Die Bestände werden chronisch unterschätzt

Bauernverband und Jagdverband luden ein

Die Wildschweinbestände steigen seit Jahren. Bundesweit, nicht nur in Rheinland-Pfalz. Als Folge nehmen die Schäden in landwirtschaftlichen Kulturen verheerende Ausmaße an, die Jagdreviere sind wegen der Wildschadenszahlungen nur noch schwer zu verpachten, Autounfälle mit Borstenviechern mehren sich und zu allem Übel lauert die Gefahr der Schweinepest, die als Folge extremer Populationen jederzeit neu ausbrechen kann.

Alle sind sich einig, dass mehr gegen die Schwarzwildbestände getan werden muss, dass Schuldzuweisungen nichts bringen und gemeinsam vor Ort miteinander gesprochen sowie gehandelt werden muss.

Foto: Theato

„Schwarzwild- Wege aus der Krise“ unter diesem Motto diskutierten Ende September in Hohenecken Jäger und Landwirte mit Experten aus Forschung, Wissenschaft und Landesregierung. Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd und der Landesjagdverband hatten gemeinsam zur Veranstaltung eingeladen.

Am Podium saßen Uwe Bißbort, Vorsitzender der Fachgruppe Jagdgenossenschaften im Bauernverband, Kurt Alexander Michael, Präsident des Landesjagdverbandes (LJV), Lorenz Steden, Vizepräsident im LJV, Andreas Leppmann, Geschäftsführer im Deutschen Jagdschutzverband (DJV), Dr. Ulf Hohmann, Wildbiologe an der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt, Prof. Hans-Dieter Pfannenstiel, Schwarzwildexperte und Vizepräsident des LJV Brandenburg sowie Frank Ridderbusch, Jagdreferent der Mainzer Landesregierung. Die Moderation der gut dreistündigen Veranstaltung lag bei Heiko Hornung, dem Chefredakteur von „Wild und Hund“.

Um es vorweg zu nehmen: Wirklich Neues kam nicht auf den Tisch. Was gesagt, gefordert, ausgeführt wurde, steht bereits im 15-Punkte-Handlungsprogramm zur Bekämpfung der klassischen Schweinepest und Reduzierung überhöhter Schwarzwildbestände für das Jagdjahr 2011/2012. Ein Programm, das seit Jahren vom Land, den Verbänden und dem Gemeinde- und Städtebund fortgeschrieben und unterzeichnet wird. Neu war in Hohenecken der allseits bekundete Wille, einer davon galoppierenden Schwarzwildpopulation im sachlichen Miteinander und ohne gegenseitige Schuldzuweisungen wirklich Herr zu werden.

Bis in die 60er Schadwild

Bis in die 60er Jahre wurden Wildschweine gnadenlos als „Schadwild“ verfolgt. Damals blieb die Population angepasst und klein, analog der Zeit als die natürlichen Feinde Wölfe oder Luchse einen regulierenden Gegenpart bildeten. Zu Beginn der 1970er Jahre wurden 5 000 bis 6 000 Wildschweine pro Jahr erlegt. Ein deutlicher Anstieg bis zum Höhepunkt im Jagdjahr 2008/09 mit einer Schwarzwildstrecke von 80 175 Tieren. Zwei Menschen starben bei tödlichen Unfällen auf den Straßen des Landes. Im Februar 2009 brach die Schweinepest aus, die durch gezielte Impfmaßnahmen mittlerweile zwar beherrscht, aber nicht verschwunden ist. Im vergangenen Jahr lag die Strecke bei runden 66 000 Schweinen.

Cleverness unterschätzt

Frank Ridderbusch, Jagdreferent der Landesregierung, sieht in der Nutzungsänderung von Land- und Forstwirtschaft, der Einführung von Hegemodellen und der Einführung der Kirrjagd – dem gezielten Anfüttern durch Maiskörner, die Gründe für das Ansteigen der Tierzahlen und er sagt „Wir haben alle den Bestand in seiner wirklichen Größe, die tatsächliche Reproduktionsleistung der Sauen und ihre Anpassungsfähigkeit sowie ihre Cleverness unterschätzt.“ Im Klartext: Die Schweine werden trotz der enorm hohen Abschusszahlen immer mehr.

Niemals nachlassen mit der intensiven Bejagung, lautet die Empfehlung des Vertreters der obersten Jagdbehörde. Er fordert jeden Frischling, der sich erwischen lässt, zu erlegen, die scharfe Bejagung der Überläufer und so viele Bachen wie möglich zu schießen. Das Erlegen der Leitbache kann die Bejagung erleichtern, so das Credo aus Mainz. „Aus der Sicht des Ministeriums hat „Revieregoismus“ kein Platz“, so Ridderbusch. Er will mit mehr revierübergreifenden Bewegungsjagden die Effektivität der Jagd steigern. Deutlich gibt er zu verstehen, dass es keiner neuen Reglementierungen bedürfe. Im 15-Punkte-Handlungsprogramm sei alles schon festgehalten.

