Meilenstein für die Traubengesundheit

Frühe Entblätterung der Traubenzone

Die mit dem Klimawandel einhergehende Reifebeschleunigung erhöht die Botrytisanfälligkeit der Trauben im August und September. In diesen Monaten herrschen häufig noch günstige Temperaturen für die Entwicklung der Botrytis. Bei größeren Niederschlagsmengen findet der Pilz ideale Bedingungen vor. Strategien zur Gesundheitsförderung gewinnen deshalb nicht nur in der Direktvermarktung sondern auch in der Trauben- und Fassweinvermarktung zunehmend an Bedeutung.

Aus Sicht der Arbeitswirtschaft und der Kosten kommen für die Entblätterung der Traubenzone nur schlagkräftige vergleichsweise kostengünstige maschinelle Verfahren in Frage. Der Einsatz von Bioregulatoren (Gibb 3, Regalis) zur Gesundheitsförderung ist sehr termingebunden, nur bei einem begrenzten Sortenspektrum möglich und erreicht wie auch der Einsatz von Botrytiziden nicht immer zufriedenstellende Wirkungsgrade, bietet aber dennoch in vielen Fällen eine gute Möglichkeit die Fäulnis zu reduzieren. Die Zulassung für Gibb 3, nach § 11(2) des Pflanzenschutzgesetzes („Gefahr im Verzuge: Essigfäule an Weinrebe“) wur­de zunächst für 2009 nicht mehr erteilt, ist aber nun doch noch bewilligt worden. Gibb 3 steht somit auch 2009 seit 20. Mai wieder für die Burgundersorten, Portugieser und Schwarzriesling 120 Tage zur Verfügung. Regalis ist nach §18 begrenzt auf die Rebsorten Riesling, St. Laurent und Sauvignon blanc zugelassen (Anwendungsempfehlungen LW 23, S. 38).

Als weitere maschinelle und somit arbeitswirtschaftlich günstige Maßnahmen, welche den Gesundheitszustand der Trauben merklich fördern, stehen nur noch die maschinelle Entblätterung und die Vollernterausdünnung zur Verfügung, wobei letztere vorrangig zur stärkeren Ertragsreduzierung eingesetzt wird und so, von Ausnahmen abgesehen (Ertragsreduzierung im Mini­mal­schnitt), für Basic-Weinerzeugung ausscheidet. Mit der frühen maschinel­len Entblätterung der Traubenzone hat sich ein Ver­fahren etabliert, welches die Forderung nach gesundem Lesegut bei mode­ra­ter Reduzierung des Ertrags­potenzials weitgehend erfüllt. Nicht ohne Grund stößt diese Maßnahme in der Praxis nicht nur als Grundlage zur Erzeugung von Spitzenweinen auf sehr große Resonanz. Die frühe maschinelle Entblätterung hat sich in der qualitätsorientierten Traubenerzeugung mitt­ler­weile als Standardmaßnahme eta­bliert.

Welche Vorteile bietet die frühe maschinelle Entblätterung?

Minderung der Botrytisbefallsstärke durch frühe manuelle oder beidseitig maschinelle Entblätterung um 50 Prozent und mehr (Ursache: Auflockerung der Traubenstruktur, robustere Beerenhaut, bessere Pflanzenschutzmittelanlagerung). Gesünderes Lesegut erlaubt spätere Lese, was die physiologische Reife begünstigt. Moderate Ertragsreduzierung möglich: Bei manueller Entfernung von drei bis vier basalen Blättern um bis zu 20 Pro­zent. Die maschinelle Entblätterung ermöglicht je nach Einsatzzeitpunkt, Gerätetyp, Geräteeinstellung und Fahrweise eine Ertragsreduzierung um bis zu 35 Prozent und in Einzelfällen auch mehr. Die moderate Ertragsreduzierung und die intensivere Besonnung haben ein leicht erhöhtes Mostgewicht und Aromapotenzial sowie eine deutlich verbesserte Farbausbildung bei Rotwein­sorten zur Folge.

Welche Entblätterungstechnik ist zu bevorzugen?

Die manuelle Entlaubung ist mit 40 bis 70 Akh/ha sehr arbeitsintensiv. Bei der maschinellen Entblätterung reduziert sich der Arbeitsaufwand für beidseitiges Entblättern je nach Gerät (gerätespezi­fische Fahrgeschwindigkeit, ein-/zweiseitig oder überzeilig arbeitend) auf 1,5 bis 4 Akh/ha. Die Auswahl an sehr gut arbeitenden Entlaubern ist sehr groß.

Geräte nach dem Prinzip „Binger Seilzug“ (saugend-zupfend) arbeiten sehr schonend und sind deshalb auch für einen späteren Einsatz (bis zum Weichwerden der Beeren) ohne größere Verletzungsgefahr geeignet, wenn gleich aus pflanzenphysiologischer Sicht (Sonnenbrandgefahr) ein früherer Einsatz empfehlenswerter ist. Die Ertragsreduzierung liegt, wie bei der manuellen Entblätterung, bei 15 bis 20 Prozent.

Geräte nach dem Prinzip „Ero, Clemens“ (saugend-schneidend) erlauben bei „aggressiver“ Einstellung und Fahrweise eine Ertragsreduzierung um bis zu 35 Prozent. Der ertragsreduzierende Effekt ist beim Einsatz kurz bevor sich die Trauben hängen am stärksten ausgeprägt. Da die Verletzungsgefahr der Trauben mit zunehmender Beerendicke ansteigt, ist ein Einsatz nach Erbsendicke nicht empfehlenswert.

Wann und in welchem Umfang entblättern?

