Wie Nonni das Glück fand

Gedanken zu Advent und Weihnachten

Liebe Leserinnen und Leser,
zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit gehören die Geschichten des isländischen Jugendbuchautors Jón Svensson, genannt „Nonni“ (1857 bis 1944). Und es war für mich ein ganz besonderes Erlebnis, vor wenigen Jahren sein Elternhaus – das „Nonnahús“ – auf der „Feuerinsel“ Island besuchen zu können.

„Zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit gehören die Geschichten des isländischen Jugendbuchautors Jón Svensson“, sagt Erzbischof Hans-Josef Becker.
Foto: pdp/Erzbistum Paderborn

Jón Svensson war bis in die 1960er Jahre hinein einer der bekanntesten Schriftsteller. In 46 Sprachen wurden seine Bücher übersetzt und erlebten Millionenauflagen. „Nonni“ war so etwas wie der „Karl May des Nordens“, nur mit dem Unterschied, dass seine abenteuerlichen Erzählungen nicht einfach erfunden waren.

Eine Welt von schweigsamen Bauern und Fischern

Wie andere Alterskollegen die Romane von Winnetou und Old Shatterhand regelrecht verschlangen, so erging es mir seinerzeit mit „Nonni und Manni“ – im Herbst und Winter, wenn die Abende länger wurden, und dann vor allen Dingen um Advent und Weihnachten herum. Denn „Nonni und Manni“, die Kindheitserinnerungen von Svensson, spielten in einer Welt von Eis und Schnee, vor der atemberaubenden Kulisse von Gletschern, Wasserfällen, Vulkanen und funkelnden Nordlichtern. In dieser Welt wimmelte es nur so von beeindruckenden und zum Teil auch gefährlichen Tieren, gewaltigen Walen und hungrigen Eisbären. Und es war eine Welt von einfachen und schweigsamen Bauern und Fischern. Die Kinder führten dort ein glückliches und sorgenfreies Leben. Nonni und seine Familie wohnten auf einem Gutshof in der Nähe von Akureyri in Nordisland, nur 50 Kilometer südlich des Polarkreises, in einer heute fast archaisch anmutenden Welt von verwurzelter Naturverbundenheit und in einer großen Ungebundenheit und Freiheit.

Weihnachtsbesuch auf Skipalón

Eine besonders schöne und spannende Weihnachtsgeschichte ist der „Weihnachtsbesuch auf Skipalón“: In einer schneebedeckten Landschaft sind Nonni und der Knecht Gudmund auf dem Weg zum Gutshof von Skipalón, um dort gemeinsam mit Freunden das Weihnachtsfest zu feiern. Unterwegs begegnen ihnen Eisbären, die – hungrig auf einer Eisscholle von Grönland her angetrieben – zu einer großen Gefahr für die Menschen werden. Solche Vorkommnisse sind auch heute, in Zeiten des Klimawandels, gar nicht so selten. Svensson berichtet nun sehr anschaulich vom Kampf, vom selbstlosen und tapferen Einsatz des Knechtes Gudmund und von der anschließenden Rettung. Und er berichtet vor allem von der dann folgenden Weihnachtsandacht, von der Dankbarkeit der Menschen Gott gegenüber und von der Hoffnung, dass das göttliche Kind, dessen Geburt man ja gerade feierte, auch fortan seine schützende Hand über alle im Haus halten werde.

„Und die Weihnachtslichter brannten in allen Stuben des Hofes zu Ehren des Christkindes die ganze Heilige Nacht hindurch.“ 

Gottes Spuren in der Schönheit der Schöpfung

Es sind starke Bilder, die mich auch heute noch bewegen. In seiner kindlichen und gänzlich unsentimentalen Sprache hat Svensson uns damals viel vom Glanz des Weihnachtsfestes und von seiner tieferen Bedeutung erzählt. Davon, dass uns Gottes Spuren in der Schönheit der Schöpfung begegnen, in den Tieren und Pflanzen, die uns umgeben und von denen wir leben. Dass Jesus uns nahe ist in den guten Taten großartiger Menschen und dass er uns aus allen Gefahren retten wird. Wie viel unerschütterliches Gottvertrauen sprach aus diesen Geschichten! Die Menschen auf Island wussten sich getragen von der Barmherzigkeit Gottes und vertrauten der Macht des Gebetes. 

