Über Landwirtschaft hinausgehende Belange

Roland Koch bei der 150-Jahr-Feier des FLV in Frankfurt

„Aktiv für fortschrittliche Landwirte in der Region – seit Jahren gibt dieser Wahlspruch wider, was seit jeher das umfangreiche Tätigkeitsfeld des Frankfurter Landwirtschaftlichen Vereins prägt und welchen Anspruch wir auch bei der zukünftigen Arbeit für unsere Landwirte haben.“ Dies sagte Karlheinz Gritsch, der Vorsitzende des Frankfurter Landwirtschaftlichen Vereins (FLV), vorige Woche bei der Jubiläumsfeier aus Anlass dessen 150-jährigen Bestehens im Kaisersaal des Frankfurter Römers.

Zur 150-Jahr-Feier begrüßte FLV-Vorsitzender Karl-Heinz Gritsch (stehend, li.) Ober­bür­­germeisterin Petra Roth (r.) und Hessens Ministerpräsident Roland Koch (M.). 350 Vereinsmitglieder und Ehrengäste nahmen an der Festveranstaltung im Kai­sersaal des Frankfurter Römer teil. Carl Albrecht Bartmer (li.), Präsident der Deut­schen Landwirtschafts-Gesellschaft, hielt einen Vortrag.

Foto: Jörg Rühlemann

Zu der Jubiläumsfeier begrüßte der FLV-Vorsitzende zahlreiche Ehrengäste, an ihrer Spitze Oberbürgermeisterin Dr.h.c. Petra Roth. Seit seiner Gründung im Januar 1860, so Karlheinz Gritsch, setzt sich der Frankfurter Landwirtschaftliche Verein für die Be­lan­ge der Landwirtschaft in Frankfurt und seiner Umgebung ein. In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens hat sich der FLV nicht nur mit Fragen beschäftigt, die für die Landwirtschaft von Bedeutung waren, sondern auch mit solchen, die die Stadtbewohner betrafen. Beispielsweise handelte es sich dabei um Fragen der Flurbereinigung, des Obstbaues, die Mehl-, Schlacht- und Branntweinsteuer, den Vogelschutz, Feldpolizei, Kanalisation und die Errichtung einer Zuckerfabrik.

Märkte und Messen

Ein weiteres Betätigungsfeld war die Ausrichtung von Märkten und Messen. Neben dem Pferdemarkt, mit dem 1862 eine alte Frankfurter Tradition wieder zum Leben erweckt wurde, folgten Wollmärkte, Schlachtvieh- und Maschinenausstellungen, eine Molkereiausstellung, Reiterfeste, Saatgutmärkte und andere Fachveranstaltungen. Für diese Zwecke verfügte der Verein schon früh über eigene Versammlungs- und Ausstellungsflächen sowie Hallen, die auch von anderen Organisationen mit genutzt wurden.

Als 1887 die kurz vorher von Max Eyth gegründete Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) an den Verein mit der Bitte herantrat, gemeinsam eine Wanderausstellung zu veranstalten, zögerte der FLV nicht lange. Im Juni 1887 nutzten fast 50 000 Besucher die Gelegenheit, die Fortschritte in der Landwirtschaft zu sehen und im eigenen Betrieb anzuwenden. Der FLV übernahm Garantiescheine im Betrag von 10 000 Mark, stellte Ausstellungsflächen zur Verfügung und leistete personelle Unterstützung. „Das Engagement beim Zustandkommen der DLG-Ausstellung belegt den Tatendrang des Landwirtschaftlichen Vereins, der durch das Gespür für zukunftsweisende Entwicklungen geprägt ist. Die guten Beziehungen zur DLG bestehen bis heute – 2006 trat der Verein als Mitveranstalter bei den DLG-Feldtagen auf den Flächen der Staatsdomäne Baiersröderhof auf“, so Gritsch wörtlich.

Auch schwierige Zeiten hat der Verein überstehen müssen. 1934 wurde er aufgelöst und das Vereinsvermögen in den Reichsnährstand eingegliedert. Der Arbeitsgemeinschaft fortschrittlicher Landwirte, so der FLV-Vorsitzende weiter, ist es zu verdanken, dass der Verein bereits 1947 wieder zum Leben erweckt wurde. 1949 wurde das vereinseigene Gelände dem Verein zurückgegeben. Der Verein widmet sich seitdem verstärkt der Vermittlung von Fachinformation sowie der Förderung der Aus- und Weiterbildung durch Vorträge, Seminare und Lehr- und Besichtigungsfahrten.