Die Entblätterung kann bereits kurz vor der Blüte erfolgen und sollte zwei Wochen nach der Blüte beendet sein. Sorten mit hoher Geiztriebbildung können innerhalb der genannten Zeitspanne etwas später entlaubt werden, um die Traubenzone längerfristig freizustellen. Alternativ hierzu auch eine zweite Entblätterung manuell oder mit schonend arbeitenden Geräten durchgeführt werden.

Grundvoraussetzung für eine maschinelle Entblätterung ist, dass die Triebe in der Traubenzone fest im Drahtrahmen eingeheftet sind. In vitalen (normal)wüchsigen Anlagen ist ein beidseitiges Entblättern zu empfehlen. Nur so kann der botrytismin­dernde Effekt und - falls gewünscht - auch die Ertragsminderung in vollem Umfang genutzt werden. Am günstigsten geeignet sind Anlagen mit Flachbogenerziehung oder einem Halbbogen mit nicht zu weitem (20 cm) Biegedraht­abstand.

Welche Rebsorten profitieren besonders?

Rebsorten mit kompakter Traubenform profitieren besonders von der Botrytisminderung. Farbschwache Rotweinsorten profitierten zusätzlich von einer deutlich intensiveren Farbausprägung. Die beidseitige maschinelle Entblätterung kann bei ertragsreichen Sorten wie Dornfelder Ertragsspitzen brechen und je nach Entblätterungstechnik Mostgewichtssteigerungen um bis zu 10°Oe erzielen.

Lässt sich die Weinqualität signifikant steigern?

Bei Weißweinsorten lässt sich die Weinqualität vor allem in Jahren mit allgemein hohem Botrytisbefall oder gar Essigfäulebefall steigern. Bei allgemein niedrigem Botrytisbefall führt die bessere Besonnung der Trauben und die moderate Ertragsreduzierung zwar zu moderaten Mostgewichtssteigerungen, nennenswerte sensorische Verbesserungen sind jedoch weniger zu erwarten. Bei farbschwachen Rotweinsorten kommt die Begünstigung der Ausfärbung hinzu, sodass sich die frühe Teil­entblätterung auch unabhängig vom Botrytisbefall qualitätssteigernd auswirkt.

Zu befürchtende Risiken – Was ist dran?

Auf schweren, kalkhaltigen Böden (Chlorosestandorten) und in überlasteten oder schwachwüchsigen Anlagen ist von einer frühen Entblätterung abzusehen, da diese zu einer zusätzlichen Schwächung der Reben führen kann. Die frühe Entblätterung kann zu einer leichten Forcierung der Stiellähme beitragen, die in der Regel aber nicht von praxisrelevantem Ausmaß ist. Da sich die Beeren sehr früh an eine intensivere Sonneneinstrahlung gewöhnen, wird die Sonnenbrandgefahr in der Regel nicht erhöht (leichte Erhöhung allenfalls in Ausnahmejah­ren). Eine bei Weißweinen (vor allem beim Riesling) befürchtete Beeinträchtigung der Sortentypizität, die Förderung von Bittertönen und eine verstärkte Ausprägung der Petrolnote konn­te bisher in keinem Untersuchungsjahr bestätigt werden. Die Verminderung der Blattfläche kann zu einer geringeren Rückverlagerung von Aminosäuren in die Trauben und somit vor allem in schwachwüchsigen Anlagen mit hohem Ertragspotenzial zu einer verminderten Stickstoffernährung der Hefen führen. Dadurch bedingte Gärstörungen und eine erhöhte Böckserbildung sind bisher noch nicht bekannt geworden. Frei stehende Trauben können bei Hagel etwas stärker geschädigt werden, trocknen dann aber auch besser ab, was das Fäulnisrisiko vermindert. Die Schadwirkung wird deshalb nicht zwangsläufig erhöht.

Was kostet eine Entblätterung?

Bei einem Akh-Bedarf von 40 bis 70 Stunden/ha sind für eine Handentblätterung bei einem Lohnansatz von 8 Euro/Stunde 320 bis 560 Euro/ha anzusetzen. Für eine beidseitige maschinelle Entblätterung fallen, je nach Einsatzumfang (hier mit 10 ha kalkuliert), ein- oder zweiseitig arbeitendem Entlauber, geräteabhängige Fahrgeschwindigkeit, Durchführung mit eigenem oder gemeinschaftlich angeschafftem Gerät oder Entlaubung durch Lohnunternehmer bei einem Arbeitszeitbedarf von 1,5 bis 4 Akh/ha Kosten in Höhe von 100 bis 200 Euro/ha an.

Für welche Betriebe ist die frühe Entblätterung interessant?

Interessant ist die frühe Entblätterung vor allem für selbstvermarktende Weinbaubetriebe, die großen Wert auf gesundes und reifes Lesegut legen und zudem die Erträge moderat und kostengünstig reduzieren möchten. In solchen Betrieben kann auch die frühe Entblätterung als Vorleistung (vor allem auch zur Arbeitserleichterung) für nachfolgende manuelle Etragsreduzierungsmaßnahmen genutzt werden. Bei flächenstarken trauben- oder fassweinvermarktenden Betrieben, die qualitätsfördernde Stockarbeiten aufgrund der Kosten und arbeitswirtschaftlichen Engpässe kaum durchführen, ist die frühe maschinelle Entblätterung in der Lage, unterlassene Ausbrecharbeiten gut zu kompensieren und Ertragsspitzen zu brechen. Somit lässt sich mit einem vergleichsweise geringen Aufwand eine Basisqualität sichern. Dr. Bernd Prior, Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinhessen-Nahe-Hunsrück