Wie sind Pflanzenschutzmittel richtig zu dosieren?

Künftig auf Laubwandfläche bezogen statt auf Grundfläche

Die Dosiermenge von Pflanzenschutzmitteln ist oft nicht mehr an den heutigen Stand der Praxis angepasst. Im folgenden Beitrag von Dr. Heribert Koch, Oliver Strub und Dr. Georg Hill, DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück, sollen die offenen Fragen und die vorgeschlagene Lösung dargestellt werden.

Seit den 1980er Jahren wird die Aufwandmenge für Pflanzenschutzmittel im Weinbau in kg/ha Grundfläche ausgewiesen. Bekanntlich wird mit der Zulassung ein Basisaufwand (kg/ha) festgesetzt, der dann über eine Faktorstaffelung (1 bis 4) stadienbezogen erhöht wird. Damit soll eine Anpassung der ha-Aufwandmenge an den Bestandeszuwachs erreicht werden.

Es zeigt sich zunehmend, dass dieses Dosiersystem aus Sicht von Zulassung und Praxis nicht mehr den Anforderungen entspricht und überarbeitungsbedürftig ist. Das bestehende System schreibt eine feste Aufwandmenge je ha Rebfläche im bestimmten Entwick­lungsstadium vor. Sie wird ausgedrückt in kg/ha und darf nicht überschritten werden, weil diese ha-Aufwandmenge in der Risikobewertung im Zulassungsverfahren in alle Bewertungsschritte als Obergrenze eingeht. Die maximale ha-Aufwandmenge gilt unabhängig von Unterschieden der Anlagenform oder Erziehungsart. Dies macht es im Grunde erforderlich, dass das Pflanzenschutzgerät für jede einzelne Rebanlage neu eingestellt werden muss. Unterschiedliche Reihen­abstände bedeuten auch unterschiedliche Zeilenlänge/ha und damit unterschiedliche Fahrzeiten je ha. Bei unveränderter Einstellung wird natürlich bei längerer Fahrzeit mehr Spritzflüssigkeit je ha ausgebracht. Diese ständige Geräteumstellung ist nicht praktikabel und wird in der Praxis auch nicht gemacht.

Ziel ist ein möglichst gleichmäßiger Belag im Bestand

Mit Blick auf die biologische Wirksamkeit ist es das applikationstechnische Ziel, möglichst gleichmäßigen Belag im Bestand zu erreichen. Natürlich gilt das gleichermaßen für verschiedene Reban­lagen. Das kann man nicht mit einer konstanten ha-Aufwandmenge erreichen und die laut Gebrauchsanleitung der Pflanzenschutzmittel jetzt zur Anpassung notwendige Geräteumstellung ist auch fachlich falsch.

Warum sollte auf eine Rebzeile bei 2,20 m Reihenabstand eine höhere Aufwandmenge appliziert werden als bei zum Beispiel 1,80 m Reihenabstand. Denn: Bei konstanter grundflächenbezogener Aufwandmenge (kg/ha) stehen 10 m laufende Rebzeile einmal auf 22 m² und einmal nur auf 18 m² Grundfläche. Entsprechend groß ist der Unterschied der festgelegten Produktmenge für diese beiden Rebzeilen, wenn man die ha-Aufwandmenge beim momentanen grundflächenbezogenen Dosiermodell laut Zulassung beziehungsweise Gebrauchsanleitung in den beiden Anlagen konstant halten will.

Entwicklungsstadien der Rebsorten sind verschieden

Auch der Stadienbezug ist nur eine sehr grobe Zuordnung, denn Rebanlagen weisen auch im gleichen Entwicklungsstadium große Unterschiede auf:

Reihenabstände variieren in der Praxis zwischen, 1,60 m und mehr als 3 m in Weitraum- oder Extensivanlagen. Zunehmend werden in Hanglagen Querterrassen errichtet, sodass ein konkreter Reihenabstand gar nicht angegeben werden kann.

Neben Halb- und Flachbogen werden Erziehungsformen wie Minimal- oder Nichtschnitt beliebter. Auch hier ist bei den ersten Spritzungen derzeit nur der Basisaufwand zulässig, obwohl die Laubwand ab Austrieb die volle Wuchshöhe hat.

Sortenunterschiede bedingen, dass Sorten mit langen Internodien (zum Beispiel Dornfelder) bereits im Stadium 15 (fünf Blätter abgespreizt) aufgrund der Trieblänge und Wuchshöhe deutlich größer sind als zum Beispiel Silvaner oder Kerner und folglich eine Düse mehr zugeschaltet werden muss, um die aktuelle Laubwandhöhe abzudecken.

