Mehr Routine in der Klauenpflege

Waldeck-Frankenberger Rindertag über Probleme in der Praxis

400 Euro kostet dem Landwirt eine lahme Kuh im Stall wegen einer gerin­ge­ren Milchleistung, längeren Zwischenkalbezeit, der akuten Leistungsmin­derung sowie einer kürzeren Nutzungsdauer. Daher ist es sinnvoll, effektive Vorbeugung von Klauenerkrankungen zu betreiben. Wichtige As­pekte, die für die Klauengesundheit eine Rolle spielen, wurden auf dem Waldeck-Frankenberger Rindertag vorige Woche in Haina (Kloster) erörtert. Zentra­le Ergebnisse der Veranstaltung fasst Ute Ermentraudt, LLH, zusammen.

Bereits zum zehnten Mal fand dieser vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen und den landwirtschaftlichen Organisationen veranstaltete Waldeck-Frankenberger Rindertag statt. Über 200 Milchviehhalter fanden sich am Morgen im Dorfgemeinschaftshaus in Haina (Kloster) ein, um sich über Liegeboxengestaltung und Klauenpflege zu informieren. Am Nachmittag fand die Besichtigung der Betriebe Wagner und Löwer in Gemünden statt. Die Veranstaltung begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Steffen Hoy (Justus-Liebig-Universität Gießen) der zu den Anforderungen an eine Liegebox und die Auswirkungen unterschiedlicher Liegeboxengestaltungen referierte.

Zunächst stelle er das ABC des Kuhkomfort vor, das sich aus den englischen Wörtern air, bunk und comfort ableitet und die Anforderung der Kuh an gute Luft, eine gute Erreichbarkeit der Nahrung vom Liegeplatz aus und eine tro­cke­ne und weiche Liegefläche be­schreibt. Gerade der letzte Punkt ist, so Prof. Hoy, in vielen Ställen mit Hochboxen nicht oder durch die Alterung der Komfortmatratze auf der Liegefläche nach einigen Jahren nicht mehr gegeben. In der zunehmend rauer werden­den Oberfläche kommt es zu einer Keimanreicherung, es entstehen Verletzungen und immer mehr Kühe zeigen verdickte Karpal- und Tarsalgelen­ke. Eine verhältnismäßig einfa­che und kostengüns­tige Mög­­lichkeit, diese Si­tuation zu verbessern ist der Umbau der Hochbox in eine sogenannte Hoch­tiefbox. Durch das Anbringen eines Holzbalkens am Ende der Hochbox entsteht eine Trittschwelle, die das Aufbringen einer Einstreuschicht ermöglicht, zusätzlich kann bei Bedarf die Lie­ge­fläche durch Aufdübeln eines Flach­stahls am Ende der Box verlängert wer­den. Vorteile der Hoch­tiefbox gegenüber der Hoch­box stellte Prof. Hoy mit einer Un­­ter­suchung aus dem Jahr 2008 dar. Dabei wurden in einem Betrieb zeitlich parallel beide Systeme hinsichtlich des Liegeverhaltens, der Gelenk- und Klauen­gesund­heit sowie der Milch­leistung verglichen. Die Kühe in den Hochtiefboxen standen vor dem Ab­legen nur durchschnittlich 5,2 Mi­nuten in der Box, ihre Her­den­­gefähr­tinnen mit Hochboxen da­gegen 17,2 Minuten. Der Anteil der un­ter­bro­che­nen Abliegevorgänge reduzierte sich von 20,1 in der Hochbox auf vier in der Hoch­tiefbox. In Letz­te­rer wech­selten die Kühe auch häufiger ihre Liegeposition und blieben im Mittel fast 40 Minuten länger je Liegephase liegen, als in der normalen Hochbox. Zudem verbesserte sich in der Hoch­tief­box die Gesundheit der Gliedmaßen deutlich, die Tiere waren sauberer, fühlten sich durch den besseren Kuh­kom­fort wohl und gaben circa 1,3 Liter mehr Milch je Kuh und Tag.

Warten bis der Arzt kommt?

