Weinbautage Rheinhessen – Weinbau, Oenologie, Marketing

AgrarWinterTage – komplettes Programm gestreamt

Im Rahmen der AgrarWinterTage fanden auch die Weinbautage Rheinhessen statt. Dieses Jahr erstmals nicht in Nieder-Olm, sondern wegen der Pandemie komplett digital. Die Aula des DLR Oppenheim verwandelte sich zum Studio, aus dem die Vorträge live gestreamt wurden. Grußworte wurden als Videobotschaften eingespielt. Referenten von anderen Weinbauinstitutionen wurden zugeschaltet und berichteten aus der Ferne von ihren neuen Erkenntnissen. Faszinierend wie alles funktionierte und wenn der Stream kurz ruckelte, war sehr schnell im Chatverlauf zu lesen, dass wieder alles lief.

Die Aula des DLR RNH Oppenheim war zum Studio umgebaut, aus dem die Vorträge und die Jungwein­nacht gestreamt wurden. Die Techniker sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Die Ecken des Raumes wurden zu Bühnen und der Abstand zueinander wurde immer eingehalten.

Foto: DLR RNH

Der Weinbautag im Rahmen der AgrarWinterTage startetet mit Oenologie und Marktwirtschaft. Bernhard Degünther, DLR RNH, berichtete von seinen Untersuchungen während der außerge­wöhnlich warmen Lese 2020. Die Zunahme früher und damit wärmerer Herbste erfordere ein Umdenken der Ernteplanung und Traubenverarbeitung, sagte Degünther. Im Interesse der Weinqualität und der Energieeinsparung müsse künftig verstärkt auf die Temperatur des Lesegutes geachtet werden. Mosttemperaturen von 13 bis 15 °C seien ideal. Deshalb kamen die Vollernter in der Nacht zum Einsatz. Degünther stellte fest, dass die Temperaturen der Moste direkt nach der Verarbeitung 1 bis 2 °C höher lagen als die Erntetemperatur. Problematisch ist an heißen Tagen die Handlese. Degünther schlägt ernsthaft vor, im Notfall mit Stirnlam­pen nachts zu lesen, um hohe Ernte­guttem­peraturen zu vermeiden. Versuche, die Bütten in einer Kühlzelle zwischenzulagern, waren ernüchternd.

Früherkennung von Gärstockungen möglich?

Dominik Süß, DLR RNH, zog eine Zwischenbilanz seiner Erfahrungen mit Oculyze zur Früherkennung von Gärstockungen. 2019 waren Gärstockungen in den Versuchen von Süß durch Spontangärung begründet und ließen sich gut vorhersagen. 2020 ist das weniger gelungen, weil hoher Zucker- und hoher Alkoholgehalt die Gärung bisweilen stoppte und dies spät auftrat.

Norbert Breier, DLR RNH, befasste sich mit Weintypen durch gezielten Holzeinsatz. Beim Ausbau von Wein gewinne der Einsatz von Holz wieder Bedeutung, beobachtet Breier. Gerade Jungwinzer versuchen sich über die Individualität ihrer Weine zu profilieren und sehen den Einfluss von Holz auf die Stilistik als sinnvolle Ergänzung ihrer Produktpalette. Wichtig sei, dass die Differenzierung schmeckbar sei.

Aus der Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim war Johannes Burkert zugeschaltet und gab Tipps zur Vinifikation von Süßwein. Süßweine sind oft das Aushängeschild des Betriebes und bilden die Spitze der Sortimentspyramide. Das Ziel dürfe nicht Botrytis­befall sein, sondern Rosinen ohne Pilzbefall mit hoher Zucker­konzentration, so Burkert. Bei Eiswein ist es die Kälte, die das Wasser der noch möglichst gesunden Beeren ausfriert. Die Lese für Süßwein müsse selektiv stattfinden, um ein reintöniges Endprodukt zu erlangen. Für die Vorklärung eigne sich der Kammerfilter sehr gut. Die Gärung ist bei edelsüßen Weinen wohl der wichtigste Faktor für die Qualität und Verkehrsfähigkeit.

Bernd Wechsler, Kompetenzzentrum Weinmarkt und Weinmarketing RLP, ging der Frage nach, wie sich der Weinmarkt durch die Pandemie verändert. Trotz Corona-Krise hat sich der Markt insgesamt auf einem sehr guten Niveau stabilisiert. Vielfach wirkt die Krise wie ein Kataly­sator und beschleunigt Trends und Entwicklungen. Zudem sind Innovationen gefragt, um sich den veränderten Bedingungen der Weinvermarktung anzupassen.

