Die Stadt vor dem Hoftor

Jahrestagung 2009 des vlf-Bundesverbandes in Hessen

Der Bundesverband Landwirtschaftlicher Fachbildung (vlf) veranstaltete vorige Woche seine Jahrestagung 2009 mit dem VLF-Landesverband Hessen. Das zweitägige Programm begann im Anschluss an die Mitgliederversammlung in Idstein im Taunus mit einem Sympo­sium über die Zukunfts­perspektiven von Landwirten im Ballungsraum. Im Kloster-Eberbach im Rheingau schlossen sich ein Empfang des Bundesverbandes mit einem Hessischen Festabend an. Am zweiten Tag gab es Fachexkursionen in die Rhein-Main-Region (der Bericht dazu folgt im nächsten LW).

Peter Seidl, Landwirt aus Echim bei München und Präsident des vlf-Bun­­desverbandes, er­öff­ne­te die Vortrags- und Dis­kus­sionsveranstaltung über: „Landwirte im Ballungsraum – eine Herausforderung für Stadt und Land.“ Auf der einen Seite die Felder auf der anderen die Stadt, das sei der Ausblick den Landwirte in Ballungsräumen hätten. An die landwirtschaftlichen Betriebsleiter nahe den Metropolen würden besondere Herausforderungen gestellt, meinte Seidl.

Verbraucher will die „eierlegende Wollmilchsau“

Als Referent zum Thema hatte er Dr. Reinhard Grandke, Geschäftsführer der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in Frankfurt, geladen. Grandke erläuterte Ergebnisse einer Allensbach-Studie, die das Kauf­verhalten des Konsumenten und dessen Ansprüche an die Landwirtschaft untersucht hatte. Landwirtschaft im Schatten einer Großstadt zu betreiben, bedeute für den Landwirt zugleich, ein erhöhtes Maß an Kom­munikationsarbeit zu leisten. Das beginne zum Beispiel mit dem Teilen der Feld- und Wirtschaftswege mit Spaziergängern, Joggern oder Radfahrern. Gerade auf dem Land in Großstadtnähe gebe es viele, die sich im Grünen erholen wollten: „Der Verbraucher wünscht sich am liebsten die gesamte Rhein-Main-Region außerhalb der Städte als eine große Streuobstwiese“, stellte Grandke als eines der Ergebnisse der Erhebung heraus. Einen landwirtschaftlichen Betrieb in der Nähe einer Großstadt zu führen, habe aber auch Vorteile. Denn neben einer extensiven Betriebsführung möchte der Konsument zugleich regional erzeugte Lebensmittel kaufen können, woraus Landwirte durchaus ihren Nutzen ziehen sollten. Bei der Direktvermarktung etwa hätten sie einen großen Absatzmarkt vor dem Hoftor, im Gegensatz zu Betrieben auf dem Land. Auch gebe es in Stadtnähe einen höheren Bedarf an Pensionsplätzen für Pferde. Kurzum: in Bezug auf die Landwirtschaft möchte der Verbraucher die „eierlegende Wollmilchsau“, so Grandke. Eine Zwiefunk­tion des Hofladens, hinter dem gleich­zeitig eine moderne Produktion stehe, könne eine mögliche Antwort auf diese sonst kaum zu erfüllende Aufgabe des Verbrauchers an die Landwirtschaft sein.

53 Prozent mit Erfahrungsbild von der Landwirtschaft

Wesentliche Ursache für dieses zum großen Teil sehr unrealistische Bild von der Landwirtschaft sei darin zu sehen, dass nur noch 53 Prozent der Bevölkerung persönlich Landwirte oder andere in der Landwirtschaft tätige Personen kennen würden. Das Bild der Landwirtschaft sei also nur noch bei gut der Hälfte der Bevölkerung ein wirkliches Erfahrungsbild: „Fragen Sie mich nicht, wie viele Kühe wirklich lila sein müssten, wenn ich danach in einer Grundschule im Frankfurter Westend fragen würde“, so Grandke. Mit der Unwissenheit sei aber die Gefahr verbunden, dass das Thema Landwirtschaft in unserer Gesellschaft entfrem­de und die landwirtschaftlichen Anliegen zu wenig berücksichtigt würden.

