Kluft zwischen Erwartungen und tatsächlichen Produktionsverfahren

Fragen an Professor Roland Herrmann zur Kennzeichnung „ohne Gentechnik“

Professor Dr. Roland Herrmann
Foto: LW

Seit dem 1. Mai 2008 gelten neue Regeln für die Kennzeichnung von Lebensmitteln „ohne Gentechnik“. Die Marketinggesellschaft Gutes aus Hessen hat dazu eine Verbraucherbefragung bei der Universität Gießen in Auftrag gegeben. Das LW befragte Prof. Roland Herrmann, Institut für Agrarpolitik und Marktforschung, Universität Gießen, der die Studie im Rahmen einer Presseveranstaltung letzte Woche in Frankfurt vorstellte, zu den Ergebnissen.

LW:
Herr Prof. Herrmann, warum wurden die Kennzeichnungsregelungen in der sogenannten Neuen-Lebensmittel-Verordnung im letzten Jahr geändert?

Prof. Herrmann: Die bisherige Regelung war sehr strikt, und dies hat dazu geführt, dass nur wenige Produkte mit der Kennzeichnung „ohne Gentechnik“ auf dem Markt waren. Die neuen Kennzeichnungsregelungen haben, vor allem was die Fütterung der Tiere betrifft, einige Lockerungen zum Inhalt: Es dürfen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes vor der Produktgewinnung, sprich gentechnisch veränderte (GV-) Pflanzen – hier ist vor allem Soja als wichtiger Eiweißträger zu nennen – gefüttert werden; außerdem sind Futterzusätze, die mit Hilfe von GV-Organismen erzeugt wurden und unvermeidbare Beimischungen von zugelassenen GV-Pflanzen bis zum Schwellenwert von 0,9 Prozent erlaubt. Diese Änderungen haben dazu geführt, dass mittlerweile mehr Produkte „ohne Gentechnik“ in den Regalen der Supermärkte stehen.

LW: Welches Ziel verfolgte die Untersuchung von Verbrauchererwartungen an eine solche Kennzeichnung?

Prof. Herrmann: Angesichts der erwähnten Lockerungen stellt sich die Frage, mit welchen Erwartungen Verbraucher diese Produkte kaufen. Ziel der Studie, die eine repräsentative Verbraucherumfrage beinhaltet, war es, herauszufinden, welche Produkteigenschaften nach Meinung der Käufer Erzeugnisse besitzen sollten, die das Etikett „ohne Gentechnik“ tragen. Dazu wurde unter anderem ein Fragebogen entwickelt, der von 1 012 Personen in Hessen im Rahmen einer repräsentativen Online-Befragung beantwortet wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verbraucher dem Nutzen der Gentechnik skeptisch gegenüberstehen und eher die potenziellen Risiken sehen. Das wichtigste Resultat ist die offensichtliche Diskrepanz zwischen den Anforderungen der neuen Kennzeichnung und den Vorstellungen der Verbraucher: sie erwarten von einem so gekennzeichneten Lebensmittel, dass in keiner Produktionsstufe gentechnisch veränderte Organismen zum Einsatz gekommen sind.

LW: Welche Schlussfolgerungen und Empfehlungen leiten Sie aus diesen Ergebnissen ab?

Prof. Herrmann: Die Auswertungen haben unter anderem gezeigt, dass sich die Befragten nur unzureichend über die Gentechnik informiert fühlen. Ein Ansatz ist also die Verbraucheraufklärung. Um die Kluft zwischen den Erwartungen der Konsumenten und den tatsächlichen Produktionsverfahren zu schließen, ist eine weitergehende Kennzeichnung wie etwa „keine Fütterung von gentechnisch veränderten Futterpflanzen während der Mast“, wie es die Marketinggesellschaft empfiehlt, denkbar. KB