In Carlsdorf sprach man vor 200 Jahren französisch

Hofgeschichte verdeutlicht Einfluss der Hugenotten in Hessen

Wie die Besiedlung der Hugenotten in Hessen auch die Landwirtschaft geprägt hat, wird am folgenden Beispiel des landwirtschaftlichen Betriebes Morell in Hofgeismar-Carlsdorf, heute Jens Ludwig-Morell, deutlich. Der Betrieb bewirtschaftet zur Zeit 110 ha und hält 170 Zuchtsauen mit angeschlossener Mast. Der folgen­de Bericht basiert auf einer Hofgeschichte von Heinrich Morell, des Urgroßvaters des jetzigen Betriebsleiters.

Im Oktober 1685 entzog König Ludwig XIV. von Frankreich durch die Aufhebung des Edikts von Nantes den Reformierten und Waldensern wider allen Rech­tes die Ausübung ihrer Religion. Es wurde mit Waffengewalt gegen sie vorgegangen, so dass sich viele von ihnen entschlossen, lieber ihr Hab und Gut im Stich zu lassen und zu fliehen. Es war bei Todesstrafe verboten, das Land zu verlassen. Sie sollten ihrem Glauben untreu werden.

Landgraf Karl von Hessen schickte diesen Flüchtlingen, die über die Schweizer Grenze gegangen waren und die sich nun in der Schweiz aufhielten, Werber entgegen, die ihre Übersiedlung nach Hessen veranlassten. So kam Ende des Jahres 1685 der Pfarrer Clement mit 400 Flüchtlingen über Genf und Zürich nach Hofgeismar. Die erste Ackerbaukolonie, die Landgraf Karl erbaute, wurde vor dem Reinhardswald am linken Lempeufer errichtet und erhielt den Namen ihres Gründers: Carlsdorf. Ein großer Teil des Ackerlandes, das die Siedler erhielten, war Eigentum des Staates, der Kirche und des Adels. Die­sem musste Pacht bezahlt werden, die allerdings gering waren. Unter diesen Siedlern befand sich auch Abel Morell.

Jeder Siedler erhielt eine sogenannte „Portion“, bestehend aus zehn Acker (Morgen) Land, zwei Drittel Acker Garten und fünfeinhalb Morgen Wiese. Die Fläche ist später auf 30 Acker erhöht worden. Das auf der Gemarkung Hofgeismar gezogene Land gehörte formell bis zur Beendigung der Zusammenlegung (Verkoppelung) im Jahre 1892 zum Stadtgebiet. Der Name „Portion“ hat sich bis zum heutigen Tage gehalten, indem die Inhaber der damaligen Portion „Portionäre“ genannt werden. Erst im 18. Jahrhundert wurde eine dritte Feldmark hinzugefügt, die „Triesch“ vor der „Lichtenheide“. Dieses Gebiet musste man der Stadt Grebenstein und einem Oberstleutnant von Schachten gewissermaßen entreißen, die es gewohnheitsmäßig nutzten, obgleich es diesseits der Landwehr lag, mithin ursprünglich zum Gebiet von Hofgeismar gehörte. Wenn auch den Siedlern manche Vergünstigung durch die Kirche zugestanden wurden, so war es doch in den ersten Jahren ein stetes Kommen und Gehen. Von den ersten Siedlern haben sich noch fünf Namen: Morell, Martin, Meyer, Bellon und Ohalliol, erhalten. Die Baupläne rühren von dem Baumeister Paul Du Ry her. Landgraf Karl berief den aus Paris gebürtigen, durch seine Festungspläne schon berühmten Baumeister aus Maastricht in den Niederlanden, zu diesen Zwecken zu sich. Er ist auch der Erbauer der Schlösser Wilhelmshöhe und Wilhelmsthal. Die Regierung lieferte nicht nur Holz, sondern zahlte auch noch Arbeiterlöhne zur Erbauung der Wohnhäuser. Von diesen ersten Wohnhäusern sind noch zwei bis auf den heutigen Tag erhalten. Die Genehmigung der Anlage einer Mühle wur­de schon am 22. Juli 1686 einem Deutschen, der darum nachgesucht hatte, erteilt, nämlich dem Ölmüller Johannes Wagner aus Hofgeismar. Er erhielt den Mahlbann für Carlsdorf und Udenhausen, das keine Mühle besaß.

