Geeignetes Pflanzmaterial für Birnen

Hohe Anforderungen an die innere Baumqualität

In den zurückliegenden Jahren wurden in einigen europäischen Staaten viele neue Birnen­anlagen erstellt. In Belgien und den Niederlanden stand diese Entwicklung in engem Zusammenhang mit dem stabilen Marktwert der Sorte Conference. Die meisten Neuanlagen wurden dabei in Form von Heckensystemen erstellt. Sie besitzen vor allem mit Conference Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Spindelsystem, setzen aber spezifische Ansprüche an das Pflanzmaterial und spezielle Verfahren der Baumanzucht voraus, die im Folgenden erläutert werden.

Ein optimal verzweigter Knipbaum - eher eine Ausnahme beim heutigen Pflanzenmaterial.
Foto: Gerhard Baab

Prinzipiell gelten für das in Verkehr bringen von Birnenjungbäumen die gleichen Rechtsgrundlagen wie für Äpfel, nämlich die EU-Richtlinie 2029, die in den jeweiligen Ländern in unterschied­liche Verordnungen einfloss, in Deutsch­land in die Anbaumaterialverordnung (AGOZV) von 1998. In ihr sind verbind­liche Mindestanforderun­gen zur Pflanzengesundheit festgelegt, die bei einer Vermarktung innerhalb der EU erfüllt sein müssen. Die Verordnung unterscheidet zwischen Standardmaterial (CAC-Material) und Zertifiziertem Material (Anerkanntes Material).

Das sogenannte CAC-Material (Conformitas Agraria Communitatis) erfüllt lediglich die absoluten Minimalanforderungen an die Qualität eines Baumes. Er muss „hinreichend sortenecht“ sein, frei von sichtbaren Schäden und Krankheiten. Es kann jedoch durchaus mit allen nicht sichtbaren Virosen und/oder Phytoplasmen befallen sein, die in Tabelle 1 aufgeführt sind.

Auf solche Qualitäten sollte sich kein professioneller Obstbauer einlassen. Für den Erwerbsanbau kommt nur aner­kanntes, zertifiziertes Pflanzmaterial in Frage. Als zertifiziert virusfrei darf nur das Pflanzmaterial deklariert werden, welches sortenecht ist und frei von allen Virosen, die in der Anbaumaterialverord­nung genannt werden, das heißt auch von latenten Viren. Vermehrungsmaterial, das noch einen Befall mit latenten Viren aufweist, ist mit dem Hinweis virusgetestet (vt) gekennzeichnet. Zerti­fiziert virusgetestetes Pflanzenmaterial muss bei Birnen frei sein von Ringflecken­mosaik, Adernvergilbung, Steinfrüchtigkeit sowie Birnenverfall.

Pflanzmaterial für Spindelerziehung

Nach wie vor ist die pyramidal aufge­baute Spindel als Baumform weit ver­brei­tet, weil sie gute Voraussetzungen für ausreichend gute Licht­verhältnisse bietet. Es ist vorteilhaft wenn der Jungbaum pyramidale Wuchspropor­tionen aufweist. Der Durchmesser des Stammes bis zur Baummitte und Spitze sollte sich deutlich verjüngen, im Ideal­fall im Verhältnis von 4:2:1. Um einen ergonomisch günstigen Aufbau zu ge­währ­leisten, sollten die Seitenäste beim Jungbaum in geeigneter Höhe inseriert sein.

