Vierbeinige Laubarbeiter

Schafe – als Weinbergsarbeiter – entblättern die Traubenzone

Wer an Schafe in Zusammenhang mit Wein denkt, wird zuerst auf die Kombina­tion eines edlen Rotweines mit einer leckeren Lammkeule kommen. Dass Schafe im Weinberg zur Verrichtung sinnvoller Arbeiten brauchbar sind, werden die meisten wohl eher als Aprilscherz empfinden. Trotzdem ist an der Sache was dran, und man ist darauf – wie so oft im Leben – durch einen Zufall gekommen.

Die Entblätterung der Traubenzone durch Schafe ist mehr als nur ein Werbegag. Heidschnucken oder Merinos sind problemlos möglich. Eine Herde mit 20 Tieren braucht für einen Hektar Reben im Juli vier bis fünf Tage.
Foto: Hill

Vor einigen Jahren büchste von einer dürren Weide in Neuseeland eine Schafherde aus und machte sich gleich nebenan über eine saftig-grüne Rebanlage her. Als der Winzer von der Sache Wind bekam, war nichts mehr zu retten: Die Schafe waren bereits mehrere Tage am Fressen und die Reben waren im unteren Bereich ziemlich kahl. Aller­dings präsentierte sich beim genaueren Hinschauen statt des erwarteten Totalverlustes eine ausgesprochen gepflegte Anlage. Die Schafe hatten nämlich die noch sauren Trauben verschont und lediglich die Blätter im unteren Bereich der Laubwand sauber abgefressen. Seither arbeiten etliche Weingüter in Übersee mit Schafen als „Entblätterungsmaschinen“ und berichten ausführlich im Internet darüber, was bei den Weinkun­den auf sehr positive Resonanz stößt.

In Rheinhessen kam das Weingut Bossert in Gundersheim auf die Idee Versuche mit Schafen zur Traubenzonen­entblätterung durchzuführen. Bereits 2007 experimentierte Bossert mit Heidschnucken. Die Ergebnisse waren von der Arbeitsqualität her hervorragend, da die Schafe bei jeder Erziehungsform, auch in sehr breiten Laubwänden sämtliche Blätter bis in die Kopfhöhe der Tiere exakt abzupften, aber die Trauben nicht anrührten.

Können Schafe ganzjährig im Weinberg gehalten werden?

Es wäre eine tolle Sache, wenn Schafe ganzjährig im Weinberg gehalten werden könnten, vor allem in Lagen mit Seitenhang, Querterrassen oder im Steilhang. Die Bekämpfung von Beikräutern an den Böschungen und auch das Abmulchen von Begrünun­gen könnte dann entfallen. Bei den gängi­gen Erziehungs­formen ist die Stammhöhe allerdings zu niedrig, um zu ver­hindern, dass die Tiere bereits im Frühjahr den gesamten Austrieb abfressen. Eine Beweidung mit Schafen wird örtlich in der Pfalz von Wanderschäfern bis kurz vor dem Rebaustrieb praktiziert. Danach müssen die Schafe aber raus aus den Weinbergen. Keine Probleme gibt es bei höheren Umkehr­erziehungen oder dem Minimal­schnitt. Dort übernehmen die Schafe sowohl die Begrünungspflege als auch das Entfernen der Wasserschosse und der her­ab­hängenden Triebe. Allerdings ist in höher gezogenen Erziehungen eine Ent­blätterung der Trauben­zone nicht möglich. Unbedingt ist darauf zu achten, dass die Tiere genügend Mineralfutter erhalten, sonst beginnt die Herde mit dem Schälen der Rinde am Stamm.

Welche Rassen und was schafft ein Schaf am Tag?

Grundsätzlich sind fast alle Rassen geeignet. Alle Schafe lieben Reblaub und ziehen dies dem Gras vor. Sehr kleine Schafe mit niedriger „Kopfhöhe“ hat die Shropshire-Rasse. Da die Tiere die Rinde nicht verbeißen, werden sie gerne eingesetzt zur Pflege von Christbaumplantagen. Nicht geeignet sind Schafrassen, wie das Kamerunschaf, die sich auf die Hinter­beine stellen und so auch höchste Triebe erreichen können. Heidschnucken oder Merinos sind prob­lem­los möglich. Je nach Gewicht der Tiere, variiert die tägliche Futteraufnahme. Eine Herde von 20 Heidschnu­cken braucht für die Trauben­zonen­ent­blätte­rung von einem Hektar Reben im Juli vier bis fünf Tage. Wer maxima­le Leistung möchte, sollte vor dem Ein­treiben der Schafe die Begrünun­gen knapp mulchen, um alternative Futter­quellen zu minimieren.

