Gemüsebau - in schwierigen Zeiten bestehen

Erzeugerpreise deckten bei Gemüse nicht annähernd Gestehungskosten

Der Pfälzer Gemüsebau wurde infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 mit der schwierigsten Gemüsesaison seiner jüngeren Geschichte konfrontiert. Die Erzeugerpreise deckten bei der überwiegenden Mehrzahl der Gemüseprodukte über lange Strecken der Saison auch nicht annähernd die Gestehungskosten. Mit zusätzlich rückläufigen Abnahmemengen ergibt sich eine erhebliche wirtschaftliche Schieflage in den Betrieben. Thema des 28. Pfälzer Gemüsebautages war deshalb die Frage wie diese schwierige Zeit zu bestehen sein wird.

Auch Hortigate war mit einem Stand beim Pfälzer Gemüsebautag vertreten.
Foto: Bettina Siée

Zu den rückläufigen Abnahmemengen stiegen gleichzeitig die Produktions­kosten in den Betrieben erheblich. Allein die Lohnkosten erhöhten sich von 2008 auf 2009 um über 16 Prozent und sie werden in den Folgejahren aufgrund der Tarifabschlüsse weiter kräftig steigen, erklärte Dr. Hans-Peter Lorenz, DLR Rheinpfalz. Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz, der Fachverband Gemüse im Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd und der Verein Ehemaliger Gartenbauschüler hatten zum 28. Pfälzer Gemüsebautag in das Palatinum Mutterstadt eingeladen, um die aktuellen Probleme zu analysieren und Lösungswege zu finden.

Lorenz beschrieb die Problematik der Gemüsesaison 2009: Die Marktmacht der Einkäufer im Lebensmittel­einzelhandel zwinge die innovativen Pfälzer Gemüsebaubetriebe zu besonders schnellem Wachstum und ständiger Lieferbereitschaft mit der Folge, dass bei „garantierter“ 100prozentiger Mengenabnahme zur Sicherstellung der Lieferbereitschaft und Erhalt der Listung beim Abnehmer mindestens 120 Prozent angebaut werden müssten. Dies führe zu erheblichen Übermengen am Spotmarkt mit dem Ergebnis, dass die Preise in den Keller gehen, vor allem bei europa- und deutschlandweit sehr guten Wachstumsbedingungen, wie 2009, wenn gute Aberntequote auf gesunkenen Verbrauch treffe. Fachleute zählten 2009 alleine elf Preissenkungs­runden im Lebensmittelhandel, der zudem von den preisaggressiven Dis­coun­tern dominiert wird. Das Fazit ist, dass die Umsätze im Lebensmitteleinzelhandel insgesamt zurückgegangen sind. Trotz niedriger Preise werde kein zusätzlicher Konsum generiert.

Bündelung statt unheilvolle Konkurrenz

Man müsse sowohl im Anbau, in der gesamten Betriebsorganisation und auf der Angebotsseite auf die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und auf die Ent­wick­­lungen bei der Nachfrageseite mit den richtigen Strategien reagieren, sagte Lorenz. Seit 1992 hat sich die rheinland-pfälzische Gemüseanbaufläche auf 18 200 ha verdoppelt und ist bei Zwiebeln und Feldsalat Marktführer. Es werde schwer die Erfolgsgeschichte weiterzuschreiben, aber das Potenzial sei im Gebiet vorhanden meinte Landwirtschaftsstaatssekretär Siegfried Englert. Er forderte: „Faire Preise für hochwertige Produkte und gute Arbeit.“ Es sei eine gemeinsame Aufgabe dem Verbraucher zu erklären, dass qualitativ hochwertige Produkte ihren Preis haben müssen. Englert appellierte an die pfälzische Gemüsebaubranche dringend Kooperationen zu bilden, zum Segen für die gesamte Region. Das bedeute eine strukturierte Angebotsbündelung der gewünschten hohen Qualität in großen und einheitlichen Mengen, verbunden mit einer Reduzierung der Produktionskosten. Gleichzeitig müssten sich die Gemüsebaubetriebe weiter­entwickeln und ihre Markt- und Kundenorientierung stärken. Englert sagte zu, das Land fördere den Gemüsebau weiterhin über das Versuchs- und Beratungswesen des DLR und die Finanzierung von Beregnungskonzepten.

