Druck auf Betriebe bleibt

Internationale Beratertagung 2009 in Marburg

Bei der Jahrestagung der Internationalen Akademie land- und hauswirt­schaft­licher Beraterinnen und Berater (IALB) sprachen am Montag in Marburg die Professoren Enno Bahrs und Franz-Josef Radermacher von einem rapide ansteigenden Bedarf nach Agrarrohstoffen in der Welt. Offen blieb die Frage, wie die Landwirtschaftsbetriebe von dieser Entwicklung profitieren können.

Prof. Dr. Enno Bahrs, Universität Hohenheim, sprach über Zukunftsperspektiven in der Landwirtschaft.
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Der Agrar­ökonom Prof. Dr. Enno Bahrs und der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Radermacher schlugen Strategien für die länd­li­che Wirt­­schaft in Zeiten sich ver­än­dern­­der Marktsituationen, des de­mografischen Wandels, des Kli­ma­wandels und zunehmender Energieknappheit vor. Raderma­cher, Leiter des For­­­schungs­instituts für anwendungs­orientierte Wis­sens­ver­arbeitung in Ulm, sprach über das Thema: „Globalisierungsgestaltung als Herausforde­rung – Balance oder Zerstörung?“ Bahrs leitet das Institut für landwirtschaftliche Betriebslehre an der Universität Hohenheim. Er richtete seinen Blick auf die Folgen der Entwicklung für den einzelnen Betrieb und sprach zum Thema „Glo­bale Ent­­wick­lungen und Zukunftsperspektiven für Landwirtschaft und ländlichen Raum.“ Beide sind sich sicher, dass die Nachfra­ge nach Nahrungsmitteln erheb­lich ansteigt und sehen die Lage, in der sich die globa­len Agrarroh­stoffmärkte in ei­nem sehr dynamisch verändern­den Umfeld be­wegen, als Heraus­for­derung für die Landwirte. Ob dies aber auch zu wachsenden Ge­winnen in den Betrieben führt; daran haben beide Zweifel: Der Druck auf die Betriebe in der Landwirtschaft bleibe bestehen.

Märkte von Unsicherheit geprägt

Denn volatilere Produktprei­se führten wahrscheinlich auch zu volatileren Betriebsmittelpreisen, meinte Bahrs. Gleich­zeitig ziehe sich die EU immer weiter aus der Marktsteuerung zurück. Denn während in der Vergangen­heit agrarpolitische Interventionsmechanismen in Überschussmärkten die Preise nach unten absicherten, aber auch nach oben nicht viel Erwartungspotenzial ließen, seien die zukünftigen Märkte damit durch ein erheblich höheres Maß an Unsicherheit geprägt. Die Bedeutung des Staates, regulierend auf den Markt zu wirken, nehme ab und die Bedeutung des betriebsindividuellen Risikomanagements werde zunehmen. Damit werde es für alle Marktbeteiligten schwieriger, das Angebot und die Nachfrage auf den Märkten vorherzusehen und mit dem dazugehörigen Verhandlungsgeschick zu begleiten. Der Betriebswirt Bahrs skizzierte die Frage des erfolgrei­chen Bestehens am Markt anhand des Beispiels eines 100-ha-Ackerbaubetriebs, der entsprechend seinen Mo­dell­rechnungen im letzten Jahr durchaus einen Unterschied in der Gewinn- und Verlustrechnung in Höhe von circa 75 000 Euro hätte auswei­sen können. Und das allein aufgrund günstiger beziehungsweise ungünstiger Zeitpunkte in der Vermarktung des Getreides und im Bezug der Betriebsmittel. Während sich in der Vergan­gen­heit die Kaufpreis- und Verkaufpreiserwartungen in einigermaßen schmalen Bandbreiten be­wegten, werde diese Spanne zukünftig größer. Die Potenziale der Preisausschläge werden größer sowie die zunehmende Geschwindigkeit ihrer Ver­änderun­gen, sowohl nach oben als auch nach unten. Dies mache die Agrarmärkte kaum noch vorhersehbar. Wer unterdurchschnittlich gut prognostiziere und verhandele, werde zu­künftig im Wettbewerb stärker als zuvor das Nachsehen haben. Aus der Globalisierung der Märk­te, dem steigenden Wohlstand in vielen Schwellenländern, dem Hunger nach Energie, auch nach Bioenergie, lassen sich nach Bahrs Überlegungen ebenso neue Anforderun­gen an zukünfti­ge Rahmenbedingun­gen ableiten. Einerseits bestehen diese in mehr An­rei­zen für eine höhere Intensität in der Bio­masse­pro­duk­tion. Andererseits steigen die Anforde­rungen zum Schutz von Klima, Boden und Wasser. Die Folge für die Agrarwirtschaft sei ein Spagat zwischen wachsender regiona­ler und zugleich globaler Biomas­se­er­zeugung und einem gleich­zei­tig angemessenen Um­­welt­schutz. Ein Patentrezept, mithilfe dessen die Landwirte diese Her­aus­­forderungen meistern könn­ten, gebe es nicht. Und doch hält Bahrs in der Landwirtschaft gerade die Familienbetriebe weiterhin für wettbewerbsfähig: Auch wenn der technische Fortschritt dazu führe, dass die Betriebe in immer größere Einheiten wachsen, so sind für ihn weiterhin Familienbetriebe besonders dann konkurrenzfähig, wenn sie das richtige Konzept für ihren Betrieb parat haben und auch das Vermarkten der Produkte beherrschen. Denn Familienbetriebe seien häufig stark eigenkapitalfinanziert und müssten oft weniger Kapitaldienst leisten als andere. Allerdings empfiehlt er auch diesen Betriebsleitern: „Haben Sie den Mut, Fremdarbeitskräfte zu beschäftigen, denn das stabilisiert auch einen Familienbetrieb.“