Weinmarketing 2021 – bleibt alles anders?

Jörg Weiand, DLR RNH (rechts), moderierte die oenologischen Fachbeiträge. Bernhard Degünther, DLR RNH (links) berichtete von seinen Untersuchungen während der Lese 2020, die bei ungewöhnlich warmer Witterung stattfand.

Foto: Bettina Siée

„Noch sind wir mitten in der Pandemie, deren langfristige Folgen auf die Wirtschaft noch nicht abzuschätzen sind“, sagt Wechsler. Die Winzer hätten sich rasch und mit viel Kreativität auf das veränderte Einkaufs- und Konsumverhalten eingestellt. So haben die Winzer sehr schnell Online-Weinproben angeboten, um mit Kunden in Kontakt zu bleiben und waren überrascht, dass sogar Neukunden gewonnen werden konnten.

Der Marktanteil des Online-Handels mit Wein war vor der Pandemie nicht wirklich bedeutend. Die Online-Shops und die Organisation der Abläufe im Weingut bis zum Paketversand brauchen künftig mehr Aufmerksamkeit, um wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben, meint Wechsler. „Wir müssen unsere Vertriebsstrategien überdenken“, ist Wechsler überzeugt. Die Krise hat gezeigt, dass es sinnvoll ist, nicht nur auf einen Absatzweg allein zu setzen, sondern eine Mischung zwischen Direktvermarktung, Fachhandel, Gastronomie und Export zu finden – dies alles sowohl online wie auch weiterhin im herkömm­lichen Handel. Wechsler zu rät zur Fokus­sierung auf regionale Kunden, die sehr offen für deutsche Weine seien.

Jungwinzerforum zum Thema Online-Marketing

Das Jungwinzerforum moderierte Kristin Antweiler, Leiterin des Jungwinzernetzwerk Rheinhessen der Landjugend RheinhessenPfalz. Ina-Johanna Becker, Rheinhessenwein e.V., gab Anregungen zum Online-Marketing, das enorm an Bedeutung gewonnen hat und die Betriebe vor große Herausforde­rungen stellt. Der enorme Aufschwung des Onlinehandels macht eine Überprüfung und Optimierung der Website notwendig. Um die Abverkäufe zu erhöhen, müsse die Auffindbarkeit im Internet erleichtert werden. Becker gab detailliert Tipps zur Verbesserung des Webshops. Überzeugt ist sie vom Erfolg eines Marketingmixes mit Social media, um mit Kunden in Kontakt zu kommen. Von Erfahrungen mit einem Online-Marketingmix in der Praxis berichtete Julia Schittler vom Weingut Schittler und Becker aus Zornheim.

Im Anschluss kam die Jungweinnacht zu ihren Gästen nach Hause – mit einer Online-Verkostung der Weine der Oppenheimer Fachschüler, die zuvor verschickt wurden. Kathrin Saaler, DLR RNH, interviewte Oppenheimer Schüler, informierte über die Projektweine „Kontraste“ und sorgte mit lockeren Gesprächen für einen unterhaltsamen Abend (Bericht im LW 5, Seite 50).

Herausforderung Klimawandel – Auswirkungen auf den Weinbau

Am zweiten Weinbautag blickte Dr. Bernd Prior, DLR RNH, auf die Vegetation des Jahres 2020 zurück, in dem wiederum die Auswirkungen des Klima­wandels spürbar wurden. Hohe Mostgewichte und rapide sinkende Säuregehalte zwangen zu einer zügigen Lese, die bereits Ende September weitgehend beendet war. Die höheren Temperaturen im Vergleich zu früheren Jahren haben Einfluss auf die Entwicklung der Phenole und der Aromen. Durch den langen Sommer und die frühe Reife herrschten während der Lese 2020 tagsüber Temperaturen von weit über 25 °C, sodass überwiegend nachts geerntet wurde.

Über Oidiumstrategien für integriert und ökologisch arbeitende Betriebe sprach Jürgen Wagenitz, DLR RNH, der im Laufe des Jahres in Ruhestand gehen wird. Somit war es sein letzter Vortrag im Rahmen der AgrarWinterTage. Wie Wagenitz erklärte, sind alle Rebsorten, leider auch viele Piwis, mehr oder weniger anfällig gegen Oidium. Über Jahrzehnte standen nur Schwefel­präparate zur Eindämmung bereit, heute gibt es eine breitere Palette an Mitteln. Der Erfolg der Pflanzenschutzmaßnahmen ist neben der richtigen Mittelwahl und der Spritzabstände auch von den Witterungsbedingungen abhängig. In den letzten drei Jahren stellte Wagenitz einen zunehmenden Infektionsdruck durch Oidium fest. Im Jahr 2020 gab es massiven Oidiumbefall.

