Kühe mit Charakter

Vereinsjubiläum 25 Jahre Rotes Höhenvieh in Hessen

Noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts gehörten die kleinen Kühe des Rotviehs zum Landschaftsbild der deutschen Mittelgebirge. Es gab Wittgensteiner, Westerwälder, Odenwälder, Harzer und in Hessen vor allem das Vogelsberger Rotvieh. Vor dreißig Jahren stand es kurz vor dem Aussterben. Heute haben sich die Auffassungen vollkommen geändert. Die kleinen roten Kühe sind anerkannt als genetisches und agrarkulturelles Erbe, und ihre alten Qualitäten – gute Futterverwerter, robust und leichtkalbig – machen sie zur idealen Rinderrasse für die Erhaltung von Grünlandregionen und Naturschutzgebieten.

Ihre Rettung gelang in den 80er Jahren in letzter Minute. Am vergangen Samstag feierte der Verein zu Erhaltung und Förderung des Roten Höhenviehs sein 25-jähriges Bestehen an seinem Gründungsort in Schotten-Betzenrod. Vereinsvorsitzende heute ist Astrid Steinhoff aus Wettenberg – Krofdorf-Gleiberg. Sie brauchte vor Jahren einige Rinder als Ergänzung zu ihren Pferden, denn Kühe fressen die Weiden gleichmäßiger und schonender ab. Doch es sollte es auch eine Rasse sein, die traditionell in dieser Region zu Hause war, sie sollte in extensiver Haltung von dem leben können, was die Weiden hergeben, und Astrid Steinhoff wollte als studierte Tierzüchterin auch helfen, eine alte Haustierrasse vor dem Aussterben zu bewahren. So kam das Rote Höhenvieh auf den Hof bei Gießen, und Astrid Steinhoff ist überzeugt, dass man es unter heutigen Bedingungen durchaus wirtschaftlich als Fleischrind halten kann. „Die Rasse spart Kosten an allen Ecken und Enden“, sagt Steinhoff. Die Haltung verursache wenig Tierarztkosten, wenig Klauenpflegekosten, „Lahmheiten kommen fast überhaupt nicht vor“, und der Futterbedarf sei sehr günstig: „Die Tiere werden wirklich leicht satt und sie stellen wenig Ansprüche an die Futterqualität, das finde ich optimal“. Außerdem ist es eine leichtkalbige Rasse, die meisten Kälber kommen ohne Hilfe im Frühjahr auf der Weide zur Welt. Und schließlich müsse man sich bei Weidehaltung auch um die Besamung nicht weiter kümmern, denn „die Deckarbeit leisten die Bullen und mit wenigen Ausnahmen sind alle immer tragend geworden.“ Das Fleisch sei gefragt bei Stammkunden der Direktvermarktung und schließlich gibt es Zuschüsse für die Bewirtschaftung des Landes und für die Erhaltung der Rasse. Die Aufzucht der Tiere geht allerdings langsam, Rotes Höhenvieh ist „slow food“ schon beim Heranwachsen. Die Kühe werden erst im Alter von zwei Jahren zum ersten Mal gedeckt und wenn sie ihr erstes Kalb bekommen sind sie fast drei Jahre alt. „Wir haben es nicht eilig,“ sagt Astrid Steinhoff, „und es gibt viele Rote Höhenvieh - Züchter, die das so machen.“

Herdenaufbau in Homberg

Auch in Homberg (Ohm) kehrten die roten Kühe vor einigen Jahren zurück in ihre alte Hei­mat, den Vogelsberg. Martin Marx hält bei Büßfeld eine kleine Herde, deren Aufbau begann mit nur einer Kuh, angeschafft als Ergänzung zu den Pferden. „Die Kuh be­kam dann ein weibliches Kalb, das konnte man natürlich nicht hergeben,“ erzählt Martin Marx, diese Kuh und ihr Kalb bekamen wieder Nachwuchs „und so hat sich über zehn Jahre eine kleine Herde aufgebaut“. Jeder Züchter verweist übrigens gerne auf das be­sondere Farbenspiel dieser Rasse, das sich besonders morgens und im Abendlicht zeigt: rote Kü­he auf grüner Weide. „Das passt doch zusammen“, sagt Jörg Bürger aus Bad Berleburg im Wittgen­steiner Land, „diese Tiere gehören einfach hierher“. Doch zur Rettung des Roten Höhenviehs gehörte nicht nur das Engagement von Liebhabern, dazu gehörte auch Züchterwissen, Technik, und eine Portion Glück. Die Population des Roten Höhenviehs besteht heute bundesweit wieder aus etwa 1200 weiblichen Tieren im vermehrungsfähigen Alter und „die Gefahr ist hoch, dass verwandte Tiere aufeinandertreffen“, sagt Martin Marx.