Rohstoffe und Reichtum verteilen

Die Folgen der Globalisierung gehörten zu den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, stellte zuvor Professor Ra­dermacher heraus. Klimawandel, soziale Ungleichheit und die rasante Zunahme der Weltbevölkerung seien Proble­me, die letztlich nur auf globaler Ebene gelöst werden könnten. Voraussetzung für eine bessere Verteilung der Ressourcen sei eine Finanzierung von Nord nach Süd, ein Welt-Marshallplan, der Investitionsprogramme mit sozialen und ökologischen Standards verbinde. Er ging in seinem Vortrag auch auf die rapide Bevölkerungsentwicklung ein und fragte: „Dürfen die Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern auch so leben wie wir?“ Die heutige Weltagrarproduktion würde zwar ausreichen, um 13 Mrd. Menschen zu ernähren. Dennoch verhungerten viele Menschen, denn es gebe ein Verteilungsproblem. Welche Zukunftsperspektiven es in dieser Situation für die Landwirtschaft gebe, ließ Radermacher offen. Die Politik müsse gezwungen wer­den, ein global sozial-ökonomisches Regelwerk aufzustellen, um eine gerechtere Ver­­teilung des Reichtums und der knappen Ressourcen zu erreichen, lautet eine Kern­aussage seines Vortrags.

Lebensqualität erhalten

Brigitte Roggendorf, BMELV: Im Jahr 2030 ist jeder dritte Bundesbürger älter als 60 Jahre. Geburtenrückgang und die demografische Entwicklung der Gesellschaft stellen besonders die ländlichen Räume vor großen Herausforderungen.
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Franz Forstner, Präsident der IALB eröffnete die insgesamt über fünf Tage dauernde Berater­tagung. Er ging auf die künfti­gen Anforderungen an die Bera­tung in der Landwirtschaft ein. Ziel der Beratung müsse es sein, die Lebensqualität der Landwirtschaftsfamilien auf den Betrieben zu erhalten. Dazu sollte auch die Zusammenarbeit aller Beratungseinrichtungen auf europäischer Ebene intensiviert wer­den, konstatierte Forstner. Dr. Anna Runzheimer, Leiterin der Landwirtschaftsabteilung im Wiesbadener Ministerium, skizzierte die landespolitischen Schwer­punkte der Agrar­för­de­rung in Hessen. Mit Blick auf die große Not der Milch­erzeu­ger und vor dem Hinter­grund, dass rund 70 Prozent der hessi­schen Milchviehbetriebe in Mit­telgebirgs- und Grünlandre­gionen wirtschafteten, wolle die Lan­desregierung bei der Vergabe von Health-Check-Mitteln die Gelder ins­be­sondere dazu verwenden, um die Ausgleichs­zu­­lage in be­nachteiligten Ge­bieten zu erhöhen.  Brigitte Roggendorf vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, sprach über Anforderungen des Verbrauchers an die Landwirtschaft. „Regional ist beim Lebensmitteleinkauf die erste Wahl“, stellte Roggendorf die Bedeutung heimischer Erzeugnisse heraus. Gleichzeitig sprach sie ein weiteres zentrales Thema dieser Ta­gung an: die Überalterung unserer Gesellschaft. Im Jahr 2030 sei jeder Dritte im Lande über 60 Jahre alt. Das wirke sich deutlich auf das Konsumverhalten und damit auch auf die landwirtschaftliche Erzeugung aus. Weiterer Schwerpunkt der folgenden Fachforen der Veranstal­tung befassten sich daher mit der Demografie und den Folgen, insbesondere für den ländlichen Raum. Darüber berichten wir nächsten LW 27/2009.

Landwirtschaft in Hessen

Ein charakterisierendes Bild der Landwirtschaft in Hessen gab der Leiter des Landesbetriebes Landwirtschaft Hessen, Direktor Andreas Sandhäger. Eine Botschaft seiner Ausführungen lautete, dass der Strukturwandel in der Landwirt­schaft im Rhein-Main-Ballungsraum dem in den periphe­ren Regio­nen Hessens rund 20 Jahren voraus eile. Kennzeichnend für ihn ist dabei der hohe Anteil (67 Prozent) von Haupt­erwerbs­be­trieben in Stadtnähe, hingegen hessenweit betrachtet der Anteil der Nebenerwerbsbetriebe (NE) bei 67 Prozent liege (in der Bundesrepublik: 55 Prozent NE). Der Pacht­flächenanteil der Haupterwerbsbetriebe sei mit 64 Prozent vergleichsweise hoch. In den vergangenen Jahren seien 46 Prozent der Investitionsmaßnahmen im Rahmen des AFP für Milchvieh eingesetzt worden. In der Mast­schwei­ne­haltung sei Hessen strukturell sehr schwach aufgestellt. Vergleichsweise gut allerdings in der Sauenhaltung. Moe