Viel Wild am Reinhardswald

Achtzehn Jahre später, im Jahre 1704, wurde die Kirche des Dorfes erbaut. Über der Kirchentür befindet sich folgende französische Inschrift: „Die Franzosen, die als Bekenner des Evangeliums vertrieben waren, haben diese Kirche zur Ehre Gottes errichtet und durch die liebreiche Hilfe seiner durchlauchtigen Hoheit, des Fürsten Landgraf Carl von Hessen Kassel.“ Die französische Sprache erhielt sich durch das ganze 18. Jahrhundert, bis im Jahre 1820 in Schulen und Kirche deutsch gesprochen wurde. Nur die ältesten der heutigen Generation können sich noch erinnern, dass ihre Großeltern französisch sprachen. Viel Verlust und Verdruss erwuchs den Siedlern aus der Lage am Reinhardswalde, denn das massenhaft vorhandene Wild richtete oft großen Schaden an, eine Erscheinung, die sich zeitweise bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Die Siedler erhielten 15 steuerfreie Jahre. Nach dieser Zeit mussten außer dem Zehnten, der auf allen Grundstücken lag, ob sie trugen oder nicht, und in der zehnten Garbe von allem Korn und dem zehnten Metzen, halb Roggen, halb Hafer, geliefert werden. Außerdem von einem Acker Wiese drei Albus, von jedem Haus ein sogenanntes Rauchhuhn und jedem Garten ein Zimshahn. Die Frondienste, Hand- und Spanndienste, waren mit Geld abgelöst. Jeder Siedler erhielt verbilligtes Brennholz, das sogenann­te Losholz, genau wie die anderen Reinhardswaldgemeinden. Das Hu­terecht im Reinhardswald wur­de vor etwa 100 Jahren abgelöst. Hierfür erhielten die Gemeinden abgeforsteten Wald.

Fleißig, strebsam und gläubig

Die Siedler zeichneten sich, wie aus alten Akten hervorgeht, nicht nur durch unverdrossenen Fleiß und Strebsamkeit aus, sondern übertrafen auch ihre Nachbarn in den anderen Dörfern durch ihren wirtschaftlichen Sinn, durch Sparsamkeit, Mäßigkeit, Nüchternheit und durch Enthaltsamkeit im Schnapsgenuss. Kirchlich gehörte Carlsdorf zu Hofgeismar, wo Pfarrer Clement amtierte, bis zum Jahre 1705. Pfarrer Clement starb, 80 Jahre alt, am 29. Januar 1725 und fand seine Ruhestätte nach altem Brauch in der Neustädter Kirche. Von 1705 bis 1777 gehörte Carlsdorf zum Kirchspiel Carlsdorf-Schöneberg, von 1777 bis 1837 zum Kirchspiel Mariendorf, von 1837 bis 1891 zum Kirchspiel Hombressen, von 1891 bis heute zu dem neuerrichteten Kirchspiel Gesundbrunnen bei Hofgeismar. Als das Kirchendach erneuert wurde, wurde ein Ziegel gefunden, in dem das Vaterunser eingebrannt war. Er wurde dem Heimatmuseum in Hofgeismar übergeben. Im Siebenjährigen Krieg hatte die Gemeinde viel zu leiden. Die Schlacht bei Wilhelms­thal begann unmittelbar bei Carlsdorf. Es waren die französischen Regimente Auvergne und Elsaß, sowie ein Regiment der Schweizer, insgesamt zwölf Bataillone und 18 Eskadrons, die bei Carlsdorf lagerten. Für die Verluste (Schaden) wurden keine oder nur geringe Entschädigun­gen geleistet. Die Gespanne waren weggenommen und das andere Vieh hatte Freund und Feind zur Nahrung dienen müssen. Die Ländereien konnten kaum bestellt werden. Eine Ortsbe­schreibung vom Jahre 1772 besagt, dass man vom Acker der besten Ländereien bei 75 Pfund Saatgut dreieinhalb Zentner Roggen erntete. Der Ertrag verringerte sich aber bei Land dritter Klasse auf eineinviertel Zentner. Die Äcker der geringeren Klasse wurden überhaupt nicht bestellt, sondern dienten als Hute. Das Land dieser geringen Klassen wollte niemand geschenkt haben, wenn die darauf ruhenden Lasten mit übernommen werden mussten. War jemand mit den Steuern im Rückstand geblieben, so gab er das Eigentum an den Grundstücken auf, das dann dem Staate als verlassene Länderei zufiel. Die Portionsgüter waren geschlossen und es durfte im Einzelnen nichts davon veräußert werden, ebenso war es nicht gestattet, Hypotheken aufzunehmen. Also eine Maßnahme, die mit dem Erbhofgesetz Ähnlichkeit hat.