Inzucht vermeiden

Um neue Inzucht in den Herden zu vermeiden, baute Martin Marx über die Jahre eine Internet-Datenbank auf, mit den Verwandtschaftsverhältnissen aller Zuchttiere des Roten Höhenviehs in Deutschland. Sie berechnet online unter www.rotes-hoehenvieh.de für jeden Bullen und jedes weibliche Tier vorab den zu erwartenden Inzuchtwert ihrer gemeinsamen Nachkommen. Damit konnte der Inzuchtkoeffizient bei der Vermehrung des Roten Höhenviehs in den vergangenen Jahren auf ein Bruchteil gesenkt werden. „Jeder Züchter hat bundesweit Zugriff auf jedes Tier und die Informationen, die es dazu gibt,“ sagt Marx. Die Datenbank führt auch einen Stammbaum für jedes Tier, der über einige Klicks auch zum berühmtesten aller Bullen des Roten Höhenviehs führt: Dem Zuchtbullen Uwe, der auf der Grünen Woche in Berlin, wahrscheinlich 1967, noch von Bundespräsident Heinrich Lübke ausgezeichnet wurde. Dieser Uwe war der letzte reinrassige Zuchtbulle vom Vogelsberger Rotvieh, geboren wurde er am 7. Juni 1963 und sein Dienstsitz war die damalige Besamungsstation in der Eichgärtenallee in Gießen, dort wurde er geführt mit der Nummer R12. Und während in den 60er und 70er Jahren das traditionelle Rotvieh draußen verschwand, ruhten die letzten 60 Spermaportionen von Uwe R12 bei Minus 190 Grad in Gießen, bis man sie dort im Dezember 1982 wiederentdeckte. Einige Wissenschaftler und Züchter erkannten, welcher genetische Schatz damit aufgetaucht war. Sie gründeten am 24. Mai 1985 in Betzenrod im Vogelsberg den „Verein zur Erhaltung und Förderung des Roten Höhenviehs.“

Angler eingekreuzt

Wilhelm Pabst, damals hessischer Zuchtleiter für Rinder, begleitete das Projekt von Beginn an. Er hatte das Rotvieh noch als Student in den 60er Jahren auf Exkursionen im Harz, im Vogelsberg und im Lahn-Dill-Gebiet kennengelernt und es selbst noch in Anspannung gesehen. Jetzt half er, in Hessen noch vorhandene weibliche Tiere zu finden, die man mit dem wiederentdeckten Bullensperma befruchten konnte. „Gedanken zur Erhaltung aussterbender Nutztierrassen waren ja bei weitem noch nicht so verbreitet wie heute“, erinnert sich Pabst. Längst nicht alle Tiere waren züchterisch dokumentiert, in viele war die leistungsstärkere Milchrasse Angler eingekreuzt worden, oft ging die Auswahl nach dem Augenschein. Mitte der 80er Jahre kamen dann – nach 20 Jahren Pause – wieder die ersten roten Kälber zur Welt. Uwes erste Söhne hießen Ulan, Ulk, Umberto und Urban, denn die Väter geben stets den Anfangsbuchstaben ihres Namens an die Söhne weiter, so ist es Sitte bis heute. Der Bulle Uwe war ein Glücksfall für die Züchter. Doch insgesamt waren die letzten verstreuten Bestände des alten Rotviehs schon zu klein und ihre genetische Basis für ein Überleben zu eng geworden. Es gab nur noch eine Herde im Harz, eine in Wittgenstein, wenige in Hessen. Eine Studie des Bundesagrarministeriums über die „Molekulargenetische Differenzierung verschiedener Rotviehpopulationen“ konnte aber nachweisen: Alle traditionellen roten Kühe der Mittelgebirge – bis hin zum schlesischen und böhmischen Rotvieh -haben dieselbe genetische Herkunft, wahrscheinlich gehen sie zurück auf das Keltenrind aus vorrömischer Zeit. Man konnte die Restbestände also in einer gemeinsame Rasse „Rotes Höhenvieh“ zusammenfassen und damit einen ausreichend großen Genpool schaffen.

