„Wer den Wald nutzt, will ihn auch erhalten“

Philipp Frhr. zu Guttenberg spricht bei Waldbesitzern in Oberursel

Im Anschluss an die Generalversammlung des Hessischen Waldbesitzerverbandes, vorigen Freitag in Oberursel im Taunus, sprach Philipp Freiherr von und zu Guttenberg über „Wald und Forstwirtschaft im Spannungsfeld gesellschaftlicher Gruppen“ vor rund 140 Zuhörern. Der jüngere Bruder des früheren Verteidigungsministers ist seit etwa einem Jahr als Nachfolger von Michael Prinz zu Salm-Salm Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW), des Dachverbandes der privaten und kommunalen Waldbesitzer auf Bundesebene.

Der Präsident des Hessischen Waldbesitzerverbandes, Michael Freiherr von der Tann, eröffnete die Veranstaltung und meinte, nur ein Wald, der unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nachhaltig und effizient genutzt werde, könne dem in Natur und Wald Erholung Suchenden auch viel zurückgeben. Die Ansprüche der Gesellschaft an den Wald würden in den nächsten Jahren deutlich steigen, dies gelte im ländli­chen Raum nahe der Ballungszen­tren um so mehr. In Gesetzen und Erlassen dürften aber wirt­schaft­­­­liche Ziele des Waldes nicht außen vor bleiben: „Weltweit ist Holz der wichtigste Ener­gie­trä­ger“, stellte von der Tann heraus.

Der Wald braucht Botschafter

So sollen nach der geplanten nationalen Biodiversitätsstrategie, welche den Artenschutz fördern soll, künftig fünf Prozent des Wal­des in Deutschland ungenutzt bleiben. Hessen setze dies in der Weise um, dass in den nächsten Jahren Staatswaldsflächen, beispielsweise im Kellerwald, stillgelegt werden. Das heißt, dort wird dann kein Baum mehr gefällt. „Wir lassen uns aber hinsichtlich der geplanten Fläche in Hessen auf keine Hektarzahl festlegen“, stellte Mark Wein­meister, Staatssekretär im HMUELV in Wiesbaden, im anschließenden Podiumsgespräch klar. Von der Tann freute sich wegen dieser aktuellen Diskussionen um den Wald, angefangen vom Rohstofflieferanten, über den Klimaschützer, bis hin zum Freizeitspen­der über das für die Waldbesitzer immer mehr an Bedeutung gewinnende Thema des Gastvortra­ges von Philipp Freiherr von und zu Guttenberg. Er bemerkte außerdem zu Guttenbergs großes Engagement und den konstruktiven Umgang als Fürsprecher des Waldes mit allen Vertretern der einzelnen Interessengruppen und das offene Ohr für die bundesweit vielfältigen Belange der Waldbesitzer an.

Wald und Betrieb sind eine Einheit

Philipp Frhr. zu Guttenberg bewirtschaftet den Land- und Waldbesitz seiner Familie in Bayern, in Österreich und auch in Hessen. Er hat im schottischen Aberdeen und Edinburgh Forstwirtschaft und Ökologie studiert, wie aus seinem Curriculum Vitae hervorgeht. Damit liegt ihm auch die Bedeutung der nachhaltigen Nutzung des Waldes und dessen Schutz besonders am Herzen, wie bei seiner Rede und der anschließenden Podiumsdiskussion gemeinsam mit Mark Weinmeister, Staatssekretär im HMUELV Wiesbaden sowie Josef Sanktjohanser aus dem Vorstand der Rewe-Gruppe und Jörg Bertram von der Deutschen Wanderjugend deutlich wurde.

„Der Wald ist eine einzigartige Ressource, wir müssen diese Ressource aktivieren, um die vielen freiwilligen Leistungen der Waldbesitzer aufrecht halten zu können. Dazu sind die Betriebe von einer soliden Forstwirtschaft abhängig, sie leben für den Wald und von ihm.“ Zum Beispiel wirke sich ein guter Holzmarkt positiv auf wichtige Arbeiten im Wald wie An­pflanzungen und In­standsetzen von Forstwegen aus.