Kein Mais am Waldrand

„Die hohe Jagdstrecke fällt nicht vom Himmel!“ Lorenz Steden, Vizepräsident im LJV, wehrt sich in seinen Ausführungen entschieden dagegen, dass die Jäger alleine Schuld an der Misere tragen sollen: „Der schwarze Peter liegt nicht bei uns.“ Auch die Kirrung als Mitverursacher einer zu stark gewachsenen Population will er nicht gelten lassen und verweist auf die in Rheinland-Pfalz seit sechs Jahren gültige strikte Reglementierung. An die Adresse seiner Jäger richtet Steden den Aufruf auch gestreifte Frischlinge und nicht führende Bachen, selbst wenn sie hoch beschlagen sind, zu schießen: „Das muss in unsere Köpfe.“ Die revier¬übergreifende Jagd scheitert seiner Meinung nach am Fehlen gut ausgebildeter Hunde. Das Land dürfe sich nicht länger dem Antrag auf ein „Schwarzwildgatter“ zur Ausbildung der Hunde verwehren. Ein Zusammenschluss der Reviere zu einer ganzjährigen Bewirtschaftung und Bejagung wertet er als eine Möglichkeit die Sauenjagd effektiver zu gestalten. Dazu gehöre dann auch der Verzicht der Landwirte unmittelbar am Waldrand Mais anzubauen und Bejagungsschneisen anzulegen. Als wesentlichen Faktor, der seiner Meinung immer mehr aus den Augen verloren wird, sind vor Ort greifbare Jagdpächter.

In den großen Maisschlägen hat der Jäger keine Chance die Sau zu erwischen, plädiert Andreas Leppmann, Geschäftsführer im DJV, für das Anlegen von Bejagungsschneisen. Er weist in seinem Vortrag auf die Erfahrung hin, dass nur die mit der Maissaat angelegten Querschneisen zum Jagderfolg führen. Mit 70 Prozent der Sauen werde ein großer Teil bei der Kirrjagd erlegt und ist aus der Sicht des Geschäftsführers deshalb auch in Zukunft ein wichtiger Aspekt der Sauenjagd. Unzufrieden äußerte sich Leppmann mit einer „Vorratshaltung der Sauen im Staatsforst“. Als ganz wesentlichen Faktor, und hier sind sich alle Referenten einig, bezeichnet auch Leppmann das gemeinsame Vorgehen aller Beteiligten, der, wie er bekennt, auch zukünftig jagen und keine Pillen verteilen will.

Genauso einig sind sich die Referenten bei der Aussage, dass deutlich mehr Schweine erlegt werden müssen. Nach den fachlichen Ausführungen von Ulf Hohmann führt kein Weg am vermehrten Abschuss der weiblichen Zuwachsträger vorbei. „Die Bestände werden chronisch unterschätzt“, so der Wildbiologe. Bislang habe das Augenmerk zu sehr auf dem Abschuss der Frischlinge gelegen. Das sei nicht zielkonform, wenn der Zuwachs abgeschöpft werden soll. Über 30 Jahre hinweg habe sich die Zahl der geschossenen Schweine erhöht und trotzdem waren am Jahresende immer mehr Wildschweine da als zu Jahresanfang. Die Strecke müsse insgesamt massiv angehoben werden, etwa durch revier¬übergreifende Drückjagden und kompromisslos muss dem Wissenschaftler zufolge der Bachenanteil innerhalb der Strecke gesteigert werden. Der immer wieder als Mitauslöser zitierte Klimawandel rückt für Hohmann in unseren Breitengraden allerdings in den Hintergrund. Er sieht die Wintermilderung, wenn überhaupt, nur in kontinentalen Bereichen im Osten als bedeutsam an. Und obwohl es nach wie vor Fehlmastjahre gebe, bleibe der zu erwartende Populationseinbruch aus. Auch der Einfluss des Futterangebotes durch den erhöhten Maisanbau wertet Hohmann nur als begrenzt ursächlich für das starke Anwachsen des Schwarzwildbestandes. Eine Einschränkung der Jagdchancen, die liege durch die Maisschläge aber vor.

Kulturlandschaft entspricht dem Schlaraffenland

Der Schwarzwildexperte und Professor für Zoologie aus Brandenburg, Hans-Dieter Pfannenstiel, äußerte Zweifel, ob die Spitze des Bestandes schon erreicht ist. Auch bei ihm fällt deutlich der Satz „Die Jagd ist der Situation nicht angepasst. Der Zuwachs wird chronisch unterschätzt.“ Wölfe waren laut Pfannenstiel die besseren Jäger. Er gesteht aber zu, dass die Sauen in der heutigen Kulturlandschaft wie im Schlaraffenland leben. Landwirte, die unter den derzeitigen Vorgaben keine Bejagungsschneisen anlegen, treffen bei dem Experten auf Verständnis. Nicht aber die Politik, die müsse die Förderrichtlinie nachbessern. Zur Prob¬lemlösung empfiehlt der Brandenburger, den Bachenanteil auf mindestens zehn Prozent der Gesamtstrecke anzuheben, eine scharfe Bejagung der Frischlinge, keine Fütterung und als letztes Mittel die Frischlingsfänge.

In der teilweise hitzig geführten Diskussion war die Forderung mit Nachtsichtgeräten den Borstenviechern auf die Pelle rücken zu dürfen genauso zu hören wie das Unterlassen des Impfens. Dem widersprach Uwe Bißbort vom Bauernverband energisch. Das Impfen gegen die Schweinepest stehe in keinem Zusammenhang mit einem Anstieg der Wildschweinbestände, hier erhielt er Expertenunterstützung von Ulf Hohmann.

Günter Albrecht, Bauernverbandsvorsitzender im Kreis Kaiserslautern, ließ die Schuldzuweisung durch den erhöhten Maisanbau nicht gelten. Ihm zufolge hat sich der Maisanbau im Kreis Kaiserslautern seit 1979 auf 614 ha halbiert, während die Bestände gewaltig angewachsen sind. Auch die Lösung durch Bejagungsschneisen in Maisfeldern wertet er negativ. „Wir wirtschaften im benachteiligten Gebiet, das rechnet sich einfach nicht“, wies Albrecht auf das komplizierte Antragsverfahren hin. Kontrovers stand auch das Thema „Nationalpark in Rheinland-Pfalz“ im Raum. Ein Verbot oder eine Einschränkung der Bejagung wirke sich katastrophal auf das Umland aus, so die Befürchtungen.

Doris Theato