Qualität braucht weinbauliche Eingriffe

Qualitätsorientierte Erzeugung für die Fassweinvermarktung

Der weinbauliche Teil der 60. Rheinhessischen Agrartage befasste sich mit qualitätsorien­tierter Traubenproduktion für die Fassweinvermarktung aus der Sicht der Kostenrechnung und aus Sicht der Anbautechnik. Nach dem stellenweise starken Auftreten von Oidium im vergangenen Jahr ist auch 2009 wieder ein erhöhter Oidiumdruck zu erwarten.

Weltweit werden 280 Millionen Hek­to­liter (hl) Wein erzeugt, 244 Millionen hl werden konsumiert, berichtete Otto Schätzel, DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück, in seinem Eröffnungsreferat. In Deutschland werden 20 Millionen hl konsumiert, aber nur 10 Millionen hl erzeugt, deshalb ist der Druck durch ausländische Weine hoch. Für die heimi­schen Winzer ist es nur interessant für die Preisschiene oberhalb 2,49 Euro/Liter (Endpreis im Regal) zu produzieren. Preislich ist mehr drin, meint Schätzel, wenn die Qualitätsprojekte in größerem Stil noch stärker greifen.

Von 600 ha in Rheinhessen wurden 2008 rund 7 Millionen Liter Projektwei­ne geerntet und die Nachfrage des Handels steigt. Die Fassweinpreise steigen kontinuierlich über die Jahre. Schätzel ist der Überzeugung, dass der lange harte Weg von Erfolg gekrönt wird: „In die Preisschiene über 3 Euro/Liter müssen wir rein.“ Die rheinhessische Weinvermarktung teilt sich auf in 80 Prozent Fasswein, 18 Prozent Weingüter und zwei Prozent Winzergenossenschaften oder Erzeugergemeinschaften. Die Fassweinvermarktung ist also für Rheinhessen enorm wichtig. In der Pfalz sind es 60 Prozent Fasswein, 24 Prozent Weingüter und 16 Prozent Winzergenossenschaften.

Winzer, die weniger als 10 000 Flaschen Wein im Jahr vermarkten, sollten das ganz lassen, rechnete Dr. Jürgen Oberhofer, DLR Rheinpfalz, vor. Es mache keinen Sinn, weil die Kosten zu hoch sind, oft seien die Verkaufspreise zu niedrig. Der logistische Aufwand mache sich erst bei einem Absatz über 10 000 Flaschen bezahlt. „Aus betriebswirtschaftlicher Sicht, kann es nicht wahr sein, dass Winzer das ganze Jahr arbeiten und investieren und dann im Herbst die Weinberge nicht oder nur teilweise ernten“, empör­t sich Oberhofer. In Rheinhessen kommt es jedes zweite Jahr zu dieser Übermengenproblematik. „Das ist keine Vision für die Zukunft“, meinte der Betriebswirtschaftler. Die Erträge müssen redu­ziert werden, was die Qualität steigert. Oberhofer rechnete die Erzeugungskos­ten für Trauben vor: für Basisqualität (10 500 l/ha) 89 Cent/l; für Premium (8 000 l/ha) 1,28 Euro/l und für Exklusivware (5 000 l/ha) 2,25 Euro/l. Entscheidend ist der Erlös je Hektar, nicht der Erlös je Liter oder Kilogramm.

Weinberge nicht lesen kann nicht die Lösung sein

Dr. Bernd Prior, DLR R-N-H, referierte über die Bestandsführung bei der Erzeugung von Weinen für die Fasswein­vermarktung. Ziel sei es Übermengen und niedrige Mostgewichte zu vermeiden. Prior stellte verschiedene maschinelle Verfahren zur Fäulnisprävention und Ertragsreduzierung vor. Die unter dem Rebschutz einzuordnen­den Verfah­ren, wie der Einsatz von Botrytiziden und Bioregulatoren (Gibb 3, Rega­lis), seien wichtige Bausteine zur Fäulnisreduzierung, wenn auch deren Wirkungsgrade nicht immer zufriedenstellen und bei letzteren eine Sor­ten­begrenzung zu beachten ist. Die frühe Entblätterung der Traubenzone habe sich als Standard­verfahren im qualitätsorientierten Weinbau etabliert. Laut Prior ist sie eine sehr zuverlässige und effiziente Maßnahme zur Fäulnis­prävention, aber auch zur Ertragsreduzierung. Die Ausdünnung mit dem Traubenvollernter sei ebenfalls ein interessantes Verfahren und biete auch die Möglichkeit alternative Erziehungssysteme, wie den Minimalschnitt, im Ertrag zu begrenzen.

Ausdünnen mit der Oppenheimer Traubenbürste

Ein neues Verfahren zur Ertragsredu­zierung, welches 2008 in Oppenheim entwickelt und erstmals Erfolg versprechend eingesetzt wurde, ist die mechanische Ausdünnung mit einer modifizierten Stockbürste, der „Oppenheimer Traubenbürste“. Ein Gerät, welches, nach Priors Worten, in ersten Versuchen sehr zuversichtliche Ergebnisse liefere, aber sicherlich noch zu optimieren sei. Die vorhandenen Stockbürsten sind technisch einfach und extrem kostengünstig vom Winzer selbst zu einer Traubenbürste umzurüsten. Das Gerät eigne sich gut zum Erproben und Sammeln von Erfahrung. Prior bittet um Rückmeldung von experimentierfreudi­gen Winzern, die die Traubenbürste ausprobieren wollen.