Das bei Birnen charakteristische starke Wachstum der Mitte kann beruhigt werden wenn, quasi als Gegengewicht, auf ein ausreichend vitales Grundgerüst­system geachtet wird. Damit die Gerüst­äste nicht allzu rasch an Wuchskraft verlieren ist es ratsam sie schräg-steil, im 60° Winkel zu formieren. Sie können daher bereits ab 60 bis 65 cm Stammhöhe abgehen, nicht wie bei Apfelbäumen erst ab 80 cm Höhe. Leider besitzen Birnen eine vergleichsweise mäßige Verzweigungsneigung, vor allem im unteren Baumbereich. Insofern ist der Baum zeitlebens auf die vorhandenen Gerüstäste angewiesen. Gerade deshalb ist beim Baumkauf auf eine Mindestzahl von vier gleich starken Seitentrieben zu achten, die gleichmäßig um den Baum angeordnet sein sollten. Wer an dieser Stelle spart muss über Jahre hinweg Ertragslöcher einkalkulieren und mit bewirtschaften. Zur Fixierung der Äste im richtigen Winkel und Abstand haben sich in der Praxis Jochsysteme als Formierungshilfen bewährt.

Derzeit wird in den meisten Baum­schu­len bei Birnen mit Quitte C/Adams auf 10 cm Höhe veredelt. Höhere Vered­lungen könnten zwar das Wachstum der Bäume erheblich bremsen, würden jedoch die Frostanfälligkeit der Quitten­unterlagen zusätzlich verstärken. Ledig­lich mit der etwas frosthärteren Quitte A und Quitte BA 29 sind Veredlungshöhen von 15 bis 20 cm vertretbar und wünschenswert.

Zweijährige Büsche

Das klassische Vermehrungsmaterial für Birnen stellen in Deutschland zweijährige Büsche dar. Sie sind normalerweise basisbetont aufgebaut und schützen so die Bäume vor der gefürchteten Überbauung. Das Pflanzmaterial sollte ab 60 cm Höhe vier bis fünf starke Sei­ten­triebe besitzen (= einjährige + vorzeitige), die gleichmäßig um den Baum in einer Zone von 30 bis 40 cm angeordnet sind. Zweijährige Bäume werden entweder aus Winterhandveredlungen angefertigt oder aus einjährigen Veredlungen. Für die Anzucht klassi­scher Spindeln werden sie im Winter nach ihrer ersten Vegetationsperiode, in Abhängigkeit von ihrer Stärke und der Internodienlänge, auf 80 bis 95 cm zurückgeschnitten. Ziel der Maßnah­me ist es, möglichst viele Austriebe ab einer Stammhöhe von 60 bis 65 cm zu gewinnen. Die zwei bis drei direkt unter der Terminalen befindlichen Knospen werden dabei geblendet und vorzeitige Triebe auf Zapfen zurückgesetzt.

Zwischenveredlung hilft Unverträglichkeiten vorzubeugen

Zwischen Quittenunterlagen und eini­gen Edelsorten können Unverträglichkeitssymptome auftreten, die sich in vorzeitiger Herbstfärbung der Blätter, bis hin zu starken Wuchsdepressionen ausdrücken können. Bei virusinfizier­tem Material kommen Unverträglichkeitserscheinungen besonders häufig und ausgeprägt vor. Nicht zuletzt deswegen sollte beim Baumkauf allergrößten Wert auf zertifiziertes, virusfreies Material gelegt werden. Des Weiteren können Stresssituationen, wie Hitze und Trockenheit, Symptome auslösen und verstärken. Die eigentliche Ursache liegt jedoch in der unterschiedlichen gattungsmäßigen Zugehörigkeit der Veredlungspartner (Pyrus communis- Cydonia oblonga). Die Birnensorten sind diesbezüglich unterschiedlich anfällig. Williams Christ, Boscs Flaschenbirne, Abate Fetel möglicherweise auch XeniaR zählen zu den unverträglichsten Sorten. Sie benötigen eine Zwischenver­edlung mit einer gut verträglichen Sorte, zum Beispiel mit Gellerts Butterbirne, Vereinsdechantsbirne, Gute Luise oder Schraderhof.