Das Foto oben zeigt sortenbedingte Wuchsunterschiede in nebeneinander stehenden Rebanlagen, rechts im Bild: Dornfelder im Stadium 55/57 (Gescheine werden größer bis Vollentwicklung) und einer Laubwandhöhe von 1,30 m (vier geöffnete Düsen je Seite notwendig) zur letzten Vorblütebehand­lung. Links ist St.Laurent im Stadium 61 (Beginn Blüte) und einer Laubwandhöhe von 1 m (drei geöffnete Düsen je Seite ausreichend) abgebildet. Größere Pflanzenschutzgeräte, zum Beispiel mit 1 500 Liter Tankinhalt und mehr, erfordern größere Reihenabstände. Manche Winzer helfen sich dadurch, dass sie jede dritte Reihe entfernen und Doppelreihensysteme haben.

Letztlich lässt sich dies alles zusammenfassen damit, dass Sprühgeräte im Weinbau nicht die Grundfläche behandeln. Düsen und Gebläseluftstrom sind auf die Laubwandfläche gerichtet. Deshalb ist die Laubwandfläche die eigentliche Behandlungsfläche und nicht die Grundfläche oder der Boden. Die Applikation der Laubwandfläche wird daher als Bandspritzung verstanden, bei der die Behandlungsfläche senkrecht steht und durch Reihenlänge und Laubwandhöhe bestimmt ist. Um beide Laubwandseiten einzubeziehen wird dieser Wert noch verdoppelt. Das Foto rechts zeigt erziehungsbedingte Anlagenunterschiede im Stadium 13 (drei Blätter entfaltet): Die Laubwand ist durch den roten Rahmen markiert.

Die Laubwandfläche ergibt sich aus der äußeren Abmessung der Laubwand, das heißt die äußere Laubwandoberfläche. Gemeint ist nicht die vorhandene Gesamtoberfläche von Laub und Beeren, sondern die Laubwandfläche, die von den geöffneten Düsen übersprüht werden muss. Die beiden Erziehungsformen der benachbarten Anlagen im Foto rechts zeigen, dass im gleichen Entwicklungsstadium die Laubwandfläche (Behandlungsfläche) um mehr als das Doppelte unterschiedlich sein kann.

Die „Dosierdelle“ im bestehenden Faktorsystem

Entscheidend ist, dass die Aufwandmenge und die auszubringende Wasser­menge nicht mehr auf die Grundfläche bezogen werden. Damit wird unabhängig von Reihenlänge, Laubwandentwicklung sowie Entwicklungsstadium immer die gleiche Wirkstoffmenge auf einen m² Laubwandfläche ausgebracht und auch gleiche mittlere Belagsmassen auf den Zielflächen erzeugt.

Besonders auffällig ist, dass im bestehenden Faktorsystem in der besonders kritischen Phase der letzten Vorblütebehandlung und auch Blütebehandlung (Oidium, Peronospora, ebenso Botrytis) eher geringe Belagsmassen erzeugt werden, während in den späteren Stadien mit deutlich reduzierter Anfälligkeit höhere Belagmassen auf den Zielflächen erzeugt werden. Dies soll an einer Untersuchung dargestellt werden, in der über die gesamte Spritzsaison Behandlungen durchgeführt wurden und die Aufwandmenge jeweils über 1 kg/ha (Basisaufwand) berechnet wurde.

Entsprechend der angesprochenen Ermittlung der Laubwandfläche kann jede ha-Aufwandmenge von der Grundfläche natürlich einfach auf die Einheit 10 000 m² Laubwandfläche umgerechnet werden, wenn die geometrischen Daten zu den einzelnen Sta­dien und Spritzterminen dokumentiert sind.

Blau dargestellt in der Grafik ist das derzeitige System, bei dem die Produkt­menge eines Pflanzenschutzmittels (PSM) vom Faktor 1 bis zum Faktor 4 stadienbezogen erhöht wird. Bei einem Basisaufwand von 1 kg/ha bedeutet das eine Steigerung im Laufe der Vegetation von 1 kg/ha im Stadium 14 bis 16 bis 4 kg/ha ab Stadium 75 bis 77. Die in dieser Portugieseranlage gemessene Entwicklung der Laubwandfläche ist grün dargestellt und entwickelt sich von fast 5 000 m² bis etwa 18 000 m². Die kleinen Knicke der Linie in 63 bis 68 und 79 ergeben sich aus Heftarbeiten und dem Laubschnitt. Rechnet man jetzt die ha-Aufwandmengen auf diese Laubwandflächen um, so ergibt sich die violette Kurve als laubwandflächenbe­zogene Aufwandmenge. Bemerkenswert ist die deutlich erkennbare Dosierdelle im Stadium 57-59 (Vorblüte), also dem Stadium der größten Empfindlichkeit gegen Oidium und Peronospora. Dieser Umstand ergibt sich aus dem raschen Zuwachs der Laubwandhöhe im Zeitraum der Blütephase der Weinrebe. Er wird durch die vorgegebene Faktorabstufung nicht ausgeglichen.