Keine Realerbteilung

Im Laufe der Zeit war es den Siedlern möglich geworden, Land aus der Gemarkung Hofgeismar zu kaufen. So verschob sich der gleichgroße Besitz, der am Anfang der Gründung vorhanden war. Doch ist es nie zu einer Zerstückelung der Gehöfte gekommen, wie es in anderen Gemeinden durch die Erbteilung üblich war. Diese Einrichtung hat sich als segensreich bis auf den heutigen Tag erwiesen. Die Lasten und Abgaben wurden im Laufe der Jahre abgetragen. So wurde zum Beispiel in den Hofakten die Abgabe eines Rauchhuhnes und eines Hahnes zum letzten Mal in einem Übergabevertrag vom 5. August 1828 erwähnt. Der Rodzins, der Zins eines Kapitals, das zur Rodung der zugewiesenen Waldfläche geborgt war, und jährlich 6,57 Mark betrug, wurde zum letzten Mal am 20. Juli 1902 an die Gemeindekasse gezahlt. Die letzte Zahlung des Zehntgeldes erfolgte 1906 mit 4,59 Mark an die Stadtkasse in Hofgeismar.

Zur Besetzung von Carlsdorf und zur Schlacht bei Wilhelms­thal sei Folgendes gesagt: Besonders schwer waren die Kriegsleiden in den Jahren 1760 bis 1762, als das verbündete Heer unter dem Herzog Ferdinand von Braunschweig, das aus Hannoveranern, Hessen, Braunschweigern und Engländern bestand, auf dem nördlichen Ufer der Diemel eine befestigte Stellung eingenommen hatte, während die Franzosen ihm gegenüberstanden. 1760 lagerte das französische Heer unter Marschall Broglio zwischen Mariendorf und Hohenkirchen. Wiederholt gingen von dort aus starke Abteilungen vor, um alle Vorräte, die sich noch in den Dörfern der Umgebung befanden, wegzunehmen. So erschienen französische Truppen am Morgen des 5. Septembers am Offenberg und zogen sich, nachdem sie eine Zeit lang mit Posten der Verbündeten geplänkelt hatten, zum Schein wieder zurück. Nachmittags um ein Uhr rückten sie aber mit stärkeren Kräften wieder vor, besetzten den Gesundbrunnen und räumten unter dem Schutz dieser Aufstellung die Felder von Hombressen und Carlsdorf vollständig aus.