Norbert Schindler, Präsident des BWV, beklagte die katastrophale Situa­tion der Gemüsebranche und kritisierte die QS-GmbH im Zusammenhang mit dem Thema Rucola letzten Sommer. Unter Krisenmanagement versteht Schindler etwas anderes. Außerdem mahnte auch Schindler, gemeinsam zu agieren und das Angebot zu bündeln.

Für die derzeit schlechte Situation im Gemüsebau nannte Franz Löffler, vom Verein Ehemaliger Gartenbauschüler Neustadt, etliche Ursachen. Zum Beispiel auch, dass durch die verzögere Ernte in den Mittelmeerländern die Ware später auf den Markt kam und dann mit deutscher Ware zusammentraf. „Früher gab es unter Geschäftspartnern ein Geben und Nehmen“, so Löffler, „das habe sich grundlegend geändert. Wenn heute der Preis nicht passt, wird ausgelistet. Der Blumenkohl ist aber erntereif und am nächsten Tag gibt es ihn zum halben Preis.“ Leider war es in diesem Jahr auch nicht möglich zwischen den Gemüsearten auszugleichen, die Preise waren überall unter den Gestehungskosten. Löffler sieht eine theoretische Lösungsmöglichkeit darin EU-weit weniger zu produzieren, aber das sei Wunschdenken.

Dr. Christian Bock, Landwirtschaftliche Rentenbank Frankfurt/Main erklärte, wie es zur Finanz- und daraus dann zur Wirtschaftskrise kam. „Aktuell übersteigen bei 23 Prozent der Hausbesitzer in den USA die Schulden den Wert des Hauses. Der Hausbesitzer gibt dann einfach seinen Hausschlüssel bei seiner Bank ab und hat sich so seiner Probleme entledigt“, berichtete Bock.

Die Auswirkungen auf die Agrarwirtschaft seien schwer zu sagen. „Die Chinesen haben die Krise recht gut weggesteckt und verändern ihre Ernährung, es wird verstärkt Weizen nachgefragt“, erklärte Bock. Seit kurzem gebe es neue Anlageformen, sogenannte Agrarrohstofffonds, in denen auch Weizen als Anlageform zu finden sei. Insgesamt sieht Bock eine positive Entwicklung für die Agrarwirtschaft voraus, denn die Bevölkerung wächst weltweit und die Nachfrage nach qualitativ hochwerti­gen Produkten steigt. Das Klima ist in Europa günstig und die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich hier nicht so negativ wie anderswo. Da immer mehr Energie gebraucht wird, werde voraussichtlich immer mehr Fläche aus der Nahrungsmittelerzeugung genommen, was eine Preissteigerung zur Folge haben müsste.

Mit Darlehen überbrücken

Bock riet den Gemüseanbauern das Konjunkturprogramm der Rentenbank in Anspruch zu nehmen. „Gute, das heißt gesunde, Betriebe können ein zinsgünstiges Darlehen zur Überbrückung bekommen. Natürlich nicht, wenn der Betrieb kurz vor der Pleite steht, aber es gibt Geld, wenn Sie vorfinanzieren müssen bis zur nächsten Ernte.“ Bock empfiehlt, sich an die Hausbank zu wenden und sich sehr gut auf das Gespräch vorzubereiten.

Dr. Hans-Christoph Behr, von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI), eine Nachfolgeorganisation der früheren ZMP, analysierte den Gemüsemarkt im Jahr 2009. Die Preise für Frühgemüse seien in diesem Jahr vergleichbar niedrig gewesen wie 2004, aber zusätzlich seien die landwirtschaftlichen Betriebsmittelpreise um 20 Prozent gestiegen. So erklärte Behr die noch nie dagewesene derzeitige Krise. Es fehlte die Markttransparenz, denn die ZMP war zum Saisoneinstieg nicht mehr aktiv und die AMI hatte ihre Arbeit noch nicht aufgenommen, deshalb wird erst jetzt klar, dass es Rekordernten bei einigen Produkten gab. Die Erntemengen sind witterungsbedingt gestiegen, es gab 2009 keinen Flächenanstieg. Behr meint der Discount habe die Gemüsepreise in den ersten drei Quartalen so stark gesenkt, dass sie Umsätze verloren hätten.