Absolute Ruhe herrschte auch, als Dr. Hans-Joachim Herrmann vom LLH in Wetzlar über „Klau­enpflege – Warten bis der Arzt kommt“ sprach. In seiner Einfüh­rung verdeutlichte er den anwesenden Milchviehhaltern die Bedeutung und die ökonomi­schen Konsequenzen von Klauenerkrankungen. Der Verlust je Lahmheit liegt bei etwa 400 Euro und über 10 Prozent der Abgänge gehen bundesweit auf das Konto von Klauenerkrankun­gen. Anschließend ging Dr. Herrmann auf die Unterteilung in septische und aseptische Erkrankungen ein. Zur Gruppe der nicht bakteriell bedingten aseptischen Klauenerkrankungen gehören zum Beispiel Klauenrehe und Limax. Zu den septischen Erkrankungen zählen bakteriell verkomplizierte Lederhautschäden, wie Sohlenwandgeschwüre oder das Rusterholz'sche Sohlengeschwür, aber auch Panaritium, Mortellaro und Klauenfäule, die als Faktorenkrankheiten mit bakterieller Genese einzustufen sind. Um eben nicht warten zu müssen bis der Arzt kommt, ist laut Dr. Herrmann die betriebliche Organisation der Klauenpflege notwendig. Dazu zählt, dass Eigenbestandspfleger einen Lehrgang zur Klauenpflege absolviert haben sollten und neben dem Wissen auch die notwendige Technik auf den Betrieben vorhanden ist. In diesem Zusammenhang ging er auch auf die richtigen Werkzeuge und deren korrekte Handhabung ein. Möch­te der Betriebsleiter die Klauenpflege selbst übernehmen, ist es sinn­voll, sich Routinen zu schaffen, das heißt beispielsweise alle Kühe kommen zum Trockenstellen und dann nochmals sechs Monate später in den Klauenstand. Fällt die Entscheidung zu Gunsten eines gewerblichen Klauenpflegers aus, dann gilt: es kommt nur der Beste an mein Kapital! Aber auch mit dem Klau­enpfleger muss ein fester Zeitplan ausgearbeitet werden und dem Betriebsleiter obliegt die Aufgabe dessen Arbeitsqualität zu kontrollieren, deshalb sind auch hier Kenntnisse der korrekten Klauenpflege unerlässlich. Hat der Betriebsleiter Zweifel an der Arbeitsqualität sollte der Klau­enpfleger darauf angesprochen werden, denn laut Dr. Herr­mann zeichnet sich ein guter Klau­enpfleger letztlich auch dadurch aus, dass er mit sich reden lässt.

Mortellaro-Prophylaxe

Im Abschlussvortrag berichtete Arnt Schäfers vom LLH in Korbach über die Praxiserhebung der Milchvieharbeitskreise zur Mortellaro-Prophylaxe. Verglichen wurde dabei der Zustand vor Beginn der Behandlung und drei Monate später. Grundlage war eine Bonitur der Klauen, bei der eine Unterteilung in vier Stufen von der gesunden Klaue bis zur stark erkrankten Klaue erfolgte. In verschiedenen Arbeitskreisbetrieben wurden für die Erhebung Klauenbäder und Reinigungsanlagen aufgebaut. Ein gutes Ergebnis erzielte das Trockenklauenbad mit einem Naturprodukt aus Calciumverbin­dungen und rutschhemmenden Mineralien. Dabei konnte der Anteil der Kühe mit starkem Befall von 1,1 Prozent auf Null und mit mittlerem Befall von 8,3 Prozent auf 0,6 Prozent reduziert wer­den, gleichzeitig stieg der An­teil von gesunden Kühen um fast 12 Prozent an. Auch eine Klauenspülanlage, bei der die Kühe durch eine Wanne gehen und das flüssige Klauenbad von hinten um die Klauen gespült wird kam zum Einsatz. Hier konnte der Anteil von gesunden Klauen um 8 Prozent gesteigert werden und die meisten Tiere der Herde hatten sich bis zur zweiten Bonitur um eine Stufe verbessert. Bei einer ebenfalls an der Erhebung beteiligten Klauensprühanlage werden die Klauen im Melk­stand mit einem Sprühnebel be­netzt. Bei diesem System waren zu Beginn lediglich 3 Prozent der Kühe ohne Befall und nach drei Monaten konnten 27 Prozent der Kühe bei der Bonitur als gesund bewertet werden.

Zwei Betriebe besichtigt

Nachmittags hatten die Land­wirte Gelegenheit, die Betriebe von Jürgen Wagner und Reinhard und Claudia Löwer in Gemünden-Herbelhausen zu besichtigen. Mehrere Hundert Milchbauern und Interessierte nutzten diese Möglichkeit zu einem Erfahrungs­austausch mit den Betriebsleitern über Vor- und Nachteile von Melkroboter oder informierten sich bei den zahlreich anwesenden Fir­men über verschiedene Bereiche der Milchviehhaltung und der Innen- und Außenwirtschaft.