Streuobst in aller Munde

Modetrend oder eine Rückbesinnung auf alte Traditionen?

Wenn man sich die Obstbaumzucht – so die ältere Bezeichnung für Obstanbau – in früheren Zeiten des vorigen Jahrhunderts und davor ansieht, ist festzustellen, dass es bereits in diesen Zeiten intensive Formen der Obstbaumzucht wie Spalierbäume bei Birnen und Tafelpfirsichen gab; daneben aber Obsthochstämme in größeren Gärten und in der freien Landschaft angepflanzt waren.

Obsthochstämme besitzen einen landschaftsprägenden Charakter. Aus dieser Erkenntnis wurden damals vorrangig an Straßen und Feldwegen Obstbaumreihen oder -alleen gepflanzt, die auch obstbaulich gepflegt und genutzt wurden. Und heute? Wir erleben eine Renaissance des Anbaues von Obsthochstämmen. Zwar standen in den 70-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts die naturschutzfachlichen Aspekte zur Rettung der Streuobstbestände im Vordergrund; doch heute ist die Nutzung stark gefragt und erfährt eine steigende Tendenz. Die Streuobst­initiativen in Rheinland-Pfalz haben den Trend früh aufgegriffen und durch die Apfelsaftprojekte mit naturtrübem Apfelsaft aus Streuobstwiesen wesentlich für deren Erhalt beigetragen.

China ist weltweit Apfellieferant Nr. 1

Die Keltereien bedienen sich „der Rohstoffe“, wobei es für sie unerheblich ist, wo das Obst herkommt. Für den Verarbeiter ist der Preis, der vom Weltmarkt bestimmt wird, wichtig. Der preiswerteste Rohstofflieferant für Äpfel ist zur Zeit China und bestimmt somit den Weltmarktpreis. Die aus Konzentrat hergestellten Apfelsäfte finden wir beim Discounter. Mit 6 Euro/dt – Preis vom Herbst 2008 – sind die Streuobstbaumbesitzer für ihr Obst aus heimischer Region benachteiligt. Die Bereitschaft des Baumbesitzers, seine Obstbäume weiter zu pflegen, ist daher meist nicht groß und notwendige Neupflanzungen unterbleiben oft.

Auch die Streuobstinitiativen spüren die Importe der Konzentrate aus dem Ausland. Um die Pflege und damit dem Erhalt der Streuobstbestände zu gewährleisten, haben die meisten Streuobstinitiativen das sogenannte Aufpreismodell eingeführt. Damit werden höhere Preise für das Obst gezahlt.

Diese geschilderten Problematiken sind dem Verbraucher zumeist nicht bekannt. Und es trifft nicht nur Apfelsaft aus Streuobstwiesen, sondern auch das Tafelobst aus heimischer Produktion aus dem Erwerbsobstanbau. Tafeläpfel aus Chile, Süßkirschen aus der Türkei, Erdbeeren aus Israel – verrückte Welt? Nein. Es handelt sich um die Auswirkungen der EU und der Verträge um den freien Warenverkehr innerhalb der EU sowie der Verträge mit Nicht-EU-Ländern. Das heimische Obst ist einem harten Konkurrenzkampf ausgeliefert.

Äpfel aus der Region liefern Kulturlandschaft mit

Was ist zu tun? Die Streuobstinitiativen mit ihrer Aufpreisvermarktung haben im Prinzip den richtigen Ansatz. Um jedoch die Streuobstprodukte, in erster Linie Apfelsäfte, am Markt richtig zu positionieren, bedarf es neuer Vermarktungsstrategien. Dazu gehören die Veredlung und Erweiterung der Produktpalette und gezielte Verbraucherinformationen. Mit dem Kauf von Direktsaft aus heimischem Streuobst soll das Bewusstsein in unseren Köpfen für den Erhalt unserer Kulturlandschaft erreicht werden. Eine weitere Überlegung ist, inwieweit über eine gemeinschaftliche Vermarktung mit einer regionalen Dachmarke die Vermarktung intensiviert werden könnte. Hier gibt es positive Beispiele aus anderen Regionen wie die Marke „Schneewittchen“, aus dem Calw-Enz-Freudenstadtkreis.

Die Grundidee einer gemeinsamen Vermarktung wird von den Streuobstinitiativen positiv gesehen. Das gute Modell aus Baden-Württemberg kann auf Rheinland-Pfalz oder Hessen übertragen werden, wobei die regionalen Strukturen zu beachten sind. Hindernisse können in den oft zu kleinen Streuobstbeständen bestehen, die häufig zu weit auseinander liegen, was die Logistik erschwert. Hinzu kommt, dass die Streuobstbestände überaltert sind und der „Mittelbau“, also 30 bis 40-jährige Bäume, bei uns weitestgehend fehlen. Für ein Vermarktungskonzept werden Planungssicherheiten benötigt. Wenn die Altbäume aus Altersgründen „wegbrechen“ kann es ein Problem geben, denn die jüngeren Streuobstanlagen können die Tonnagen nicht erbringen.

Des Weiteren unterliegen die Altbestände der Alternanz, sodass die Bäume nicht jedes Jahr denselben Ertrag liefern und es Jahre gibt, in denen es kein Obst gibt. Diese Alternanzen erschweren die Belieferung an die Verarbeiter sowie die Planung in der Vermarktung. Aus pflanzenbaulicher Sicht ist festzustellen, dass es noch viele Altbestände gibt, die einer dringenden Pflege bedürfen. Der Sanierungsschnitt ist jedoch eine spezielle Schnittmaßnahme, die nur von Fachleuten des Streuobstanbaus durchgeführt werden sollte. Es gilt diese Altbestände zu erhalten und sie wieder der Nutzung zuzuführen. Bei Neupflanzungen muss festgestellt werden, dass vielfach das Know how fehlt und die Jungbäume vor sich hinvegetieren. Besonders bei Ausgleichsflächen der Kommunen und des Landesbetriebes Mobilität (LBM) wurde in der Vergangenheit rein naturschutzfachlich gedacht.

Wir brauchen Neupflanzungen mit fachgerechter Pflege, um so die Kulturlandschaft Streuobst zu erhalten. Mit den Neupflanzungen tragen wir zum Erhalt alter Sorten und des Landschaftsbildes bei. Hier sollten die Förderungen der Landesregierung über PAULa und „Mehr Grün durch Flurbereinigung“ im Anschluss an Bodenordnungsmaßnahmen genutzt werden. Die Obsthochstämme werden zwar nicht ihre frühere Bedeutung erlangen, doch unsere Landschaften brauchen Streuobstbäume. Hierzu kann jeder beitragen. Es besteht eine Chance das Obst zu vermarkten. Über die Nutzung und Vermarktung werde derzeit nachgedacht. Johann Schierenbeck, DLR RNH Bad Kreuznach