Rassemerkmale

Das Herdbuch liegt heute in Händen von Zuchtleiter Jost Grün­haupt vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Als Exten­sivrasse bekommt das Rote Höhen­vieh keine Leistungsnoten, um so größeren Wert legen die Züchter auf die Rassemerkmale. Dazu gehört der eher kurze und gedrungene Kopf, ein nicht zu großes Fundament, und Jost Grünhaupt betont: „Auch eine Mutterkuh muss ein gescheites Euter haben.“ Ansonsten gehören zu den typischen Kennzeichen: Weiße Hörner mit schwarzer Spitze (bei den Kühen schmal und geschwungen, bei den Bullen gerade und kräftig); eine helle, ausgeprägte Schwanzquaste; schwarze, harte Klauen und ein weißes Flotzmaul.

Unterstützt wurde die Rettung des Rotviehs durch das Land Hessen, das Züchtern auch heute eine Haltungsprämie zahlt. „Das Rote Höhenvieh ist ein lebendes Kulturgut, das wir nicht verlieren wollen“, sagt Erhard Heinz vom Hessischen Landwirtschaftsministerium, „es ist die einzige Rinderrasse, die in Hessen landschafts­prägend war.“ Wer min­destens fünf Jahre lang Rotes Höhenvieh züchtet, bekommt eine Förderung aus dem Programm zur „Erhaltung genetischer Ressourcen für die Landwirtschaft in Hessen“. Sie beträgt 125 Euro pro Jahr für jede im Herdbuch geführte Kuh und für jeden Bullen der Herdbuch-Stufe A. Die Erhaltung der Rasse findet aber nicht allein bei den Züchtern statt. Außer der „Lebendreserve“ auf den Weiden gibt es mittlerweile wieder tiefgefroren konserviertes Bullensperma, mit dem die Zentrale Besamungsunion Hessen (ZBH) in Alsfeld auch wieder die künstliche Besamung für das Rote Höhenvieh anbietet. Dort gibt es auch wieder eine neue Genreserve des Roten Höhenviehs, diesmal aber nicht per Zufall wie vor 30 Jahren, sondern als Ergebnis jahrelanger, planvoller Zuchtarbeit.

Universität Gießen beteiligt

Von Anfang an war die Universität Gießen beteiligt an der Erhaltung des Roten Höhenviehs. Sie hält heute auf der Lehr- und Forschungsstation Oberer Hardthof selbst eine kleine Herde, um Studierenden einen Bezug zu der alten, heimischen Rasse zu vermitteln. Prof. Georg Erhardt vom Institut für Tierzucht und Haustiergenetik will damit aufzeigen „was unsere Vorfahren einmal bearbeitet haben.“ Welche besonderen genetischen Eigenschaften im Roten Höhenvieh schlummern, könne man zwar noch nicht endgültig abschätzen, doch der Wissenschaftler meint, „das wird die zukünftige Genomforschung hoffentlich zu Tage bringen.“ Gesichert scheint aber, was viele Züchter aus ihrem täglichen Umgang mit den Tieren berichten: Das Rote Höhenvieh sei besonders ruhig, ausgeglichen und „charaktervoll“ als Folge der engen Bindung an den Menschen und seiner historischen Nutzung als Zugvieh. Man könne davon ausgehen, dass die damaligen Betriebsleiter bis heute Wert darauf legten, dass sie nur umgängliche Tiere weitergezüchtet hätten, bestätigt Prof. Erhardt: „Von daher ist es sicher ein großer Vorteil dieser Rasse, der sich positiv auswirkt, wenn man die Rasse heute in der Mutterkuhhaltung hält.“

Hessens größte Herde

Hessens größte Herde vom Roten Höhenvieh lebt übrigens nicht in einem Mittelgebirge, sondern im Flachland des Hessischen Rieds. Die Herde von Bettina Fay pflegt hier das Naturschutzgebiet Altneckarlachen, denn die Beweidung durch Rinder hinterlässt in dem Naturschutzgebiet keine kahle Fläche, sondern bewahrt eine Pflanzenstruktur am Boden, und das Höhenvieh kommt auch im Feuchtgebiet bestens zurecht. Seinen besonderen Charakter behält es auch hier: „Die Kühe, auch die Kälber, sind für ein Fleischrind sehr zahm und zugänglich,“ sagt Bettina Fay, auch wenn sie in dem weit­läufigen Gebiet weniger Kontakt zu Menschen hätten. Schlag