Schwerpunkt Versuchswesen

Nach wie vor intensiv betreibt der Verein das Versuchswesen. 1991 kaufte er in Karben-Petterweil neun Hektar Ackerland für ein eigenes Versuchswesen, das sich zu einer zentralen Informationsquelle aktiver Landwirte ent­wickelt hat. Neben Sorten- und Anbauversuchen werden auch Versuche zu alternativen Einkommensquellen durchgeführt sowie Feldtage und Maschinenvorführungen organisiert. Als wichtige Aufgabe sieht es der Verein auch an, die Kommunikation zwischen Stadt und Land zu fördern. An erster Stelle sei hier im Rahmen dieser Aktivitäten die Organisation und Durchführung des dreitätigen Erntefestes in der Frankfurter Innenstadt genannt. Auch Hoffeste, Arbeitskreise und Veröffentlichungen fördern den Erzeuger-Verbraucher-Dialog. Darüber hinaus engagiert sich der Verein im Projekt „Lernbauernhof Rhein-Main“. Seit dem Gründungsjahr 1999 wurde bereits über 40 000 Besuchern auf dem Betrieb Maurer in Ober-Eschbach Einblick in die Wirtschaftsweise eines konventionell wirtschaftenden Betriebes gegeben. Rund 4 000 Kinder und Jugendli­che besuchen diesen Bauernhof jährlich. „Im einhundertfünfzigsten Jahr seines Bestehens präsentiert sich unser Verein als moderner Ansprechpartner für unsere Mitglieder“, so Gritsch.

Landwirtschaft und Großstadt

Frankfurts Oberbürgermeisterin Dr. h.c. Petra Roth gratulierte dem FLV bei der Begrüßung der Teilnehmer am Festakt zu seinem 150-jährigen Bestehen. Sie hob hervor, dass Frankfurt zu den Städten Hessens mit großem Umfang an landwirtschaftlicher Nutz­fläche zählt, deren gepflegter Zu­stand das Werk der Landwirte ist. Sie stellte fest, dass sich Landwirtschaft und Großstadt nicht widersprechen. Dankbar sei die Stadt für die Ausrichtung des dreitägigen Erntefestes in der Frankfurter Innenstadt, das der städtischen Bevölkerung die Herkunft der Nahrungsmittel verdeutliche und ihr die Landwirtschaft näher bringe.

Land-Konflikte im Ballungsraum

„In einem Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet gibt es immer wieder Kollisionen und Auseinandersetzungen, denen die Städte sowie Gemeinden und die Landwirtschaft ausgesetzt sind“, sagte Hessens Ministerpräsident Roland Koch bei seiner Festrede. Umso wichtiger sei es deshalb für die landwirtschaftlichen Unternehmer, eine zahlen- und flächenmäßig so große Organisation wie den FLV zu haben, der ihre Interessen vertritt. Er setze sich dafür ein, dass trotz aller politischen Rahmenbedingungen und Forderungen die unternehmerischen Fähigkeiten genutzt werden können. „Betriebliche Dinge tun zu können, die man allein nicht schaffen würde, ist der Hilfe des Vereins zur Selbsthilfe zu verdanken“. Dabei gelinge es den Betrieben, sich den auf sie zukommenden und einwirkenden Entwicklungen zu stellen und daran teilhaben zu können. Koch betonte, dass die Landwirte in der Region auch gebraucht werden, um die Kulturlandschaft gepflegt zu erhalten. Dass die „zunehmende Trennung zwischen Eigentum und Besitz“, das heiße, ein immer höherer Pachtanteil am Flächenumfang der Betriebe, dabei besondere Probleme und Herausforderungen bringe, sei unverkennbar. Er sei aber davon überzeugt, dass die Landwirte im Gebiet des FLV „in dem härter werdenden Wind des Marktes“ weiter bestehen werden, zumal das Rhein-Main-Gebiet außer der Nahrungsmittelproduktion weitere Optionen wie Direktvermarktung, ländliche Dienstleistung oder Energieerzeugung als Ergänzung böte. Er sei sicher, so der Ministerpräsident abschließend, dass die Landwirte das nötige Selbstbewusstsein daraus gewännen, dass der FLV ihnen 150 Jahre zur Seite stand und es weiter tun werde.

Wanderausstellung in Frankfurt

„1887 war der Beginn einer großen Freundschaft“, betonte Carl Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft. Seit der ersten DLG-Wanderausstellung in Frankfurt am Main in diesem Jahr wären FLV und DLG einen gemeinsamen Weg gegangen, orientiert auf eine fortschrittliche und damit nachhaltige Landwirtschaft. Keine Institution hätte sich so wie der FLV den Fragestellungen und Problemen einer Großstadt samt ihrer Region für die Landwirte gestellt, sie durch alle Zeiten begleitet und bei der Bewältigung aller Herausforderungen unterstützt. Schließlich sei das FLV-Gebiet nicht nur überwiegend ein Gunststandort für die Landwirtschaft, sondern mit der Stadt Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet auch für Bevölkerung, Wirtschaft und Verkehr. Sich dieses Gunststandortes bewusst, gäbe es für eine unternehmerisch orientierte Landwirtschaft aber gute Chancen, auch fortan bestehen zu können.