Mehr Tierhaltung auf den Öko-Feldtagen

Milchviehhaltung und mobile Legehennenhaltung wichtige Themen

Mit der Hessischen Staatsdomäne Frankenhausen als Lehr- und Versuchsgut der Universität Kassel ist vom 3. bis 4. Juli ein hessischer, seit vielen Jahren erfolgreich ökologisch wirtschaftender Betrieb wieder Standort der zweiten bundesweiten Öko-Feldtage. Die Veranstaltung ist Treffpunkt für Ökolandwirte und Landwirte konventioneller Betriebe, die sich über den ökologischen Landbau informieren wollen. Die Tierhaltung spielt auf den Öko-Feldtagen in diesem Jahr eine wesentlich bedeutendere Rolle als 2017. Jürgen Sprenger, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, gibt einen Überblick.

Die Tierhaltung ist ein wesentlicher Bestandteil in der Kreislaufwirtschaft Ökolandbau und verkörpert damit ein nachhaltiges Anbausystem. EU-weit gelten Mindestanforderungen für die Ökotierhaltung seit 20 Jahren. Immer mehr Käufer von Bio-Lebensmitteln sehen den Zusammenhang und sind bereit, dies über höhere Preise zu honorieren. Bio hat in den letzten Jahren immer mehr Einzug in den traditionellen Lebensmitteleinzelhandel genommen. Dies darf aber nicht dazu führen, dass die Auszahlungspreise an Landwirte nicht mehr die Erzeugungskosten decken. Eine Ausweitung des Ökoanbaues braucht gleichzeitig ein Absatz-Mehr bei Bio-Lebensmitteln. Somit ist die Basis geschaffen, ein angemessenes Einkommen für die Familien im landwirtschaftlichen Betrieb zu generieren, möglichst auch für die nachfolgende Generation. Verbrauchern ist Tierwohl und Regionalität besonders wichtig, mit Transparenz lässt sich hier Vertrauen schaffen. Mit Ablauf des Jahres 2018 wurden in Hessen 113 368 ha von 2 245 Betrieben ökologisch bewirtschaftet, dies entspricht 14,5 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche und damit einer Spitzenposition in Deutschland. Rund 70 Prozent der Betriebe halten Rinder, gut 22 Prozent Geflügel und fast 10 Prozent Schweine. Die hessische Landesregierung plant, bis 2025 diesen Anteil auf 25 Prozent zu erhöhen.

Mehr Tierhaltung auf den Öko-Feldtagen

Nach dem Erfolg vor zwei Jahren wird in diesem Jahr mit einem umfangreichen Angebot zur ökologischen Tierhaltung das Programm der Öko-Feldtage erweitert. Es zeigt in einer Mischung aus Praxis und Forschung Neuigkeiten rund um die ökologische Landwirtschaft. Neueste Erkenntnisse zu Herausforderungen wie Klimakrise, Öko-Züchtungen und Tierwohl werden in Foren behandelt und von Wissenschaftlern und Praktikern diskutiert. Auf den diesjährigen Öko-Feldtagen gestaltet der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen den Tierbereich maßgeblich mit (Programm siehe www.oeko-feldtage.de, in der Menü-Auswahl unter „Programm“ und „Fach-Foren Tier und Pflanze“).

Auch die Schweinehaltung wird ein Thema sein

In zwei Zelten des LLH (Stand Nr. E1, E 10) werden aktuelle Themen der modernen Tierhaltung von Legehennen, Puten, Schweinen, Rindern, Schafen und Ziegen anschaulich dargestellt. Im Zelt zur Schweinehaltung geht es beispielsweise um die Alternativen zur betäubungslosen chirurgischen Kastration von Ferkeln, die Umsetzung der Gruppenhaltung von ferkelführenden Sauen und darum, wie die intensive Tierbeobachtung gelingen kann. Im Bereich des Geflügels werden Live-Bonituren mittels des Management-Tools (MTool) an Legehennen durchgeführt. Außerdem stehen unter anderem Informationen zur Früherkennung des Federpickens, aber auch zur Auslaufgestaltung und der Verbesserung des Tierwohls durch den Einsatz von Automatisierungstechnik in der Geflügel- und Schweinehaltung zur Verfügung. Im Bereich der kleinen Wiederkäuer werden die Themen Herdenschutz, Umsetzung der Haltung von unkupierten Schafen und die Haltung von horntragenden Ziegen thematisiert. Grundfutter- und Heuqualtäten, die Weidehaltung von Mutter- und Milchkühen sowie die Vermeidung des gegenseitigen Besaugens stehen bei den Rindern im Fokus. In allen Themenzelten besteht die Möglichkeit mit den Tierwohl- und Tierhaltungs-Beratern des LLH ins Gespräch zu kommen.