Die als Zwischenveredlung gewünsch­ten Sorten (meist Gellerts oder Vereinsdechant) werden normalerweise im Winter kopuliert. Im darauf folgenden August wird bei einer Höhe von 60 bis 65 cm das Edelauge okuliert oder gechipt. Im Folgejahr treibt die Edelsorte aus, verzweigt sich von selbst oder wird durch Rückschnitt zum Austrieb aus Seitenaugen gezwungen. Einige Baumschuler kopulieren im Winter Zwischenveredlung (2 Internodien) und Edelsorte (1 bis 2 Internodien) in einem Arbeitsgang. Dies geschieht teilweise sogar maschinell mit Hilfe von Veredlungsmaschinen (Gegenzungen). Durch diese Methode der Doppelveredlung gewinnt man viel Zeit, genau genommen eine Vegetation. Aus Zwischenveredlungen lassen sich klassische Büsche (Anschnitt 80-90 cm) oder Knipbäume (Anschnitt 70 + Anzucht aus einem Auge) anfertigen.

Wer gutes Baummaterial haben möch­te, muss die Anzucht rechtzeitig schriftlich in Auftrag geben, einschließlich klarer Angaben über Sorte, Virussta­tus, Unterlage Veredlungshöhe, Zwi­schen­veredlung sowie Anzahl, Anord­nung und Qualität der Seitentrie­be.

Heckensyteme anstatt schlanken Spindeln

In den zurückliegenden Jahren haben sich neben der schlanken Spindel auch andere Baumformen erfolgreich etabliert, insbesondere die Heckensysteme mit schräg oder vertikal angeordneten Schenkeln. Der Vorteil der 4-, 3- und 2- Asthecken liegt in der tendenziell besseren Lichtausnutzung, dem geringe­ren Wachstum der einzelnen Schenkel und den arbeitswirtschaftlich günstigeren Einzelbaumbestandteilen. Denn nahezu alle relevanten Baumarbeiten (Schnitt, Ausdünnung, Ernte) sind, im Vergleich zur herkömmlichen Spindel, überschaubarer, gleichmäßiger, einfacher und zeiteffizienter durchführbar. Mittlerweile achtet man auch bei den Hecken auf ein schwaches Gerüstsystem, um einerseits das Wachstum der einzelnen Leittriebe zu bremsen und andererseits einen zusätzlichen Ertrag in optimaler Erntehöhe mitzunehmen. Die Heckensysteme stellen spezifische Ansprüche an das jeweilige Pflanzmate­rial. Während in Belgien und den Nie­der­landen für oder 4- Astecke (= Mika­do­system) bereits Qualitätsstandards für Jungbäume existieren, muss man sich das Pflanzmaterial für Flachhecken mehr oder weniger zusammenschustern. Speziell für solche Hecken bietet der Bi-Baum interessante Perspektiven. Hinsichtlich Unterlagen, Veredlungshöhen und Zwischenveredlungen gelten die gleichen Prinzipien wie bei Spindeln. Eine leicht verminderte apikale Wuckskraft der Bäume muss (darf) jedoch einkalkuliert werden, da sich das vegetative Potenzial der Unterlage auf mehrere Schenkel aufteilt.

Pflanzmaterial für V-Hecken – Mikadosystem

In Belgien und den Niederlanden hat seit Jahren längst die V-Hecke oder 4-Asthecke erfolgreich Einzug in die Praxis gehalten. Ihre Ertragsleistung übersteigt, vor allem mit Conference, alle anderen Erziehungssysteme. Die dafür vorgesehenen Bäume werden in der Baumschule nach dem ersten Vegeta­tions­jahr auf 65 cm zurückgesetzt, um ab 50 cm Stammhöhe möglichst vier gleichlange (>80 cm) Seitentriebe zu erzeugen, die dann bei der Pflanzung an vier schräge Tonkingstäbe formiert werden. Das dazu erforderliche V-Gerüst wird vorher erstellt, wobei die Tonkingstäbe im Abstand von 50 cm angebracht werden. Bei der Pflanzung wird die zwischenzeitlich neu entstandene Baummitte auf einen kleinen Zapfen zurückgesetzt. Dieser wird im darauf fol­genden Jahr vollständig entfernt.

