien zur Zeit rund 1,3 Mio. Menschen beschäftigt, davon 785 000 Fami­lien­arbeits­kräfte, so Roggendorf.

Gerontologie statt Gynäkologie

Der demografische Wandel, der in den 70er Jahren eingesetzt habe, verändere das Gesicht unserer Gesellschaft, begann Dr. Rolf Müller seinen Vortrag. Er beschrieb konkrete Auswirkun­gen: Beispielsweise sei nahe seiner Heimat im Krankenhaus in Schlüchtern die Gynä­kologie ge­schlossen worden und statt dessen eine gerontologische Abteilung (Gerontologie bedeutet Alters­wissenschaft) eingerichtet worden. Landräte würden immer häufiger zum 100. Geburtstag gratulieren und ein modernes Kinder­heim könne bereits heute zum Altersheim umfunktioniert werden. Gravierende Folgen wer­de es auch in der Pro­duktion ge­ben: Von Schaukelpferden hin zu Schaukelstühlen, brachte Müller hier die Konsequenzen auf den Punkt. Und Vereine, wie beispiels­weise ein Feuerwehrverein in sei­ner Region, reagierten zum Teil sehr innovativ. Hier würden ab einem Alter von acht Jahren neue „Feuerwehrmann-Anwärter“ aufgenommen und damit früh am Verein gebunden. Demografie sei also ein unumkehrbarer Prozess; aber sie lasse sich durch politisches Handeln mildern und gestalten, wie die Beispiele aus Main-Kinzig zeigten, hielt Müller fest.

Die demografische Entwicklung in Hessen stelle wie folgt dar: Nach der Vorausberechnung des Statistischen Landesamtes würde sich die Alterstruktur in Hessen bis zum Jahre 2050 vermutlich gravierend verändern: Die Zahl der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20 bis unter 60 Jahre) sinkt demnach um ein Viertel, die Zahl der Sechzigjährigen und Älteren steige um 44 Prozent und die Zahl der Hochbetagten sogar um 185 Prozent im Vergleich zu heute an. „Aber wir werden auch weniger“, erläuterte Müller. Denn im Jahr 2002 lag entsprechende seiner Statistik die Geburtenrate in Hessen bei 1,35 Kindern pro Frau. Zur Erhaltung der Gesamtzahl der Bevölkerung wäre aber eine Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau erforderlich gewesen. Die hessische Bevölkerung werde entsprechend der Schätzung des Hessischen Statistischen Landesamts bis 2020 noch um etwa 32 000 Personen wachsen. Danach werde die Bevölkerung in Hessen bis 2050 um rund 600 000 Personen zurückgehen.

Zusammenleben der Generationen

Sowohl innerhalb Deutschlands als auch innerhalb Hessens gebe es Wande­rungs­be­wegun­gen. Dabei ergebe sich selbst bei dem demografischen Wandel in Hessen ein differenziertes Bild, was den Bevölkerungsrückgang und den Alterungsprozess angeht. Was die zahlenmäßige Be­völ­kerungsentwicklung betreffe, seien insbesondere die Landkrei­se Werra-Meißner, Vogelsberg und Hersfeld-Rotenburg sehr stark betroffen. Während andererseits die Räume Wiesbaden und Offenbach sowie die Landkreise Groß-Gerau, Main-Taunus, Limburg-Weilburg und Ful­da eine positive Entwicklung der Einwohnerzahl bis 2030 haben würden. Eine der großen Her­­aus­forderung für die Zukunft besteht für ihn darin, ein gutes Zu­sammenleben der Generationen zu gestalten.

Beispiel aus Rheinland-Pfalz

Eine Initiative zur Wiederbele­bung der Dörfer wurde am Beispiel der Verbandsgemeinde Wall­merod in Rheinland-Pfalz vorgestellt. Bürgermeister Jürgen Paulus sprach über eine erfolgreiche Umorientierung von der Außen- auf die Innenentwicklung in seinem Ort. „Wohnen in der Dorfmitte? Nein danke?“ So sollte, laut Paulus, nicht der unaufhaltbare Zug der Zeit für das Wohnen in peripheren Regionen lauten. Mit günstigem Bauland lockten zwar viele Bürgermeister der Kommunen neue Einwohner. Das sei aber der fal­sche Weg. Denn während die Neubaugebiete Feld, Wald und Wiese verdräng­ten, verwaisten in vielen Ortschaf­ten die Dörfer. Der demografische Wandel gebe dem Leben in den Ortskernen den Rest. Also sei ein Umdenken angesagt. Die Zielsetzung in Wall­merod sei folgendermaßen definiert: Weniger bedeute mehr. Weniger Bürokratie und Er­schwer­nisse – mehr Leben im Dorf. Die Erfolge seien messbar, denn Objekte im Dorf seien in Wall­merod jetzt wieder gefragt.

Innen- statt Außenentwicklung

Um das Ziel der Wieder­bele­bung des Dorfes zu errei­chen, habe man die Akteure, begeistern müssen. Dies seien die Verantwortlichen in den Rat­häusern ebenso wie auch die Men­schen, die ihre Häuser in den Dörfern finden sollten.