In den Austausch mit Wissenschaftlern, Beratern und Praktikern können Besucher im LLH-Forum „Stallgespräche“ (Stand E 2) kommen. Dort werden Themen wie der Kupierverzicht bei Schafen und Schweinen oder die Gruppenhaltung von ferkelführenden Sauen erneut aufgegriffen. Aber auch darüber hinaus berichtet beispielsweise Leonie Blume (Universität Kassel) davon, wie eine 100 Prozent-Biofütterung in der Geflügel- und Schweinehaltung bedarfsgerecht und ökonomisch sinnvoll umgesetzt werden kann. Außerdem referiert Dr. Hans-Joachim Herrmann (LLH) über den Umgang mit kranken und verletzten Rindern und geht dabei speziell auf die Nottötung ein. Dr. Andrea Fink-Keßler und Hans-Jürgen Müller vom Büro für Agrar- und Regionalberatung (BAR) werden anschließend an einen kurzen Vortrag zur teilmobilen Schlachtung eine Demonstration im Außenbereich anbieten. Einen Überblick über die mobile Legehennenhaltung in Hessen gibt die Tierwohl-Beraterin Inga Garrelfs (LLH). Dr. Christiane Keppler (LLH) stellt sich der Frage, wie und warum das Tierwohl in der Öko-Geflügelhaltung gesichert werden soll. Bei einer Podiumsdiskussion zur mutter- und ammengebundenen Kälberaufzucht diskutieren Wissenschaftler mit Praktikern über deren Erkenntnisse und Erfahrungen.

Auch das pflanzenbauliche Spektrum wird beachtet

Das BÖLN (Bundesprogramm Ökologischer Landbau)-Forum (Stand Nr. B1) beleuchtet überwiegend das pflanzenbauliche Spektrum. Landwirte erfahren hier aktuelle Ergebnisse aus der Forschung, unter anderem zu heimischen Eiweißfutterpflanzen. Im Rahmen eines Podiums wird die Umstellungsberatung der Landesverwaltungen skizziert und Berater der Anbauverbände ergänzen mit ihrem Leistungsangebot.

Die diesjährigen Öko-Feldtage binden am 3. Juli die alljährliche Züchtertagung der Rasse Deutsches Schwarzbuntes Niederungsrind (DSN) mit ein, dazu finden am Jungviehstall interessante Vorführungen und Vorträge statt. Den Auftakt der Züchtertagung macht eine Kuhschau. Auch auf der Domäne Frankenhausen wird eine rund 100-köpfige Milchviehherde der Rasse DSN gehalten. Weitere Tierzucht-Unternehmen präsentieren sich auf den Öko-Feldtagen.

Betrieb auf Ökolandbau umstellen?

Die Gründe für landwirtschaftliche Betriebe, zukünftig ökologisch zu wirtschaften, sind vielfältig. Förderlich ist, wenn einige Rahmenbedingungen mit den eigenen Lebensentwürfen übereinstimmen. Dazu gehört mehr Anerkennung in der Bevölkerung, eine angemessene Wertschätzung über die Erzeugerpreise und damit ein auskömmliches Einkommen. Landwirte denken traditionell langfristig und präferieren daher ein Landbausystem, was auch der nachfolgenden Generation dient.

Die Preistiefs und großen Schwankungen beim konventionellen Milchpreis haben etliche Betriebe zum Umdenken gebracht und eine Art Umstellungswelle ausgelöst. Für einige war dies ein regelrechter Strategie-Wechsel mit größeren betrieblichen Veränderungen. In den letzten beiden Jahren haben verstärkt auch mehr oder weniger viehlose Betriebe mit der Umstellung begonnen.

Im Zelt des Landesbetriebes Landwirtschaft Hessen (D1) erhalten Interessierte während der beiden Tage neutrale Informationen rund um den Ökolandbau, von der Umstellung bis zur Produktionstechnik. Außerdem steht an beiden Tagen in jeweils vier Zeitblöcken ein „Duo“ aus Beratern und Landwirten, die in den letzten Jahren umgestellt haben, für Informationen zur Verfügung. Fragen, wie könnte zum Beispiel die zeitliche Abfolge der Umstellung aussehen, werden hier betriebsindividuell beantwortet. Letzteres findet im Freigelände am Infostand LLH / VLK statt.