In Italien, Frankreich und Belgien findet man unter den Neuanlagen vermehrt Flachhecken im Y-, Bi- oder Kandelaar-System. In Versuchs- und Praxisbetrieben erzielte man mit diesen Erziehungssystemen nicht nur hohe Erträge sondern auch besonders gute Qualitäten. Sie vereinen die generative Leistungsfähigkeit und die Wuchsvorteile der Hecke mit arbeitswirtschaftlich interessanten Optionen. Im Gegen­satz zu V-Hecken lassen sich Flachhecken mechanisch schneiden, ausdünnen oder ernten, falls dazu in Zukunft brauchbare Techniken vorliegen. Diesem Umstand sollte, gerade bei der sehr langlebigen Birnenkultur, bereits heute bei Neupflanzungen Rechnung getragen werden.

Pflanzmaterial für drei- und zweiarmige Hecken

Die für Flachhecken erforderlichen Bäume können in der Baumschule in ähnlicher Weise vorbereitet werden wie Jungbäume für V-Hecken, das heißt sie werden nach dem ersten Vegetationsjahr auf 65 cm zurückgesetzt. Aus den darunter entstehenden Seitentrieben können zwei oder drei gleichlange und -starke (>80 cm) ausgewählt werden, die später im Abstand von 50 bis 60 cm vertikal an Tonkingstäbe formiert werden. Die zwischenzeitlich neu entstandene Mitte wird wie bei der V-Hecke zurückgebaut. Sie würde zeitlebens eine zu dominante Funktion einnehmen.

Zur Anzucht von Hecken sind durchaus auch zweijährige Büsche geeignet. Sie ermöglichen es ein leichtes Gerüstsystem beizubehalten. Die dazu in Frage kommenden Jungbäume sollten zwei (Zweiasthecke) oder drei (Kandelaar= Kerzenleuchter) gleichlange Seitentriebe aufweisen. Die Mitte muss bei der Pflanzung auf Zapfen abgesetzt (siehe V-Hecke) oder vollständig entfernt werden. Die zwei oder drei Schenkel müssen nun an vertikale Stäbe fixiert werden, die vorher im Abstand von 50 cm (Kandelaar) oder 60 cm (Zweiasthecke) an einem Drahtgerüst eingesetzt werden. Dazu werden die beiden seitlichen Schenkel schräg abgebunden und anschließend am Tonkingstab senkrecht festgebunden. Das Abbinden der Seitenschenkel sollte nicht ganz waagerecht erfolgen, um ausreichend Vitalität in den Ästen zu erhalten. Unter ungünstigen Wachstumsbedingun­gen schließen sie ansonsten zu früh mit dem Wachstum ab.

In Italien werden für Zwei-Ast-Hecken vermehrt sogenannte Bi-Bäume genutzt. Bislang wurden zu deren Anzucht einjährige Winterhandveredlun­gen verwandt, die im folgenden Jahr 20 cm über der Veredlungsstelle angeschnitten wurden. Auf diese Weise entstehen zwei starke aber nicht immer gleichmäßige Achsen. Mittlerweile werden Bi-Bäume hauptsächlich durch Doppelokulation (Chip) vermehrt, wodurch beide Achsen gleichmäßiger wachsen. Die beiden Schenkel werden nach der Pflanzung an vertikal eingesetzten Tonkingstäben im Abstand von 60 cm Abstand senkrecht nach oben formiert. Bei unvorsichtigem Arbeiten können sie dabei an der Okulationsstelle ausbrechen. Ansonsten steht bereits bei der Pflanzung eine fast fertige Zweiast­hecke mit einer Höhe von 1,50 bis 1,70 m, die am Ende des Pflanzjahrs eine Höhe 2,20 bis 2,50 m erreicht haben kann. Mit Hilfe dieses Baumtyps gelingt es relativ einfach und bequem zwei ruhige, schmale Kronen zu schaffen. Sogar mit etwas geringeren Baumzah­len pro Hektar lassen sich auf diese Weise durchaus gleich hohe Anfangserträge wie mit herkömmlichen Erziehungssystemen erzielen. Gerhard Baab, Kompetenzzentrum Gartenbau