Politik nimmt Anliegen nicht wahr

„Wir Waldbauern sind Dienstleister und Mädchen für alles, sitzen aber oft unbeteiligt bei neuen Vorschriften daneben, wenn es um den Wald geht“, schilderte der 38-Jährige ein Grundproblem für die Waldbauern. Sie müssten daher ihre Betriebe in einem schwierigen gesellschaftlichen Umfeld erhalten: „Wenn sich die Kurzfristigkeit der Politik und die Langfristigkeit des Waldes begegnen, kommt es unweigerlich zum Konflikt“, stellte zu Guttenberg heraus. Denn die Politik berücksichtige nicht, dass die Forstbetriebe unter der Prämisse der Nachhaltigkeit wirtschafteten, stelle damit Funk­tio­nen der Forst­betriebe in Frage und entfremde sich von dem weitsichti­gen Handeln des Waldbauern, wie dies zurzeit durch die geplante Waldstilllegung in Form der Biodiversitätsstrategie deutlich werde.

Betrachte man die künftigen Anforderungen unserer Gesellschaft an den Wald allein in Bezug auf Klimaschutz, Energieversorgung und Biodiversität, so müs­se den Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung deutlich sein, dass Waldbesitzer mit ihrer generationenübergreifenden Erfahrung in den Familien bei der Bewältigung der Herausforderungen eine Schlüsselrolle übernehmen, meinte der Freiherr.

Denn: „Die Themen, mit denen die privaten Forstbetriebe, ob groß oder klein, konfrontiert werden, kennen wir alle, sie vermehren sich wie die Karnickel.“ Den Wald zu nutzen bedeute, Bäume zu fällen. Ihn zu nutzen heiße auch, Wege zu bauen, damit das gefällte Holz aus dem Wald transportiert werden kann. Und das heiße aber auch, Wild zu jagen, damit eine weitere Generation an Waldbäumen heranwachsen kann.

Keine Trennung der Funktionen

„Unser Rezept heißt aber nicht die Käseglocke für den Wald und auch nicht der Totalschutz. Unser Rezept ist vielmehr die multifunktionale, nachhaltige Forstwirtschaft.“ Dieses Ziel werde aber von vielen angezweifelt und eine Trennung zwischen den vielfälti­gen Funktionen des Waldes und seines Besitzers verlangt, kritisierte zu Guttenberg in Oberursel.

Daher müssten die Waldbesitzer rechtzeitig auf zu erwartende Veränderungen hinweisen und reagieren, um Belastungen ihrer Betriebe zu verringern. „Wir soll­ten unsere Anliegen allen Gruppen in der Gesellschaft vortragen, und dabei das Eigentum als Modell der Nachhaltigkeit darstellen. Waldbesitzer können dies guten Gewissens tun, weil sie dieses Modell seit Generationen erfolgreich vorleben“, konstatierte zu Guttenberg.

Er meinte, dass durch eine fünf prozentige Stilllegung von Wald, eine Versorgungslücke von rund Millionen Festmetern entstehe. Zu denken, dieses Holz werde nicht benötigt sei illusorisch. Wenn in Deutschland Wald stillgelegt werde, dann werde das durch Importe aus dem Tropenwald ersetzt. „Der größte Fehler ist, dass man immer denkt, der Wald ist unendlich. Er ist nachwachsend, aber nicht unendlich. Wir Waldbesitzer in Europa bewahren durch unser nachhaltiges Tun den tropischen Regenwald. Denn unsere Fläche wird nicht mehr, die Nachfrage ist aber da. Wenn dann aus Luxus in Deutschland auf fünf Mio. Festmeter Holz verzichtet wird, wie das die Folge der Biodiversitätsstrategie wäre, wird diese Menge aus Togo, Indonesien oder Brasilien geholt.“

Waldumbau heißt auch zu jagen

Ein weiteres Thema bereitet den Waldbesitzern Sorge: die Jagd. Hier müsse den überhöhten Schalenwildbeständen Einhalt geboten und der Waldbesitzer nicht durch gesetzliche Regelung auf Druck einer weltweiten star­ken Lobby der Jagdgegner entmündigt werden. In diesem Konfliktfeld gelte es, die Balance zu finden.

