Die Frage der Vernetzung wird immer wichtiger

Ministerin Lautenschläger in Sachen erneuerbare Energien unterwegs in Hessen

Die Energieversorgung ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen. Somit hat das neu zusammengesetzte Ministerium von Silke Lautenschläger durch die Zuordnung des Ressorts Energie an Gewicht gewonnen. Eine „tolle Verbindung“ mit der Landwirtschaft sei dieses Aufgabenfeld, sagt die 40-jährige CDU-Politikerin. Bei den erneuerbaren Energien sieht sie für die Landwirte große Möglichkeiten und Betätigungsfelder.

Auch lasse sich mit den Aufgabenfeldern Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sehr gut das Leitbild der Union „Bewahrung der Schöpfung und Nachhaltigkeit“ verfolgen. Ziel der Landesregierung sei es, bis 2020 den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent zu steigern. Derzeit sind es in Hessen rund vier Prozent. Dabei setzt die Ministerin, die zunächst vor allem im Bezug auf Windenergie von sich reden machte, auf Vielfalt: „Es ist klar, dass wir einen Energiemix brauchen. Mein Ziel ist es nicht, eine Technik nach vorne zu stellen. Wichtig ist die Frage, wie können wir die verschiedenen Energiearten vernetzen.“ Dazu will die Ministerin mit unabhängigen Beratern ein Energiekonzept erstellen. „Wenn ich sage, Windenergie ist nicht die Nr. 1, heißt das nicht, dass wir keine brauchen.“ Allerdings sei die Akzeptanz von Windrädern gerade in Südhessen schwierig. Für einen Riesenbereich hält sie auch die Erzeugung von Biogas. Allerdings müsse man auf die Flächen und die Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion achten.

Eichhof sorgt für Wissenstransfer

In Hessen findet die neue Ministerin auf dem Gebiet der praxisorientierten Forschung und unternehmerischer Aktivitäten im Hinblick auf erneuerbare Energien einige Potenziale vor, wie kürzlich auf einer Pressefahrt deutlich wurde. So stellt das Landwirtschaftszentrum Schloss Eichhof des Landesbetriebes Landwirtschaft Hessen (LLH) anwendungsbezogene Versuche auf diesem Gebiet an und sorgt damit für einen Wissenstransfer in die Betriebe. Der Eichhof befasst sich unter anderem mit der energetischen Biomassenutzung, er macht Versuche, um geeignete Pflanzen für die Biogaserzeugung beziehungsweise für die Kofermentation herauszufinden oder er stellt Versuche mit schnell wachsenden Baumarten an. Außerdem prüft das Landwirtschaftszentrum Energieumwandlungssysteme, wie Zentrumsleiter Klaus Reinhardt berichtete.

Neben den einzelnen Quellen der erneuerbaren Energien wird die Frage, wie bekommt man die Energie ins Netz und wie erreicht man ein optimales Zusammenspiel der erneuerbaren Energie immer wichtiger, wie Dr. Bernd Krautkrämer vom Institut für Solare Energieversorgungstechnik (ISET) erläuterte, das seit Jahren mit dem Eichhof kooperiert. Nach seiner Einschätzung wird Windenenergie die erneuerbaren Energien dominieren. Windenergie bringe die Masse, Biogas bringe die Klasse. Denn nachwachsende Rohstoffe sind laut Krautkrämer teuer, deshalb seien sie für die Spitzenlast-Kraftwerke geeignet.

Zusammenspiel der Energiearten

Ein immer wichtigeres Kriterium für die Anlagen sei die am Bedarf orientierte Einspeisung und die Speicherung von Energie, auch bei dezentralen Anlagen. Bislang seien die Biogasanlagen darauf noch nicht eingerichtet. „Das Zusammenspiel zwischen Strom, Wärme und Gas müssen wir beherrschen“, so Krautkrämer. Dabei werde man auch neue Geschäftsmodelle in der Energiewirtschaft entwickeln müssen. Dies sind Forschungsthemen des ISET, das zusammen mit dem Fraunhofer Center für Windenergie und Meerestechnik CWMT demnächst in das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) umgewandelt werden soll.

