Knapp vorbei an Rekordernte

Bauernverband schätzt Getreideernte auf rund 50 Mio. Tonnen

Deutschlands Ackerbauern können mit der diesjährigen Getreideernte, nicht aber mit dem aktuellen Preisniveau zufrieden sein. Laut dem Erntebericht des Deutschen Bauernverbandes (DBV), den DBV-Präsident Gerd Sonnleitner am vergangenen Freitag in Berlin vorstellte, brachten die Landwirte schätzungsweise 49,95 Mio. t Getreide einschließlich Körnermais ein; das sind 0,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Der langjährige Durchschnitt wird damit um 8,0 Prozent übertroffen.

DBV-Präsident Gerd Sonnleitner infor­mier­­­­te vergangenen Freitag in Berlin über die Getreideernte 2009.
Foto: DBV

Die Erntemenge an Winterwei­zen bewegt sich laut Schätzung mit 25,73 Mio. t minimal unter dem guten Vorjahresniveau, was auf leichte Ertragseinbußen zurückzuführen ist. An Roggen hol­ten die Landwirte voraussichtlich 3,92 Mio. t vom Halm; das sind 4,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Produktion von Wintergersten er­höhte sich laut DBV-Schätzung um 6,8 Prozent auf 10,00 Mio t. Andererseits vermin­derte sich die Erzeugung an Som­mergerste um 14,6 Prozent auf 2,22 Mio. t, was bei leichten Ertragsverbesserungen ausschließlich auf eine starke Flächeneinschränkung zurückzuführen sei. Sonnleitner wertete dies als Reak­tion der Landwirte auf die schlech­ten Preise. Zufrieden können die Ackerbau­ern nicht nur mit dem Anbau von Halmgetreide, sondern auch mit dem Ergebnis bei Raps sein. Nach schwierigen Witterungsbe­din­gungen im Frühjahr bezeichnete der DBV-Präsident die über­durch­schnitt­lichen Ölgehalte und das erwartete Aufkommen von 5,93 Mio. t Raps als überraschend. Zuversichtlich ist der DBV vor dem Hintergrund des Witterungsverlaufs für die Kartoffel-, Zuckerrüben- und Maisernte.

Preise decken nicht die Produktionskosten

Sorge bereitet hingegen das Er­zeugerpreisniveau. „Die Getreide­preise aus der Ernte decken nicht mehr die Produktionskosten“, beklagte Sonnleitner und sprach von historischen Tiefstän­den bei den Erlösen. Zudem hät­ten hohe Preise für Energie- und Saatgut zu Belastungen auf den Betrieben geführt. Wegen der stark fluktu­ier­enden Preise verlangte er eine Krisenrücklage in der Steu­­erbilanz der Landwirte, eine so­genannte Risi­koaus­gleichs­rück­lage. „Über ein „Parken' von Ge­winnen aus gu­ten Jahren soll ein Anreiz zur be­trieblichen Rücklagenbildung gegeben werden, die dann in Kri­senjahren genutzt werden kann“, erläuterte der DBV-Präsident das Konzept. Vergleichbares sei bereits in der Forst- und auch in der Versicherungswirtschaft mög­lich.

Spitzenernte bei Weizen, Wintergerste und Raps

Ansatzpunkt für eine verbesser­te Risikovorsorge sind neben der schwierigen Lage am Milchmarkt unter anderem die in die Knie gegangenen Notierungen für Marktfrüchte. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahresni­veau sind die Erzeugerpreise für Brotweizen und Brotroggen Sonn­­­leitner zufolge um mehr als ein Drittel gefallen; bei Braugers­te und Raps wurden sogar Abschläge von rund 45 Prozent re­gis­triert. „Mit diesen Preisen wird die deutsche Braugerste ver­schwin­den“, warnte Sonnleitner. Der Anbau von Sommergerste war zur diesjährigen Ernte um fast 18 Prozent auf 448 100 ha ein­geschränkt worden und war damit das einzige wichtige Getrei­de, dessen Areal nicht ausgedehnt wurde. Hingegen hatten sich die Bauern auf 3,20 Mio. ha für Win­terweizen entschieden; das waren 1,2 Prozent mehr als zur Ernte 2008. Aufgrund von leichten Ertragsrückgängen um 1,1 Prozent auf 80,4 dt/ha erhöhte sich die Erntemenge laut DBV-Schätzung aber nur leicht. Die Rekord­produktion an Wintergerste war hingegen sowohl von einer Flä­chen­ausweitung um 3,2 Prozent auf 1,46 Mio. ha wie auch von einer Ertragssteigerung um 3,3 Prozent auf 68,3 dt/ha getragen. Das galt auch für den Raps, wo eine Verbesserung des Flä­chen­er­geb­nisses um 8,3 Prozent auf 40,8 dt/ha ebenso zu der Spit­zen­ernte beitrug wie eine Vergrößerung des Anbauareals um 6,5 Prozent auf 1,45 Mio ha.

Risikovorsorge staatlich unterstützen

Zu der schwierigen Lage auf vielen Betrieben haben neben den schlechten Preisen auch die hohen Betriebsmittelkosten geführt. Hier sieht Sonnleitner den Hebel für eine steuerlich geförder­te bessere Risikovorsorge. „Die Bau­ern müssen sich auf Preisschocks bei Produkt- und Betriebsmittelpreisen, aber auch auf Wechselkursänderungen einstellen“, stellte der DBV-Präsident fest. Angesichts der Wetterkapriolen in vielen Regionen wies er auf die Bestrebungen von Versicherern hin, einen erweiter­ten Versicherungsschutz auch für Frost, Auswinterung, Sturm und Starkregen anzubieten. Proble­me mache jetzt der Bun­des­finanz­minister, der für diese neuen Versicherungselemente eine Versicherungsteuer von 19 Prozent verlangen wolle. Die­se Steuerlast wäre je nach Einzel­fall zwischen fünf und 20 mal so hoch wie bei der Hagelversicherung. „Das können wir nicht ak­zep­tie­ren“, unterstrich Sonnleitner. Kei­ne Priorität haben für ihn etwaige stärkere staatliche Zu­schüsse zu Ertragsschadenver­sicherungen, „vor allem dann nicht, wenn im Gegenzug wieder einmal die EU-Direktzahlungen gekürzt werden.“

Entwicklung auf den Märkten beobachten

Angesichts des Abrutschens der Erzeugerpreise in der Ernte empfiehlt der DBV den Landwir­ten, die Märkte zu beobachten und - wenn möglich - einen späte­ren Verkauf des eingelagerten Getreides in Betracht zu ziehen. Es bestehe die Hoffnung, dass sich der Getreidemarkt im Herbst und Winter wieder stabi­lisiere, zeigte sich Sonnleitner zuversicht­lich. Faktoren für einen möglichen Preisauftrieb sind für ihn kräftige Ertragseinbußen auf dem Balkan und in Spanien, die dazu führen sollen, dass die Getreideernte in Europa in diesem Jahr kleiner ausfällt als vor einem Jahr. Auch weltweit werde eine kleinere Ernte als 2008 erwartet, was weiter auf gute Chancen im Getreideexport hoffen lasse. Der DBV-Präsident unterstützt die Nutzung nachwachsen­der Rohstoffe in Tank, Kesseln und Vergärern. „Wir Bauern können froh sein, dass wir die Bioenergie haben, sonst wäre die Situation noch schlimmer. Wir brauchen diesen Verwertungszweig“, sagte Sonnleitner. age