Was ist zu tun, bevor Schafe zum ersten Mal in Rebanlagen gelassen werden? Schafe sind recht sensible Tiere. Es empfiehlt sich daher, der Herde vorher geschnittenes Reblaub zu geben, damit sich die Tiere an die neue Kost gewöhnen. Im Weinberg selbst ist auf eine hinreichende Einzäunung, möglichst mit einem Elektro-Weidezaungerät zu achten.

Je größer die Fläche ist, umso weniger werden die Schafe versuchen, die Rebanlage zu verlassen. Hanglagen mit Ausblick sind zum Eingewöhnen am besten. Nach den Erfahrungen des DLR Oppenheim ist eine Einstellung von Schafen ab Erbsengröße der Beeren bis zum Zeitpunkt, an dem erste Beeren beginnen süß zu schmecken, ohne Schäden möglich. Ehe die Schafe eingetrieben werden, sollten nur Fungizide zum Einsatz kommen, die im Gemüsebau mit kurzen Wartezeiten zugelassen sind. Damit ist ein Schutz gegen Peronospora und Oidium zu gewährleisten.

Gibt es Einschränkungen beim Pflanzenschutz?

Schafe lieben Reblaub, verschmähen aber die noch sauren Trauben, sodass sie zwischen Schrotkorngröße der Beeren bis Mitte August zum Entblättern der Traubenzone gut eingesetzt werden können.
Foto: Hill

Eine Besonderheit bei Schafen ist ihre extrem hohe Empfindlichkeit gegen Kupfer, das bei den meisten anderen Haustieren ja bekanntlich sogar noch im Mineralfutter zusätzlich beigefüttert wird. In kupferbehandelten Reben sollten Schafe daher nur kurzzeitig fressen. Insofern sind Öko-Anlagen als Dauerweide weniger geeignet.

Wie wirkt die Entblätterung durch Schafe auf den Botrytisbefall? Grundsätzlich mindert jede Verbesserung der Belichtung der Trauben ab Erbsengröße der Beeren die Neigung zum Aufplatzen in der Reifephase und härtet auch die Deckgewebe gegen Pilzbefall ab. 2008 stellte das DLR in Oppenheim durch die Entblätterung mit Schafen bei Riesling sogar einen etwas besseren Wirkungsgrad fest im Vergleich zur Entblätterungsmaschine. Die Erklärung dafür liegt in der Arbeitsqualität begründet. Schafe arbeiten genauso wie die Entblätterung von Hand, während die meisten Entblätterungsmaschinen die Laubwand nur äußerlich abzupfen und Blätter im Inneren sowie Verdichtungen im Laub durch Doppeltriebe erhalten bleiben.

Werden zukünftig Schafe einen Teil der Entblätterungsmaschinen ersetzen?

Natürlich ist in den Schafen keine Konkurrenz zu den Entblätterungsmaschinen zu sehen, es sei denn, es würde sich um exotische Erziehungen wie die Lyra-Form handeln. Die biolo­gi­sche Methode mit Schafen kann aber für einzelne Weingüter, die Hobbyschafhaltung betreiben oder Schäfer in ihrer Nähe haben, ein Grund sein, sich damit zu beschäftigen. Denkbar sind Weingüter, welche das positive Image der Tiere werbewirksam nutzen möchten, denn Schafe stehen für sanften, umwelt­bewussten Umgang mit der Natur.

Abgesehen davon ist Fleisch von „Weinbergslämmern“ ein attraktives Endprodukt. Das Beispiel Rhönlamm zeigt, dass daraus durchaus eine regionale Spezialität entwickelt werden könnte. Ob die vielen gesundheitsförderlichen Inhaltsstoffe des Reblaubes sich im Lammfleisch wiederfinden, bleibt ebenso wie deren geschmacklicher Einfluss auf das Fleisch noch zu erforschen. Georg Hill,DLR R-N-H Oppenheim

Damit die Entblätterung durch Schafe gelingt

Salzlecksteine verhüten Verbiss der Rinde (vor allem bei Heidschnucken) Absicherung durch Elektrozaun optimale Tränke vor Auftrieb Grasnarbe mulchen vor Aufrieb nur Pflanzenschutzmittel mit kurzer Wartezeit 20 Schafe entblättern in vier Tagen einen Hektar Reben, so die Erfahrung im Jahr 2008 Arbeitsqualität war besser als die Handentblätterung mit 80 Akh (600 Euro/ha) Botrytiseffekt wie bei früher Maschinenentblätterung. Hill