Bauern im Ballungsraum gehen ihre Äcker aus

Kernprobleme landwirtschaft­licher Betriebe in Ballungsräumen seien insbesondere der an­haltend große „Hunger“ der Stadt auf ihre landwirtschaftlichen Flächen. Und außerdem: „An vielen Gunststandorten gehen die besten Böden verloren“, führt Grandke aus. Hinzu käme, dass Feldstücke durch Wohngebiete und neue Straßen zerschnit­ten würden und damit nicht mehr so rentabel zu bewirt­schaf­ten seien. Der Landwirt wolle große zusammenhängende Flächen ohne Zer­­schneidung.

Ein positives Beispiel zwischen Stadt und Land sehe er bei der Landeshauptstadt und ihrem ländlichen Umfeld. Ackerbaubetriebe im östlichen Stadtgebiet, ferner rund 25 di­rekt­ver­mark­tende Betriebe und rund 20 Betriebe mit Pensionspferdehaltung teilten sich den Markt für Landwirtschaft in der Region von Wiesbaden durchaus erfolgreich auf, meinte Grand­ke. Festzuhalten sei, dass besondere Geschäftsmodelle nötig seien, damit Landwirte im Ballungsraum ihre Betriebe halten und zukunftsträchtig fortentwickeln könnten. Das Betriebskonzept müsse der auf absehbarer Zeit zur Verfügung stehenden Fläche entsprechen und der Landwirt benötige eine hohe Qualifikation, neben seinem Fachwissen, auch an Kommunikationsfähigkeit. Denn „Wenn Sie mit dem Güllefass und Schleppschläuchen durch den Bestand fahren, ist dies dem Verbraucher unheimlich schwer zu vermitteln.“ Früher sei der Landwirt greifbarer für die Be­völkerung gewesen, heute sitze er hoch auf dem Schlepper oder in der Kabine des Mähdreschers und steuere eine Großmaschine.

Landwirtschaft wieder zurück in die Politik

Eine zentrale Botschaft der Ausführungen Grandkes zur Fortentwicklung der Landwirtschaft in Ballungsräumen lautete, dass Betriebsleiter, die weiterhin den Weg auf dem Lande mitbestimmen wollten, ins politische Feld gehörten. Dies sei der beste Mechanismus, die Landwirtschaft an den schnellen Veränderungsprozessen im Ballungsraum teilhaben zu lassen und die Bauern nicht außenvor ohne Einfluss zu stellen.

Eine sehr lebhaft geführte Diskussion zum Thema schloss sich an. Unter anderem stellte Werner Born, Geschäftsführer des VLF Wiesbaden, die Bedeutung von Landwirtschafts- und Gewerbeschau sowie insbesondere die Tage der offenen Hoftore als wichtige Aktionen der Landwirtschaft zur Öffentlichkeitsarbeit im Ballungsraum heraus. Dr. Karl-Heinz Heckelmann, vom VLF Usingen und Leiter des Amtes für den ländlichen Raum in Bad Homburg, betonte, dass die Landwirtschaft ihre Möglichkeiten zur einzelbetrieblichen Entwicklung in Stadtnähe anders definieren müsse als in den ländlichen Regionen. „Im Amtsbezirk haben wir Betriebe, die in­zwischen ihren vierten Hofla­den eröffnen, weil es so gut läuft.“ Außerdem berichtete er von einem in jüngster Zeit neu auflebenden Interesse der Landwirte seiner Region an die Vered­lung. Es würden Bauanträge für Schwei­ne- und Geflügelställe in seinem Amtsbezirk gestellt, was es Jahre zuvor nicht mehr gegeben habe. Die beste Fördermaßnahme sei ein geregelter Absatz der Produkte, hielt Heckelmann fest. Jeder müsse sein eigenes Konzept finden und diesen Weg konsequent beschreiten.