Das Beispiel zeigt aber auch, dass eine Umstellung des Dosierungsbezugs in der Praxis recht einfach erfolgen kann. Die „Dosierdelle“ in der Phase der Blüte konnte auch für andere Behandlungsfälle dargestellt werden und zeigt, dass das bestehende System verbessert werden muss, um die Rebanlagen und speziell die Gescheine in der empfindlichen Phase der Traubenblüte erfolgreich zu schützen.

Warum muss Dosierung umgestellt werden?

Das heutige Dosiersystem erlaubt es den Winzern kaum, Maßnahmen untereinander zu vergleichen. Dies ist aber erforderlich, wenn man mehr Verständnis für die Pflanzenschutzmittelanwendung erreichen will. Untersuchungen am DLR in Bad Kreuznach haben ergeben, dass es einen klaren Zusammenhang gibt zwischen der je Behandlungsflächeneinheit (m² Laubwandfläche) ausgebrachten Produktmenge und den mittleren Belagsmassen (µg Wirkstoff/cm² Blatt- oder Beerenoberfläche). Diesem Sachverhalt trägt das bisherige grundflächenbezogene System nicht ausreichend Rechnung.

Besonders entscheidend ist das Instrument der zonalen Zulassung von Pflanzenschutzmitteln. Im neuen Pflanzenschutzgesetz, das seit Februar 2012 in Kraft ist und EU-Regelungen umsetzt, ist vorgesehen, dass Zulassungen in bestimmten Fällen von einem EU-Mitgliedstaat in den anderen übertragen werden können. Damit wird ein wesent­licher Schritt zur besseren Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln erreicht. Problematisch ist, dass in der EU und den verschiedenen Ländern unterschiedliche Aufwandmengeneinheiten benutzt werden. Es können Gebrauchs­an­leitun­gen nicht einfach übersetzt werden. Die Brücke zwischen den Ländern bietet das hier skizzierte laubwandflächenbezogene Dosierkonzept, das Zulassungsübertragungen erst ermöglicht. Dies ist in Belgien seit etlichen Jahren etabliert, sodass Zulassungsbehörden, Praxis, Beratung und Industrie Erfahrungen sammelten.

Laubwandflächenbezogene Dosierung – Vorteile für die Praxis

  • Dem tatsächlichen Zusammenhang zwischen Aufwandmenge je Laubwandflächeneinheit und Belagsmassen wird endlich Rechnung getragen. Deshalb wird es eine bestimmte Aufwandmenge von Pflanzenschutzmitteln in kg/10 000m² Laubwandfläche geben, die über den Anwendungszeitraum unverändert bleibt, solange keine biologisch begründeten Anpassungen erforderlich sind. Die Umstellung ist für Zulassungsbehörde und Industrie eine reine Rechenaufgabe. Für die Praxis wird das System einfacher und transparenter.
  • Das Pflanzenschutzgerät muss nicht von Anlage zu Anlage bei wechselnden Reihenabständen umgestellt oder neu eingestellt werden.
  • Produktaufwandmenge und Wasseraufwandmenge werden voneinander entkoppelt. Es bleibt dem Winzer überlassen, welche Wasseraufwandmenge (l/10 000m² Laubwandfläche) er innerhalb der Vorgaben der Gebrauchsanleitung wählt.
  • Die sachgerechte Behandlung auch von anderen Erziehungsformen als der zugrundegelegten Flach- oder Rundbogenerziehung ist möglich.
  • Die im Faktorsystem belegte Unterdosierung in der empfindlichsten Entwicklungsphase der Blüte wird ausgeglichen.
  • Behandlungen verschiedener Anwender werden untereinander ebenso ver­gleichbar, wie die Anwendungen auf unterschiedlichen Rebflächen.
  • Die Behandlung der Traubenzone oder der Laubzone als eigenes Behandlungsband ist eine Teilflächenbehandlung und kann auch rechtlich besser dargestellt werden.
  • Die Nutzung eines Spritzcomputers, der die Dosiergleichung behandlungsflächenbezogen umsetzt, ist sachlich logisch möglich. Dies wird mit zunehmenden Betriebsgrößen zur Entlastung des Fahrers immer wichtiger.
Dr. Heribert Koch, Oliver Strub und Dr. Georg Hill, DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück – LW 23/2013