Von Riedesel

Im Juni 1762 stand der Herzog Ferdinand in einer verschanzten Stellung zwischen Warburg und Trendelburg. Die Franzosen, an Zahl überlegen, hatten eine Stellung zwischen Burguffeln und Schachten. Carlsdorf selbst war besetzt von den Freiwilligen von Saint-Viktor, die wegen ihrer Neigung zum Plündern berüchtigt waren. Herzog Ferdinand beschloss, dass eine Abteilung unter General von Spörken von Hüm­me aus durch den Reinhards­wald vorgehen, an der Lichtenheide aufmarschieren und die Flanke der Franzosen am Offenberg angreifen sollte. Gleichzeitig sollte General Luckner von Gotts­büren über Udenhausen die Franzosen im Rücken angreifen. Die Braunschweigischen Husaren, von Riedesel, sollten den Frontalangriff vom Brunnen hereinleiten. Eine mittelalterliche Warte auf dem Offenberg, ein Ringwall, leis­tete den Franzosen bei ihrer Verteidigung gute Dienste, doch sie wurden gezwungen, den Rückzug anzutreten. Die Reiter, die sich vor den Kelzer Teichen aufgestellt hatten, griffen nun die weichenden Franzosen an. Das Kavallerieregiment Fritz James verlor seine Standarte und wurde fast ganz gefangen, wobei sich die Husaren Riedesel besonders hervortaten. Die Hessischen Prinz-Friedrich-Dragoner ritten das Regiment Elsass nieder und nahmen zwei seiner Geschütze. Der linke Flügel der Franzosen war bis an den Wald von Wilhelmsthal zurückgegangen. Hier wurde er umstellt und fast bis zur Vernichtung geschlagen. Daher wird denn auch die Schlacht, die am Offenberg bei Carlsdorf begann, die Schlacht bei Wilhelmsthal genannt. Trotz aller widrigen Umstände und Hemmungen konnte die Kolonie im Jahre 1786 ihr hundertjähriges Bestehen feiern und mit Befriedigung auf die Vergangenheit zurückblicken sowie mit Vertrauen der Zukunft entgegengehen. Der verhältnismäßig geringe Viehbestand wurde vergrößert, so dass mehr Dünger anfiel. Die Kartoffel hielt ihren Einzug, die Dreifelderwirtschaft mit ihrem Flurzwang wurde umgestaltet, und die hessische Regierung lies es, nach dem Vorbild Friedrich des Großen, an Ermunterung, Lehrern und Beihilfen nicht fehlen.

Die Beziehungen zur alten Heimat Frankreich brachen ab. Als bei den Verhandlungen in Versail­les 1870 der französische Staatsmann Thiers den Badischen Minister Jolly fragte, ob denn keine Stimme in seinen Inneren für das alte Vaterland spreche, antwortete dieser als Hugenotte: Nein, ich höre nur im Geiste die Glocken in der Bartholomäusnacht läuten. Zu dieser Zeit wurde das Schlöss­chen, heute evangelische Akademie, von Graf Holstein und seiner Gemahlin bewohnt. Graf Holstein war, als bayrischer Offizier, mit den „Strafbayern“ 1850 nach Kassel gekommen. Carlsdorf war damals auch von den Bayern besetzt. Vor der Eröffnung der landwirtschaftlichen Winterschule hatte Dr. Scheck eine Privatschule eröffnet. Der Brunnenpark und sämtliche nicht in Privatbesitz befindlichen Gebäude sind heute von der evangelischen Akademie übernommen.

Beberbeck und Morellshof

Die Absatzverhältnisse für landwirtschaftliche Produkte waren früher recht günstig. Das nahegelegene Hauptgestüt Beberbeck und das in Hofgeismar stationierte Dragonerregiment kauften laufend Hafer, Heu und Stroh. Zum Dreschen ging es schon nachts um eins auf die Dreschtenne. Wenn der Nachtwächter nachts um ein Uhr blies und rief: Hört, ihr Herren, und lasst Euch sagen, die Glocke hat eins geschlagen: ein Gott ist nur in der Welt, Mensch, wie ist dein Herz bestellt – dann war die Nacht rum. Wenn jemand den Nachwächter fragte: Warum rufst Du denn immer: Hört ihr Herren und lasst Euch sagen – dann erwiderte er: Die Frauen lassen sich nichts sagen. Um vier Uhr rief dann der Nachtwächter den Tag an. Nach dem viermali­gen Blasen sang er: Ihr lieben Christen, seit munter und wach, der Tag vertreibt die finstere Nacht.

Im Grundbuch von Hofgeismar wurde später Folgendes eingetragen: Der Hof erhält die Bezeichnung „Morellshof“. Der jeweilige Besitzer in der Erbfolge trägt den Namen Morell als Beiname. Zum 80. Geburtstag im Jahre 1953 wurde Heinrich Morell zum Ehren­mitglied des Kreisbauernverbandes Hofgeismar, sowie zum Ehrenmitglied des Vereins ehemaliger Landwirtschaftsschüler ernannt. Der Betrieb wird heute von seinem Uren­kel Jens Ludwig-Morell als er­folgreicher Mastschweinebetrieb weitergeführt. Inzwischen befindet sich der Landwirtschaftsbetrieb in der neunten Generation im Familienbesitz. Friedrich Rudert