Empfang im Kloster Eberbach und Hessischer Abend

Das Tagungsthema zur Landwirtschaft im Spannungsfeld mit der Stadt war ebenso Inhalt der Fest­re­den des folgen­den Empfanges und des Hessischen Abends im Kloster Eberbach im Rheingau. Vlf-Bundespräsident Seidl begrüßte dazu unter den circa 100 Gästen auch zahlreiche Ehrengäste aus der Landwirtschaftspolitik, Agrarverwaltung und dem Verbandswesen. Der Prä­sident des Hessischen Bau­ernverbandes, Friedhelm Schneider und der Staatssekretär im hessischen Landwir­t­schafts­mi­nisterium, Mark Wein­meis­ter, sprachen über aktuelle Aspekte zur Land­wirtschaft in Hessen. Sie hoben den Stellen­wert einer guten Zusammenarbeit zwischen der Politik und den land­wirt­schaft­lichen Or­ga­ni­sationen, Verbänden und Ver­wal­tungs­einrichtungen hervor.

Alle grünen Berufe müssen an einem Strang ziehen

Für die Fortentwicklung der Landwirtschaftsbetriebe im Ballungsraum sei eine berufsübergrei­fende Vernetzung der grünen Be­rufe besonders wichtig, meinte der HBV-Präsident. Dabei müs­se man an dem Ziel festhalten, dass alle grünen Einrichtungen für die Landwirtschaft an einem Strang ziehen und die Betriebe stärken. Für die Landwirtschaft sei insbesondere der starke Flä­chen­ver­brauch ein Damoklesschwert für die Betriebe im Bal­lungs­raum, so Schneider. Der Berufsstand setze sich intensiv dafür ein, diesen so gering wie möglich zu halten. „Die Region Frankfurt-Rhein-Main ist der Wirt­schaftsmotor Hessens; aber das findet alles auf der Fläche statt“, so der HBV-Prä­sident. Vielmehr müsse sich die Landwirtschaft die Wirtschaftskraft Hessens insbesondere der Region Südhessen zu Nut­ze machen. In Südhessen profi­tierten zum Beispiel Betrie­be nicht nur von den guten Böden und dem milden Klima, sondern auch von einer höheren Kaufkraft der Verbraucher als in anderen Regionen. Schneider berichtete ferner über ein Treffen mit europäischen Vertretern des ländlichen Raumes zum Thema „Landwirtschaft in Ballungsräumen“, bei dem man sich auch über Strategien ausgetauscht habe, mit dem Ziel, das landwirtschaftlich geprägte Umfeld von Ballungsräumen zu erhalten.

Vielfalt zum Vorteil für die Betriebe ausbauen

Staatsekretär Weinmeister ver­glich das weite Aufgabenfeld des Wiesbadener Landwirtschafts­ministeriums mit den vielfältigen Anforderungen an die Landwirtschaft in Hessen. Von der Landwirtschaft reiche der Verantwortungsbereich des Ministeriums weit hinein in den Wasser- Boden- und Verbraucherschutz bis zur Energie. Damit sei man in Wiesbaden weitaus breiter aufgestellt als in vielen anderen Bundesländern. Er sehe darin einen Vorteil zum guten Miteinan­der zwischen Stadt und Land. Die Landwirtschaft in Hessen könne von der Vielfalt profitieren.

Ein Grußwort sprach ebenso die stell­ver­tretende Präsidentin des Land­frauenverbandes Hessen, Bärbel Scherp. Dass die Landwirt­schaft im Rheingau nicht nur einen bedeutenden Stellenwert habe, son­dern auch sehr gern gesehen sei, machte der Landrat des Kreises, Burkhard Albers, deutlich und überreichte als Zeichen hierfür einen 300-Euro-Scheck an den Verband für landwirtschaftliche Fachbildung.

In Hoffnung säen, mit Liebe pflegen und in Dankbarkeit ernten

Im Rahmen des vlf-Bundestreffens wurden verdiente Per­sön­lichkeiten geehrt (Seite 42). Beim Hessischen Abend erhielt Karl Zwermann, Gärtnermeister aus Usingen im Taunus und Ehrenprä­sident des Zentral­ver­ban­des Gartenbau (ZVG), die Theo­dor-Hensen-Medaille. Verbands­prä­sident Peter Seidl begründet die Verleihung an Karl Zwermann mit dessen herausragendem Einsatz, junge Leute für die grünen Beru­fe zu motivieren sowie mit dessem großen Engagement, dass alle grü­nen Berufe mit einer Stim­me sprechen. Dazu Zwermann: „Wir säen in Hoffnung, pflegen mit Liebe und ern­ten mit Dank. Über allem steht, dass wir die Jugend für unseren Beruf und für die Zukunft unserer Betriebe begeistern. Moe