Mit vier Handlungsschwerpunkten sei man dazu ans Werk gegangen:

  1. Problembewusstsein bei den Bewohnern schaffen;
  2. Bedarfsorientierte Flächennutzungsplanung und restriktive Baulandausweisung;
  3. Finanzielle Förderung;
  4. Mit Marketingmaßnahmen das Dorfprojekt unterstützen.

Die Verantwortlichen in der Verbandsgemeinde und in den 21 Ortsgemeinden davon zu überzeugen, die Außenentwicklung abzulehnen und sich auf die Innenentwicklung zu konzentrieren, sei sehr schwer, berichtete der 62-jährige Ortsvorsteher aus seiner langjährigen Erfahrung. Am Ende hätten in seinem Fall aber Erkenntnis und Vernunft gesiegt. „Bei der Baulandausweisung voll auf die Bremse treten und bei der Innen­entwicklung voll aufs Gas“, lautet nach Paulus die grundsätzli­che Strategie für das Dorf­projekt. Zunächst standen in Wallmerod 48  Häuser leer und 237 Grundstücke in den Ortskernen waren unbebaut, erläutert Paulus eine Erhebung für seinen Ort. 517 Häuser wurden von Menschen bewohnt, die 70 Jahre und älter waren. Deren Kinder, auch das hätten die Untersuchungen ergeben, würden diese Häuser später nicht selbst bewohnen, da sie mittlerweile auf die „grüne Wiese“ gebaut hätten. So kamen rund 800 Grundstücke, das sind 17 Prozent der gesamten Grundstücke, zusammen.

Auf diesem Weg, die Revitali­sierung der Ortskerne zu erreichen, müssten die Wohnungssuchenden und bauwilligen Men­schen mitgenommen werden. Wie mache man aber insbesondere jungen Familien den Ortskern interessant und wie bringe man sie von dem Gedanken ab, auf die grüne Wiese zu bauen?, fragte Paulus die Zuhörer. Denn im Bewusstsein poten­zieller Bauherrn sei das „Bauen auf der grüne Wiese“ immer noch die bessere Lösung, denn man sei frei in der Planung und die Kosten seien kalkulierbarer. Das Bauen im Bestand hingen werde als keine lohnende Alternative gesehen, vielmehr als ein finanzielles Abenteuer.

Möglichkeiten der Förderung

Bei einem Sanierungswettbewerb für alte Bauernhäuser seien ansprechende und bezahlbare Varianten herausgekommen und es sei gezeigt worden, dass „Omas altes Häuschen im Dorf“ günstiger zu haben sei als der Neu­bau auf der grünen Wiese. Wer daher in Wallmerod das Leben in der Dorfmitte suche, finde dort zahlreiche Unterstützung durch die Kommune, resümierte Bürgermeister Paulus. Auch finanzielle Unterstützung. Die Förderrichtlinien der Gemeinde dienten dem Ziel, möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, ihre Wohnungen wieder in den Ortskernen zu nehmen. Deshalb sei auf Bürokratie sowie auf Einkommensgrenzen bewusst verzichtet worden. Verzichtet worden sei allerdings nicht auf eine vorhabenbezogene Mindestinvestition, aber die För­derung von Verschönerungs- und Reparaturarbeiten sei damit ausdrücklich nicht gemeint. Ein Zinszuschuss erfolgt über einen Zeitraum von fünf Jahren. Eine Erstberatung mit einem Architekten ist in Wallermord kostenlos. Ergebnis: Seit 2004 seien keine Bauplätz mehr ausgewiesen worden; und doch sei der Ort lebendig und attraktiv für jungen Leute.

Attraktivität ländlicher Räume

Zur Erhöhung der Attraktivität ländlicher Räume sprach auf der 48. Arbeitstagung der Internationalen Akademie land- und hauswirtschaftlicher Beraterinnen und Berater in Marburg auch ein ehemaliger Ortsvorsteher aus Baden-Württemberg. Helmut Wanger, Bürgermeister a.D. aus Sternenfels, betonte: „Wir müssen die Bürger im Dorf nicht als Belastung sehen, sonderen als Bereicherung.“ Sein Ansatz beruhte darauf, durch „Humankapital“ (wie Leitbilder) und ehrenamtliches Engagement den ländlichen Raum interessant zu machen. Seine Erfahrungen aus dem knapp 2 000 Einwohner zählenden Dorf Sternenfels sei, dass die Erhaltung und Zukunftsentwicklung eines eigenständigen Lebens- und Wirtschaftsraums besonders wichtig seien, auch wenn es darum gehe, den Strukturwandel zu bewältigen: Besonders kritische Punkte, die zu einer Abwanderung junger Familien führten, seien insbesondere eine unzureichende Grundversorgung sowie fehlende Infrastruktur und der Verlust von Arbeitsplätzen. Not mache aber auch erfinderisch, wie es sich in seinem Ort gezeigt habe. So habe man in enger Zusammenarbeit mit Planern und mit Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg ein schlüssiges Gesamtkonzept bestehend aus „Wohnen, Arbeiten und Erholen“ erarbeitet und konsequent umgesetzt. Moe