Die Vermarktung ist der entscheidende Faktor

Grundsätzlich managen Landwirtedie Vermarktung ihrer Erzeugnisse, für Ökoerzeugnisse gilt dies im Besonderen und gehört daher an den Anfang der Überlegungen. Auch wenn das Land Hessen mit seinem aktuellen Programm für den Ökolandbau (HALM B1) Dauergrünland mit 190 Euro pro ha und Ackerland mit 260 Euro pro ha fördert, gleicht dies beispielsweise bei der Milch nur wenige Cent pro Liter aus. Die Kontaktaufnahme mit potenziellen Vermarktern ist unerlässlich, die Öko-Feldtage bieten hier eine gute Gelegenheit. Dies gilt für Druschfrüchte und alle Erzeugnisse aus der Tierhaltung, egal ob Rind, Schwein oder Geflügel. Aktuell ist beispielsweise der Biomilch-Markt zunächst weitestgehend gesättigt, die vier in Hessen aufnehmenden Biomilch-Molkereien haben seit längerem einen Aufnahmestopp und geben nur noch einzelnen Betrieben eine Zusage. Neben dem Umfang der zu vermarktenden Menge spielt auch die Nutzung eines Warenzeichens eine Rolle, das heißt, ob zusätzlich die Richtlinien eines Anbauverbandes (beispielsweise Bioland, Naturland, Demeter) eingehalten werden müssen.

Für den umstellungsinteressierten Tierhalter stehen weit oben auf dem „Zettel“ auch die Anpassung der Stallverhältnisse und die auch in Zukunft gesicherte Futterversorgung seiner Tiere. Die EU-weit geltende Öko-Verordnung und die Richtlinien der Anbauverbände verlangen die Einhaltung bestimmter Tierhaltungskriterien, dies kann einen Stallumbau erforderlich machen. Auf den Öko-Feldtagen sind etliche Stalleinrichter vertreten (Verzeichnis unter www.oeko-feldtage.de).

Die bedarfsgerechte Ernährung der landwirtschaftlichen Nutztiere muss wie im konventionellen, so auch im ökologischen Landbau gewährleistet sein, zum Wohl des Tieres und seiner Gesundheit. Eine „Baustelle“ ist hier die Versorgung mit Eiweiß. Ausgeschlossen ist mit Lösungsmittel hergestelltes Extraktionsschrot. Erstrebenswert ist die Herkunft aus heimischem Anbau, so dass beim Kraftfutter der Ackerbohne, Erbse und Lupine eine zentrale Rolle zukommt. Der heimische Sojaanbau steckt noch in den „Kinderschuhen“. Für Schweine und Geflügel ist ausnahmsweise noch ein konventioneller Anteil von 5 Prozent zulässig (hauptsächlich Kartoffeleiweiß). Die Versorgung von Wiederkäuern basiert überwiegend auf dem Grobfutter, sprich Gras-, Klee- und Maisfuttermittel. Dessen Erzeugung mit möglichst hohen Inhaltsstoffen, aber auch Erntemengen, ist mindestens so wichtig wie bei den konventionellen Berufskollegen, kostet doch die Nährstoffeinheit in Bio-Qualität im Kraftfutter nahezu doppelt so viel wie im Grobfutter. Die Milchviehherde der Domäne Frankenhausen wird kraftfutterfrei versorgt.

Landhandel geht jetzt mehr auf Bedürfnisse der Bioerzeuger ein

Über die Jahrzehnte hin hat sich der Handel von Futter- wie Speiseware von Landwirten zum Verarbeiter entwickelt. Bisher war dies für den Landhandel wenig interessant, was sich aber aktuell ändert. Es kann sinnvoll sein, sein selbsterzeugtes Futter mit ökozertifizierter Zukaufsware zu ergänzen, denn nicht immer lassen die betrieblichen Bedingungen den Anbau der erforderlichen Kulturen zu. Einige Mischfutter-Anbieter sind auf den Feldtagen vertreten, einschließlich ihrer Angebote für Mineralfutter. Für Futtermühlen und Ackerbaubetriebe hat der Futtermittel-Rohwaren-Handel eine wichtige Funktion. Hier präsentieren sich einige bundesweit agierende Vermarktungspartner.

Kooperation mit ackerbaubetonten Betrieben

Für flächenknappe Rinderhaltungsbetriebe bietet sich ab und an die Möglichkeit der Kooperation mit ackerbaubetonten Betrieben. Eine „win-win“-Situation entsteht, wenn Ackerfutter (Klee- und Luzernegras) mit tierischem Dünger getauscht wird. Das Ackerfutter wird so über die Rinder sinnvoll verwertet und der Ackerbauer erhält Nährstoffe zurück, die er unter konventioneller Bewirtschaftung über Mineraldünger zukaufen musste. Die LLH-Beratung kann hier entsprechende Kontakte vermitteln.

 – LW 22/2019