Wachsen mit Agrarkrediten, trotz Finanzkrise

Fragen an Dr. Hans Hermann Harpain, Geschäftsführer der HBV Landwirtschaftlichen Unternehmensberatung

Damit landwirtschaftliche Betriebe im Wettbewerb bestehen können, sind weitere Produktivitätssteigerungen notwendig. Dazu müssen Investitionen im Betrieb erfolgen, welche den landwirtschaftlichen Unternehmerfamilien auch künftig ein angemessenes Einkommen ermöglichen. Über die Finanzierung wachsender landwirtschaftlicher Unternehmen unter dem Aspekt der Vergabe von Agrarkrediten in Zeiten der Finanzkrise gibt Dr. Hans Hermann Harpain vom Hessischen Bauernverband Auskunft.

Dr. Hans H. Harpain.
Foto: HBV

Ist die Finanzierung von Investitionen in landwirtschaftlichen Unternehmen aufgrund der Bankenkrise schwieriger geworden?
Dr. Hans Hermann Harpain:
Die Finanzkrise hat zu einem hohen Ma­ße an Verunsicherung auf den Kapital­märk­­ten geführt. Auch das Vertrauen der Banken untereinander, im so ge­nann­­ten Interbankengeschäft, ist ange­schlagen. Zusagen der Regierungen soll­en Vertrauen schaffen und Leitzins­senkungen der Zentralbanken die Geld­­ströme reaktivieren. Unsicherheiten erschweren immer Entscheidun­gen, auch Entscheidun­gen zur Kredit­ge­währung. Für eine objektive Bewertung bleibt jedoch festzuhalten, dass sich die Landwirtschaft auch in dieser Krise bislang als stabiler Wirtschaftssektor zeigt. Nach wie vor sind die Risiken für Banken in der Finanzierung von Investitionen in der Land­wirtschaft relativ gering. Ausfälle von Krediten an landwirtschaftliche Unternehmen sind sehr selten. Zusätzlich vermindern vergleichsweise hohe Eigenkapi­tal­anteile und verwertbare Sicherhei­ten Ausfallrisiken. Eine restrik­tivere Kre­ditgewährung an landwirtschaftli­che Unternehmen als Folge der Fi­nanz­marktkrise ist daher nicht begründet.

Sollte ein Landwirt wegen eines Kredits bei seiner Hausbank oder bei einem auf Agrarkredite spezialisierten Bankinstitut anfragen?
Dr. Harpain:
Grundsätzlich ist es sinnvoll, wie für alle anderen Betriebsmittel, auch für den Produktionsfaktor Kapital bei verschiedenen Anbietern Angebote einzuholen. Ergänzend ist über die jederzeit abrufbaren Konditionen der Landwirtschaftlichen Rentenbank schnell eine Einschätzung zum aktuellen Zinsgefüge möglich. Ob dann für die Entscheidung die letzten Basispunkte am Zinssatz ausschlaggebend sind oder ob andere Kriterien, wie eine langjährige Geschäftsbeziehung, die regionale Auf­stel­lung des Kreditinstituts, Agrarkompetenz oder gewachsenes Vertrauen, stärker einfließen, hängt vom Einzelfall ab.

Welche Laufzeiten empfehlen Sie unter den heutigen Bedingungen volatiler Agrarmärkte für Kredite?
Dr. Harpain:
Gerade in der jetzigen Situ­ation ist es wichtig, sich wieder auf die verschiedenen Grundregeln für Investitionen und Finanzierung zu besinnen. Kredite sollten nur nach exakter Planung (Rentabilität und Liqui­dität) aufgenommen wer­den. Aus diesen Rech­nungen lassen sich dann der nach­­haltig tragfähige Kapitaldienst und daraus die erforderliche Kreditlaufzeit ableiten. Grundsätzlich gilt, dass die Laufzeit von Darlehen die voraussichtli­che Nutzungsdauer der Investition nicht übersteigen sollte. Entsprechen­de Eigen­kapitalanteile (20 bis 30 Pro­zent der Inves­titi­ons­summe) tragen zur Stabilität des Un­ternehmens auch bei unvorhersehbaren Entwicklungen bei. Schwankun­gen von Erlösen und Betriebsmittelpreisen können durch entsprechende Risikoabschläge in den Planungen berücksichtigt werden. Hilfreich ist es, insbesondere bei der Planung größerer Investitionen, mehrere Szenarien mit unterschiedlichen Preis-Kosten-Relationen durchzurechen und so Risiken für das Unternehmen auszuloten. Eine Liquiditätsplanung und deren laufende Fortschreibung trägt dazu bei, Überraschungen einzugrenzen.

Was empfehlen Sie Landwirten für die Vorbereitung auf das Rating?
Dr. Harpain:
Rating ist eine Aussage über die zukünftige Fähigkeit eines Unternehmens zur vollständigen und termingerechten Verzinsung und Tilgung seiner Verbindlichkeiten. Aus Sicht der Gläubiger handelt es sich hierbei um eine Schätzung der Ausfallwahrscheinlichkeit der jeweiligen Forderung. Da so­wohl quantitative Kriterien (Kennzahlen aus Bilanz und GuV) als auch qua­litative Faktoren (Vorhandensein von Ertrags- und Liquiditätsplanungen, Betriebsorganisation, Marktumfeld, Nach­fol­geregelungen) in die Bewertung des Unternehmens mit einfließen, ist es von zentraler Bedeutung, Kreditgespräche gut vorzubereiten. Im eigentlichen Sinn geht es in Kreditverhandlungen immer darum, beim Kreditgeber Vertrauen dafür zu erzeugen, dass der gewährte Kredit vereinbarungsgemäß zurückgezahlt wird. Hierzu zählt aber auch das Schaffen von Verständnis für landwirtschaftliche Fragestellungen und betriebliche Realitäten. Eine offene Informationspolitik wirkt sich in der Regel positiv auf das Ratingergebnis aus. Die Einladung zur Besichtigung von Betrieb und Investitionsobjekt kann zu einem positiven Geschäftsklima beitragen. Auch nach der Kreditgewährung sollte der offene Dialog mit der Bank gesucht werden.

Welche Unterlagen sollte der Betriebsleiter der Bank bei seiner Kreditanfrage vorlegen?
Dr. Harpain:
Dies ist stark von Investi­tionsobjekt und Finanzierungsumfang abhängig. Allgemein gilt, dass die Rating­verfahren der verschiedenen Banken be­ziehungsweise Bankengruppen grundsätz­lich immer auf betriebswirtschaftliche Kenn­größen aus den Jahresabschlüs­sen zu­rückgreifen. Diese sollten daher zeitnah vorliegen. Ferner fließen qua­litative Krite­rien zur Beurteilung der Unterneh­merfähigkeiten ein. Für den Kreditnehmer ist es daher wichtig, aktuelle und aus­sage­fähige Unterlagen vorzulegen und Überlegungen vorzutragen, die die­ses positiv belegen. Eine kurze, prägnante Betriebsbeschreibung zählt ebenso dazu, wie ein überzeugendes Zukunftskonzept. Arbeitskreisauswertun­gen und horizontale Betriebs-(zweig)-vergleiche sind sehr gut zum Nach­­weis der Unternehmerqualitäten geeignet. Zur Investition gehören die Kalkulation zur Rentabilität des Investitionsobjektes und eine Liquiditätsplanung, aus der auch der Kapitaldienst ersichtlich wird. Der Kredit­nehmer muss glaubwürdig dokumentieren, dass er den Betrieb „im Griff“ hat. Moe