Der Forschungsbereich Energiesystemtechnik, der sich mit der Frage wie aus Biomasse erzeugte Energie in Netzstrukturen am effektivsten eingespeist werden kann, möchte sich laut Krautkrämer gern am Eichhof ansiedeln. Das Landwirtschaftszentrum bietet dafür durch seine eigene Strom-, Wärme- und Gasnetzstruktur nach Angaben von Klaus Reinhardt ideale Voraussetzungen. Außerdem läuft seit vergangenem Herbst auf dem Eichhof das Projekt EMSE (Energiemanagement System Eichhof), das von den hessischen Ministerien für Wirtschaft sowie für Umwelt gefördert wird.

Weltunternehmen in Hessen

Dass es auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien in Hessen auch Unternehmen von Weltrang gibt, erfuhr Ministerin Lautenschläger in Niestetal bei Kassel. Die SMA Solar Technology AG ist der weltweit größte Wechselrichter-Hersteller, sozusagen das Herz jeder Photovoltaikanlage. Es wandelt den Gleichstrom aus den Solarmodulen in Wechselstrom um.

Das Unternehmen wurde 1981 gegründet und erzielte 2008 einen Umsatz von 680 Mio. Euro bei einem Exportanteil von mehr als 40 Prozent. Es beschäftigt rund 350 Ingenieure und ist nach eigenen Angaben mit Abstand Markt- und Technologieführer. Vorstandssprecher Günther Cramer hält eine Energieversorgung von 100 Prozent aus erneuerbaren Energien langfristig für möglich. Leider befinde sich Hessen in der Vergleichsstudie der Agentur für Erneuerbare Energien unter den Bundesländern auf dem vorletzten Platz. Das sei aber auch eine Riesenmöglichkeit für die neue Ministerin, so Cramer.

Er betont auch den positiven Beschäftigungseffekt der erneuerbaren Energien. Derzeit gebe es rund 250 000 Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien in Deutschland, und man könne eine Verdopplung auf rund 500 000 erwarten. Allein in der Photovoltaik-Branche seien rund 50 000 Mitarbeiter tätig, bis 2020 sollen es mehr als 100 000 sein. Nach Überzeugung von Cramer ergänzen sich Wind und Sonnenenergie im Jahreszeitenverlauf ideal (im Winter mehr Wind, im Sommer mehr Sonne). Zudem lieferten die Photovoltaik-Anlagen gerade in der Mittagszeit, wenn auch der Verbrauch am höchsten ist, den meisten Strom und deckten so die Spitzenlast ab. Photovoltaik sei keine Nische, sondern sie kann nach seiner Einschätzung bis 2020 10 bis 12 Prozent des elektrischen Stroms in Deutschland liefern.

Cramer geht davon aus, dass sich bei einer Kostenreduzierung bei Solarstrom von jährlich 8 Prozent in Deutschland im Jahr 2015 eine Netzparität einstellt. Netzparität wird dann erreicht, wenn Strom aus einer Photovoltaikanlage zum gleichen Preis wie der Endverbraucherpreis von Steckdosenstrom angeboten werden kann. Ein großer Vorteil des Solarstroms sei, dass er dezentral erzeugt wird, keine Überlandleitungen erforderlich sind und dafür angesichts der vielen vorhandenen Dächer keine Fläche verbraucht werden müsse.

Energie und Mobilität

Das Zukunftsthema Energie umfasst auch die Mobilität. In Fulda ist die EDAG GmbH & Co. KGaA angesiedelt. Der Konzern entwickelt mit seinen rund 5 900 Mitarbeitern Fahrzeuge und Module bis zum serienreifen Produkt sowie Produktionsanlagen. Bislang auf die Automobil- und Luftfahrtindustrie ausgerichtet, will sich das Unternehmen stärker mit erneuerbaren Energien befassen. Hierbei will das Unternehmen sein Wissen über Automatisierung und Materialkunde einbringen. Eine wichtige Frage ist die Möglichkeit von Elektromotoren, die einen sehr effizienten Umwandlungsprozess und die Nutzung von vorhandenen Strukturen ermöglicht. Nach Einschätzung von Vorstandssprecher Jörg Ohlsen wird die Elektrifizierung von Fahrzeugen allerdings nicht so schnell wie gewünscht gehen. Die Energiespeicher seien noch weit weg von dem, was als Treibstoff in den Tank geht. Derzeit seien die Forschungskapazitäten noch auf die Verbrennungsmotoren ausgerichtet. Batterien seien eine ganz andere Technik und die hohen Anforderungen der Fahrzeugnutzer könnten vielfach noch nicht mit batteriebetriebenen Fahrzeugen erfüllt werden, so Ohlsen. CM