Auf beiden Seiten gebe es „Scharfmacher, ein paar Narren, die eingefangen“ werden müss­ten. Zu höhe Schalenwildbestände machten den Waldumbau un­möglich. „Kein Gesetz die­ser Welt kann die Anforderungen an den Wald und das Wild vor Ort re­geln. Die Jungs mit dem Gewehr müssen sich nach unseren Vorgaben richten. Denn Wald und Wild gehören zusammen, ebenso wie Wald und Jagd zusammen gehören.“ Um den Wald aus gesellschaftlicher Sicht zu optimieren, müsse einigen Gruppen deutlich werden, dass sie ihre An­sprüche zurückschrauben müss­ten, schloss Philipp zu Guttenberg seinen Beitrag und begrüßte in diesem Zusammenhang insbesondere die mit dem Internationalen Jahr der Wälder 2011 unter dem Motto „Entdecken Sie unser Waldkulturerbe“ verbundenen Chancen für mehr Öffentlichkeitsarbeit der Waldbesitzer.

Nachhaltigkeit – Frage der Werte

Josef Sanktjohanser ist Vorstandsmitglied bei Rewe und deutscher Einzelhandels-Präsident. Er sprach bei den Waldbesitzern in Oberursel über „Nachhaltigkeit bei der Rewe-Gruppe – eine Frage der Werte.“ Sanktjohanser stammt aus Wissen an der Sieg im Westerwald und sagte, auch wenn der Einzelhandel die Ökonomie seiner Geschäftstätigkeit streng im Auge haben müsse, um im Wettbewerb bestehen zu können, sei ebenso die Nachhaltigkeit seines Tuns wichtig, die sich der Handel nicht zuletzt auch auf Wunsch der Verbraucher zunehmend auf die Fahnen schreibe.

Als Beispiel einer Nachhaltigkeitsstrategie seines im Jahr 1927 gegründeten genossenschaftli­chen Unter­nehmens (Rewe steht für „Revi­sionsverband West“), welches heute noch im Eigentum von rund 1 500 Kaufleuten sei, nannte Sanktjohanser das „Pro-Planet“ Projekt unter dessen Zeichen der „Apfel vom Bodensee“ vermarktet werde. Der Nachhaltigkeitsgedanke dahinter beginne mit einer vertraglichen Bindung zum Erzeuger mit Produktionsau­flagen und erstrecke sich über fünf Un­ternehmensgrundsätze, beispielsweise zur Personalführung im Rewe-Konzern, bis hin zum Verkauf des Erzeugnisse.

Dialogangebot der Waldbesitzer

Eine lebhafte Podiumsdiskussion folgte zum Thema des Verhältnisses der Menschen zu Wald und Natur, an der sich neben den Rednern Sankt­johanser und Freiherr zu Guttenberg, ferner Jörg Bertram, Geschäftsführer der Deutschen Wanderjugend und der Staatssekretär im Wiesba­dener Land- und Forstwirtschafts­ministerium, Mark Weinmeister, beteiligten. Bei dieser Diskussion zwischen den Waldbesitzern und Gruppen, wie Mountain­bikern, Jog­gern, Wanderern, Rei­tern und Geo­cachern sollte Freizeitsuchenden im Wald die Möglichkeit eröffnet werden, ihre Sicht der Dinge darzulegen, ins Gespräch zu kommen und das eige­ne Verhalten im Wald zu hinterfragen.

Respekt vor dem Eigentum

Dabei wiesen die Waldbesitzer auf die mit den steigen­den Freizeitaktivitäten im Wald einhergehenden Probleme für Jagd und Forst hin. Es bot sich die Gelegenheit, mit Vorurteilen gegenüber der Nutzung des Waldes aufzuräumen und für beide Seiten, ihre Sichtweisen darzustellen. Derartige Dialoge zwischen den Interessensgruppen seien sehr wichtig, um weiter zu kommen. „Wir Waldbesitzer fordern mehr Sensibilität der Naturnutzer und den Respekt des Eigentums, wir sind zu lange zu ruhig gewesen“, brachte zu Guttenberg die Anliegen der Waldbesit­zer auf dem Punkt. Weinmeister ging besonders auf die aktuelle Diskussion zur Energiewende in Bezug auf Nutzungskonflikte des Waldes ein.

Auszeichnung für Fürst Waldeck

Wittekind Fürst zu Waldeck und Pyrmont, Ehrenpräsident des Hessi­schen Waldbesitzerverban­des, erhielt in Oberursel den Ge­org-Ludwig-Hartig-Preis. „Fürst Waldeck hat sich besonders um die Nachhaltigkeit verdient gemacht“, wie Stiftungsratsvorsitzender Dr. Berthold Riedesel Frei­herr zu Eisenach bei der Verleihung würdigte. Die Georg-Lud­wig-Hartig-Stiftung vergibt den Preis alle zwei Jahre. Moe