Luxus-Schinken hergestellt?

Vieh- und Fleischtag analysiert Auswirkungen der Finanzkrise

Beim 16. Vieh- und Fleischtag im Hofgut Neumühle in Münchweiler sprach Franz-Josef Möllers, der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes und Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes zum aktuellen Thema „Veredlungsstandort Deutschland vor neuen Herausforderungen.

„Ist es richtig, dass der Staat dann den Schirm aufspannt, wenn man groß ist?“ fragte Möllers in seinem Vortrag. Man habe in Berlin vieles richtig gemacht im Zeichen der Finanzkrise. Doch dürfe man nicht über das Ziel hinausschießen. Denn das ist schlicht Wettbewerbsverzerrung. Und wer den Großen rettet, erschwert dem Kleinen das Überleben.

Für faire Rahmenbedingungen kämpfen

„Wir müssen faire Rahmenbedingungen schaffen für unsere Branche. Preise sind nicht fair, aber die Rahmenbedingungen können es sein“, merkte Möllers an. Ein Beispiel dafür sei der Agrardiesel. 40 Euro/ha und Jahr mache die Steuerlast der deutschen Landwirte im Vergleich zu den Franzosen bei Agrardiesel aus. Das sei nur ein Punkt. Besonders schwer haben es die Veredlungsbetriebe in Deutschland, sie hängen in besonderem Maße von den Rahmenbedingen, wie Tierschutz, Hygiene, Cross-Compliance und vielem anderen ab. Möllers versteht unter den Veredlungsbetrieben die Milchproduzenten, Schweinehalter und Rindermäster. „Wir sind Exportweltmeister in der Agrarproduktion“, sagte Norbert Schindler, der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd und der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz. 2007 wurden 45 Mrd. Euro Umsatz mit dem Export erzielt, 2008 waren es schon 56 Mrd. Euro. „Das kann nur gelingen, wenn die hohen Rahmenbedingungen über den Preis kompensiert werden“, bemerkte Möllers.

CMA wird für Export fehlen

Und wenn man genau in die Statistik schaue, dann fällt auf, dass Deutschland diese hohen Umsätze überwiegend mit hochveredelten Produkten – besonders im Fleischmarkt – erzielte. Was bedeute dies aber in Zeiten der Finanzkrise? „Genau in diesem hochwertigen Segment wird gespart“, stellte Möllers fest. Erste Anzeichen dafür gebe es schon. Und gerade in diesem Moment wurde die CMA zerschlagen, mit deren Hilfe es überhaupt möglich war, diesen hohen Export aufzubauen. „Sie lieferte uns seriöse Zahlen und vertrat uns im Ausland“, erklärte Möllers.

„Das ist gegessen. Die CMA ist weg. In Italien wendet man für die Aufgaben der CMA und ZMP 320 Mio. Euro auf, in Frankreich sind es 240 Mio. Euro. Diese Länder werden nun Klinkenputzen gehen, wo der Absatzfond ausfällt“, prognostizierte Möllers. „Wir verlieren Marktanteile“, ergänzte auch Schindler. Der Absatzfond hatte 120 Mio. Euro zur Verfügung, davon gingen 20 Mio. Euro an die ZMP.

Daten der Landwirtschaft werden weiter erhoben

„Wir haben nun eine neue Organisation gegründet, die Agrarmarkt Informations-GmbH, AMI. Diese soll mit 30 Mitarbeitern sachlich neutrale Daten ausschließlich für die Landwirtschaft aufarbeiten“, sagte Schindler. „Was die Tätigkeiten der CMA angeht, das können wir nicht leisten. Allein die Werbestaffel von ARD und ZDF kosteten 8 Mio. Euro. Da kamen wir gerade noch raus. Die Werbung ist eingestellt. Was wir uns leisten müssen, das ist die Bearbeitung des Exports“, betonte Möllers. Man müsse darüber nachdenken, eine freiwillige Abgabe zu erheben. Bei Milch gebe es viele produktbezogene Marken, das müssen die Molkereien selbst übernehmen. Doch bei Fleisch ist das schwieriger. „Ich denke an eine Abgabe von 5 Cent/Schwein. Bei 54 Mio. Schweine pro Jahr in Deutschland, kommen 2,7 Mio. Euro zusammen“, schlug Möllers vor. „Da bin ich zuversichtlich, dass wir das erreichen.“

Beim Milchmarkt riet Möllers: „Da müssen wir durch.“ Man könne sich nicht abschotten, man müsse die Betriebe fit manchen für die Zukunft und vielleicht auch über ein altes Instrument, wie die Abschlachtprämie nachdenken für Betriebe, die auslaufen, um die anderen Betriebe zu halten. Nur so könne man die Jugend in den Betrieben halten. Die einzigen Sektoren, in denen die Betriebsleiter noch Spaß haben, seien die Rindermast und Hähnchenmast. Auf dem Schweinemarkt habe man eine Delle im Verzehr gehabt und darüber hinaus einen genetischen Fortschritt erzielt, den keiner für möglich hielt. So werfe eine Sau heute zwischen 28 und 30 Ferkel im Jahr.

Einzig die Rinder- und Hähnchenmast läuft gut

Das wäre vor zwei Jahren undenkbar gewesen. Die dänische Genetik habe hier zu einem Überfluss geführt. Dazu kam, dass Deutschland von Importen überschüttet wurde, sodass das Schweinefleisch nichts mehr Wert war. „Doch wenn ich sehe mit welch hoher Verschuldung diese Betriebe produzieren, da bekomme ich Schüttelfrost“, bemerkte Möllers. Der Preis für Schweinefleisch müsse steigen, ansonsten steigt der Anteil der Betriebe mit Fremd­einwirkung. „Besonders Futtermittelfirmen strecken die Finger nach Betrieben aus, auch bei uns. Und ich verstehe nicht, wie selbst unsere eigenen Genossenschaften dies tun können“, ärgerte sich Möllers. Und wenn nun auch nur ein Betrieb noch die Schweinepest habe, dann werde der Schweinefleischmarkt wieder zusammenbrechen, dann habe man wieder ein Ausfuhrstopp zu bewältigen.

Das Motto Wachsen oder Weichen von 1968 habe seinerzeit als revolutionär gegolten, sagte Schindler, sei hinsichtlich der darin skizzierten Größenordnung für wirtschaftlich arbeitende und wettbewerbsfähige Betriebe mit 80 bis 120 ha Ackerbau, 40 bis 60 Kühen, 450 bis 600 Mastschweineplätze aber längst überholt. Auch in Rheinland-Pfalz seien Milchbetriebe in der Bauphase oder planten bis zu 300er Ställe. Im Zuge der Globalisierung habe der Abbau des Außenschutzes die Zunahme des Wettbewerbsdrucks noch einmal verstärkt. Der ehemalige bäuerliche Landwirt wechselt immer mehr zum Unternehmer. Wer schnell wachsen will, müsse aber neben der Rentabilität auch die Liquidität beachten. Die Abhängigkeit von Lieferanten und Banken könne auch „erdrückend“ sein. Gut strukturierte Familienbetriebe werden daher auch in Zukunft konkurrieren können – entscheidend sei, die Strukturunterschiede so zu verkleinern, dass die Vorteile des Familienbetriebes – die höhere Einsatzbereitschaft und Motivation sowie hohe Qualität der Ausbildung voll durch­schlagen. Elke Setzepfand