Übermengen vermeiden und Basisqualitäten sichern

Um Übermengen zu vermeiden und Basisqualitäten zu sichern (Mostgewicht deutlich über 70 Grad Oechsle) sind Verfahren zur Ertragssteuerung notwendig. Arbeitsextensiv und kostengünstig ist der Einsatz des Vollernters, erklärte Oswald Walg, DLR R-N-H. Als die Winzer im vergangenen Jahr sahen, dass eine größere Ernte zu erwarten war, haben sie erstmals in größerem Stil mit dem Vollernter ausgedünnt. Die Lohnunternehmer waren zurückhaltend, weil ihnen die Erfahrung fehlte und sie sich des Risikos bewusst waren. Das DLR stand beratend zur Seite. Walg empfiehlt den Einsatz zwischen Erbsengröße und Traubenschluss, mit 300 bis 360 Schwingungen, was einer Schüttelfrequenz von 5 bis 6 Hz entspricht. Eine visuelle Kontrolle ist sehr wichtig. Die ausgedünnte Traubenmenge multipliziert mit zwei ergibt die zu erwartende Ertragsreduzierung, erklärte Walg. Eine Ausdünnquote von 20 bis 30 Prozent ist ausreichend. Walg betonte die unterschiedliche Sortenreaktion. Bei Burgundersorten ist Vorsicht geboten, hier genügt es 20 Prozent auszudünnen, es liegen dann einzelne Beeren unter dem Stock. Bei Dornfel­der kann man 30 Prozent ausdünnen, sodass Trauben und Traubenteile auf dem Boden liegen.

Die Qualitätssteigerung ist bei roten Sorten ausgeprägte als bei weißen, stellte Walg fest. Im Unterschied zu den ma­nuellen Verfahren reagieren die Trauben bei der Vollernterausdünnung mit der Bildung einer dickeren Beerenhaut und kleineren Beeren. Dies führe zu einem engeren Beerenhaut/Fruchtfleisch-Verhältnis und zu einer lockeren Traubenstruktur. Die Botrytisanfälligkeit ist dadurch recht gering, was eine späte Leseterminierung erlaubt. Die Inhaltsstoffe werden stärker konzen­triert, was sich bei roten Sorten sehr qualitätsfördernd auswirken könne. Allerdings darf man nach Walgs Worten das erhöhte Verlustrisiko bei diesem Verfahren nicht außer Acht lassen. Nur eine richtige Geräteeinstellung bringe den gewünschten Erfolg.

Projektweine – nach Richtlinien erzeugen, was der Handel verlangt

Im Jahr 2001 wurde der Beratungsring Weinbau-Qualitätsmanagement e.V. gegründet, mit dem Ziel einerseits die Erlössituation der Mitgliedswinzer zu verbessern und andererseits den Großkellereien die gewünschte Qualität zu garantieren. Anfang 2009 hat der Verein 420 Mitglieder. Im vergangenen Jahr 2008 hat sich die betreute Fläche, vor allem durch die neu hinzu gekommene DLG-Produktzertifizierung für Wein, auf 600 ha erweitert, erläuterte Marcus Clauß, Beratungsring WQM. Der Beratungsring unterscheidet die Projekte in drei Kategorien: Basis, Premium und Superpremium, je nach Anforderungen an die qualitätsfördernden Maßnahmen. Vom Lebensmittelhandel wird immer mehr eine Zertifizierung der Lieferanten und der Produkte vorausgesetzt, um eine Rückverfolgung der Produktionsschritte zu gewährleisten. 2008 betreute der Beratungsring erstmals eine Produktzertifizierung für Wein. Neben festgeschriebenen Anfor­de­rungen an den Weinbau für das Premiumsegment wird die Dokumentation des Pflanzenschutzes, der Bodenbewirtschaftung und der Düngung verlangt. 2008 haben dies die Erzeugergemeinschaft Goldenes Rheinhessen und die Weinkellerei Adam Trautwein den Winzern angeboten.

In diesem Jahr wird ein erhöhter Oidiumdruck erwartet

Im Jahr 2008 kam es in Rheinhessen flächendeckend zu hohem Befallsdruck durch Oidium. Später Austrieb und frühe Blüte, es war die rascheste Rebent­wicklung, die in der Oppenheimer Phänologie jemals festgestellt wurde. Die vom DLR durchgeführte Umfrage bei 350 Praxisbetrieben ergab, dass 50 Prozent der Winzer keine Probleme mit Oidium hatten. Andererseits gab es einzelne „verseuchte“ Gemarkungen, wo die Hälfte der Parzellen mehr oder minder starken Befall hatten, blickte Dr. Georg Hill, DLR R-N-H, zurück. Über ganz Rheinhessen hinweg waren letztlich wohl nicht mehr als fünf Prozent der Fläche von starkem Befall mit Samenbruch betroffen. Die Erträge zeigten dann auch, dass sich Oidium aufgrund der erfolgreichen Stoppspritzungen und des kühlen Herbstes letztendlich mengenmäßig nicht ausgewirkt hat. Bei hohem Oidiumbefall brauchen wir einen Wirkungsgrad der Mittel von über 90 Prozent, zeigte Hill, um sichtbaren Erfolg zu haben.

Hill erwartet erneut einen er­höh­ten Oidiumdruck 2009 und erhebliche Knospeninfektionen. Daher gilt es vor Blütebeginn den Befall wirksam zu stoppen. Die neueren Oidiummittel sind systematisch nach den Kategorien „vorbeugend“ und „leicht kurativ“ im Wechsel einzusetzen. Hill rät zur strikten Einhaltung von Blockspritzungen vom Stadium „10 Blätter entfaltet“ bis „Traubenschluss“. Neuinfektionen an den Beeren sind ab Traubenschluss nicht mehr möglich, aber vorhandenes My­cel wächst weiter bis zum Weichwerden. Resistenzmanagement wird überlebenswichtig bei den Strobilurinen. Diese sollten nicht mehr als zweimal in der Spritzfolge auftauchen. bs