Aber auch die weihnachtliche Welt auf Skipalón war keine weltfremde und naive Idylle. Im Gegenteil: In den Büchern von Svensson spielen Tod, Verlust und Aufbruch eine große Rolle. Besondere Umstände führten nämlich dazu, dass „Nonni“ seine Heimat schon im Alter von zwölf Jahren verlassen musste. Seine Mutter sah er niemals wieder. Er besuchte eine höhere Schule in Frankreich, wurde Priester und bereiste später als Jesuit die ganze Welt. Unzählige Vorträge hat er über seine Heimat Island gehalten und allein zwölf „Nonni“-Bücher geschrieben. Besonders Kinder waren von ihm begeistert. Nonni hat seine letzte Ruhe in der „Grabstätte der Kölner Jesuiten“ auf dem Melatenfriedhof gefunden. Sein Grab kann man auch heute noch besuchen und an ihm beten.

Das göttliche Kind hält seine Hand über jede und jeden

Nonnis Bücher sind leider fast vergessen. Ende der 1980er Jahre gab es im ZDF eine sehr sehenswerte Verfilmung als Adventsvierteiler, die auch heute noch als DVD vertrieben wird. Auch eine Reihe von Hörbüchern ist in jüngster Zeit erschienen. In jedem Fall hat Jón Svensson tausenden von Kindern auf spannende Weise und in hinreißenden Geschichten die Botschaft des menschgewordenen Gottessohnes in der Krippe erschlossen: Habt keine Angst! Wagt etwas; seid mutig, geht im Glauben voran; sucht euren eigenen Weg im Abenteuer des Lebens!


 Zu diesen Kindern gehörte auch ich. Und deshalb erinnere ich mich auch jetzt noch so gerne an die Geschichten von „Nonni und Manni“. Denn die Botschaft, die Svensson auf unsere Gabentische brachte, bleibt immer aktuell: Das göttliche Kind hält seine Hand zu allen Zeiten über jede und jeden von uns.

Liebe Leserinnen und Leser,

zwar leben wir heute nicht mehr in der urwüchsigen Welt von „Nonni und Manni“. Aber gerade Sie als Landwirtin oder Landwirt (und damit auch Ihre gesamte Familie) wissen, wie sehr wir zur Natur gehören und wie abhängig wir von Gottes guten Gaben sind. Sie erleben es täglich hautnah, dass die Schöpfung eine eigene Würde besitzt und dass es sie zu bewahren, zu schonen und zu pflegen gilt. Und dass wir diese Schöpfung auch nutzen dürfen und sollen. Davor habe ich großen Respekt. 
Jón Svensson hat die Schönheit dieser Welt schon vor Jahren in sehr eindrucksvollen Worten beschrieben. Aber er hat auch nie einen Zweifel daran gelassen, wem wir das alles zu verdanken haben.
Ihnen und Ihren Familien möchte ich für Ihren Einsatz in Gottes Schöpfung und Ihre Arbeit für Mensch und Tier im letzten Jahr sehr herzlich danken. Die Landwirtschaft hat es ja gerade in den letzten Jahren und besonders im regenarmen 2018 nicht immer leicht gehabt. Möge das Jahr 2019 für Sie alle Wachstum, Gesundheit und Frieden bringen.
Ich wünsche Ihnen ein gnadenreiches Weihnachtsfest und Gottes reichen Segen! Oder mit den Worten von Nonni: „Wir vertrauen einfach auf Gott, ihm müssen wir es überlassen.“


Erzbischof Hans-Josef Becker,
Paderborn
 

Erzbischof Hans-Josef Becker, Paderborn – LW 50-51/2018