Landwirtschaft gestaltet Veränderungen

Kreiserntedankfest bei Familie Heinz in Niestetal

Rund vierhundert Besucher waren der Einladung des KBV Kassel gefolgt und feierten gemeinsam Erntedank. Familie Heinz aus Niestetal hatte sich bereit erklärt, das Erntedankfest auszurichten. Der Gottesdienst fand in der festlich geschmückten Getreidehalle des Milchviehbetriebs statt.

Drei Generationen feierten gemeinsam das Kreiserntedankfest: Ferdinand Heinz, Michael Heinz, Reinhard Schulte-Ebbert, Iris und Reiner Heinz, Erich Schaumburg (v.l.n.r.).
Foto: Stefanie Wittich

Betrachtete man den üppig geschmückten Altar, der mit bunten Blumen, Äpfeln, Kartoffeln, Sämereien, Nüssen, Zucchini, Rotkohl und vielem mehr bestückt war, empfand man eine große Dankbarkeit für die Produkte, die geerntet werden konnten. Wer wäre nicht dankbar, dass, Hitze und Trockenheit zum Trotz, Getreide gedeihen und Äpfel reifen konnten? In den Dank mischt sich aber auch Nachdenklichkeit. Wer erinnert sich nicht an das Jahr 2018, als die Ernteeinbußen dramatisch waren und das Futter für die Tiere knapp wurde? In vielen Ländern herrschen Dürren und Hungersnöte. Oder aber, so wie zurzeit in Deutschland, politischer und gesellschaftlicher Gegenwind erschweren das Wirtschaften. Dankbarkeit für eine gesicherte Ernährung ist Fehlanzeige. Noch dazu treiben schlechte Preise Betriebe in Existenznöte. Viele Landwirte fragen sich sicher, warum überhaupt Erntedank gefeiert werden soll.

Pfarrer Runzheimer stellte zunächst eine Gegenfrage: „Was wäre, wenn wir die Arbeit von Landwirten, Bäckern und Metzgern nicht hätten?“, fragte er während seiner Predigt. Um auf die öffentliche Kritik zu reagieren, müsse an die fundamentale Bedeutung der Landwirtschaft erinnert werden. Zu Beginn der Predigt ließ Runzheimer die Geschichte der Landwirtschaft Revue passieren. Bereits 10 000 v.Chr. entstanden größere Siedlungen in Palästina, für die nachweislich Getreide angebaut wurde. Dies sei der wichtigste Schritt der menschlichen Entwicklung gewesen: Vom Jäger und Sammler zum Bauern. „Ohne die Landwirtschaft hätte es keine menschliche Kultur gegeben“, ist sich Runzheimer sicher. Bei historischen Funden seien es größtenteils Gefäße für Lebensmittel, die gefunden werden. Das zeige schon die Bedeutung von Nahrungsmitteln in früherer Zeit.

„Die größten Fortschritte hat die Landwirtschaft in den letzten 200 Jahren gemacht, als technischer Fortschritt und der Einsatz von mineralischen Düngemitteln zu einer deutlichen Produktionssteigerung führte“, so Runzheimer weiter. Da die Regale im Supermarkt immer gefüllt seien, nehme die Gesellschaft die Produktion von Lebensmitteln als selbstverständlich wahr.

Doch das sei nicht überall so. „Wir müssen uns bewusst machen, dass wir nicht alles im Griff haben“, meint Runzheimer, „ was passiert, wenn sich das Wetter ändert und es noch trockener wird? Oder es eine Insektenplage wie in der Bibel gibt? Nichts ist selbstverständlich. Wir brauchen Respekt vor der Natur und vor den Menschen, die mit ihr arbeiten. Wir müssen dankbar sein für das, was uns Leben lässt.“

Dem stimmte auch Erich Schaumburg, Erster Vorsitzender des Kreisbauernverbands Kassel, zu. Er berichtete über die Futterknappheit im letzten Jahr in Folge der Trockenheit. Auch im Winter habe der Wasservorrat im Boden kaum aufgefüllt werden können. „Aber nicht nur die klimatischen Bedingungen stellen unsere Landwirtschaft vor große Herausforderungen- auch die gesellschaftlichen Anforderungen werden immer höher“, so Schaumburg.

Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass die Landwirtschaft selbst Änderungen aktiv gestalte und sich stetig weiterentwickle. „Dazu kommt noch eine strengere Gesetzgebung als in anderen Ländern, und dennoch ist unsere Gesellschaft der Meinung, wir machen unseren Job nicht richtig.“ Genau wie Pfarrer Runzheimer kommt auch er zu dem Schluss, dass, da Lebensmittel immer verfügbar sind, die Produktion der Lebensmittel aus dem Bewusstsein der Gesellschaft verschwunden ist.

Der Gottesdienst wurde vom Posaunenchor aus Landwehrhagen begleitet. Der Landfrauenverein Niestetal sorgte gemeinsam mit Iris Heinz für eine wunderschöne, herbstliche Dekoration der Getreidehalle und verköstigte die zahlreichen Besucher, zu denen auch Vize­landrat Andreas Siebert, Bundestagsabgeordneter Timon Gremmels (SPD), Landtagsabgeordnete Manuela Strube (SPD) und Vorstandsmitglied des Landfrauenverbandes Hessen, Waltraud Vialon zählten. Auch der Karnevalsverein Losse­sternchen unterstützte die Veranstaltung tatkräftig.

Stefanie Wittich – LW 45/2019