Dem stark konzentrierten Handel steht ein zersplittertes Angebot schutzlos gegenüber. Auch die reformierte Marktordnung für Obst und Gemüse soll die Konzentration des Angebots über Erzeugerorganisationen fördern. Alle in der Gemüsebranche sind sich einig: „Das Angebot muss konzentriert werden – aber wie?“ „Wer alle anderen preislich unterbietet wird Marktführer, aber das kann nicht unsere Forderung sein“, so Behr. Eine gute Chance sieht Behr für Regionalmarken im Lebensmitteleinzelhandel. Da der Trend zu regionalen Produkten gehe, habe die Zahl der möglichen Anbieter bei den Ketten wieder zugenommen. Die Preisabgabe eines kleineren Regionalanbieters werde dann deutschlandweit zur Referenz, auch wenn das betreffende Unternehmen maximal eine kleine regionale Plattform einer Kette bedienen könne. Andererseits seien dieses Jahr auch Erzeugnisse mit stark konzentrier­tem Angebot unter Druck geraten, sodass von der Angebotskonzentration keine Wunder erwartet werden können.

Erntemenge muss verringert werden

Letztlich setzen alle Lösungsansätze eine Verringerung der Erntemenge voraus, fasste Behr sein Referat zusammen, entweder durch Betriebsaufgaben oder durch aktive Angebotsbegrenzung. Wenn der Markt nicht ständig überversorgt ist, dann können Konzepte einer qualitätsorientierten Marktsegmentierung in Angriff genommen werden. Regionalität oder ökologische Erzeugung seien dabei nur zwei von vielen möglichen Dimensionen, sagte Behr. Geschmackliche Differenzierung oder Convenience Aspekte wären weitere. Dies alles setze aber voraus, dass man im Vollsortimenter bereit sei, mehr als eine Referenz pro Produkt zu führen.

Helmut Huss hatte vor 28 Jahren den Pfälzer Gemüsebautag ins Leben gerufen und freute sich über den guten Besuch. Huss berichtete von den Ergebnissen einer intensiven Befragung in der Pfalz, die die massiven Probleme im Gemüsebau widerspiegeln. Die Kosten für Betriebsmittel seien 2008 gegenüber 2007 um 22 Prozent gestiegen. Die Lohnkosten stiegen durch Tarifverhandlungen. Der Euro sei so stark, dass die Saisonarbeitskräfte eine kräftige Lohnerhöhung erleben (Rumänen um 25 % und Polen um 20 %) konnten. Huss glaubt, dass manche Betriebsleiter noch gar nicht wissen, wie schlecht es um sie steht, denn die Bilanzen zeigen dies erst Mitte nächsten Jahres. Die Zulieferfirmen für Gemüsebaubetriebe hätten derzeit Außenstände wie noch nie zuvor. Die Jungpflanzen- oder Saatgutbestellung wird erst möglich sein, wenn die alten Rechnungen beglichen sind.

Konsolidierung ist jetzt angesagt

Huss schlug mehrere Strategien vor, um die Krise zu überwinden. Konsolidierung sei das wichtigste. Huss ermunterte dazu, gut vorbereitet die Hausbank aufzusuchen (keine Experimente mit neuen Partnern) und Betriebsmitteldarlehen bei der Rentenbank in Anspruch zu nehmen. „Jetzt ist nicht die Zeit für Zukunftsinvestitionen“, mahnte Huss, es gehe nur darum bis zur nächsten Ernte zu überbrücken. In guten Jahren rät Huss Geld in das Privatvermögen zu überführen. Jetzt in der Krise könne es sinnvoll sein, Privatvermögen in den Betrieb zurückzuführen. Starke Erzeugergemeinschaften waren einmal für die Pfalz ein Sprungbrett für den Erfolg des Gemüsebaues, blickte Huss zurück. Doch die Anbaufläche sei auf 18 000 ha gewachsen und die Erzeugerorganisationen konnten nicht Schritt halten. Es müsste ein gemeinsames Vorgehen gegenüber der Abnehmer (Discounter) verabredet werden. Außerdem ist Huss davon überzeugt, dass der Pfälzer Gemüsebau ein Frühwarnsystem braucht. Dazu müssten Mengen, Preise, Importe, Pläne der Anbauer, das Einkaufsverhalten des Handels und so weiter abgefragt werden, um nicht unvorbereitet - wie dieses Jahr- in eine Krise zu schlittern. Bs

Gemüsebau in der Pfalz 2009 in Fakten:

Anbaufläche: + 5 %
Angebot: + 10 %
Verkaufte Menge: - 8 %
Preise ab Hof: - 9 %
Umsatz: - 15 %
Mengenabsatz LEH: - 15 %
Verbraucherpreise: - 11 %
Kosten 2008: + 22 %
Gewinne: dickes Minus