Wagenitz stellte in seinen Versuchen fest, dass bei hohem Befallsdruck nur die Varianten, in denen zumindest einmal ein Mittel aus der SDHI-Wirkgruppe (Luna Experience; Luna Max oder Sercadis) eingesetzt wurde, gute Ergebnisse brachte. Allerdings betonte er den hohen Befall in den Versuchsanlagen, der glücklicherweise so in den meisten Betrieben nicht vorkomme.

Oidium-Strategie im ökologischen Weinbau

Online-Expertengespräch zur Vorstellung des ChatBots in der GeoBox

Foto: Bettina Siée

Da im Öko-Weinbau bei hohem Oidiumbefallsdruck nur drei gut wirksame Mittel zur Verfügung stehen (Netzschwefel, Kumar und Vitisan plus Netzmittel), empfiehlt Wagenitz, die Spritzabstände in der kritischen Phase zwischen Beginn der Gescheinsentwicklung bis Beginn des Traubenschlusses sehr eng zu halten (sieben Tage). Unter Beachtung der Anwendungshäufigkeiten und Aufwandmengen habe sich die Kombi­nation Netzschwefel mit einem Carbonat und einem Netzmittel in der ökolo­gischen Praxis bewährt.

Mit VITIFIT startete 2019 das bisher größte Praxisforschungsprojekt im Öko-Weinbau. Von ersten Ergebnissen aus dem Verbundprojekt VITIFIT berichtete Yvette Wohlfahrt, Hochschule Geisenheim University. Im Mittelpunkt ihres Vortrages standen Kupferreduzierungsstrategien in sechs Anbaugebieten. Ergebnisse der 2020 durchgeführten Strategieversuche zeigten an der Mehrheit der Standorte einen zu geringen Infektionsdruck des Falschen Mehltaus, trotz künstlicher Inokulation mit Sporangiensuspensionen und des Einsatzes von Beregnungsanlagen.

Positiv war, dass alle kupferreduzierten Varianten unter 2 kg Aufwandmenge lagen.

An Standorten mit Infektionen konnte eine klare Wirkung aller Kupfervarianten gegenüber der Kontrolle hinsichtlich der Befallsstärke an Blättern sowie an Trauben nachgewiesen werden. Die kupferreduzierten Varianten zeigten keine Wirkungsunterschiede hinsichtlich der Befallsstärke des Falschen Mehltaus an Blättern und Trauben. Somit sind aus Sicht der Verbundpartner weitere Versuchsjahre mit unterschiedlichen Infektionsbedingungen unabdingbar, um zukünftig aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen.

Arno Becker, DLR RNH, stellte bewährte, vielversprechende und vorteilsbringende Klone klassischer Rebsorten vor. Durch intensive Suche, vor allem in alten Weinbergen, wurde in den vergangenen Jahren so mancher Rebenschatz gehoben, freut sich Becker (Ruländerklone siehe LW 5, Seite 38).

Weinbauberatung der Zukunft total digital – GeoBox-Messenger

Dr. Philipp Rüger, DLR RNH, gewährte Einblick in die Weinbauberatung der Zukunft, die bereits Einzug hält. Nachdem an den Agrartagen 2019 das Digitale Agrarportal RLP (DAP RLP) mit dem GeoBox-Viewer als erste greif- und nutzbare Anwendung gestartet ist, folgt im Jahr 2021 der Start des Messengerdienstes GeoBox-Messenger. Damit wird die digitale Beratung erweitert. Vorteile der Geoinformations­system-Anwendung (GIS) sind die einfache Darstellung fachspezifischer, weinbaurelevanter Informationen mit betriebseigenen Flächendaten aus FLOrlp. Ein weiterer Vorzug des Geo­Box-Viewers ist die Bündelung aller fachrelevanten Geo-Informationen aus verschiedenen Quellen und von verschiedenen Anbietern.

Mit den AgrarWinterTagen 2021 stand der GeoBox-Messenger in den bekannten App-Stores für Android und iOS kostenfrei zur Verfügung. Nach der Installation sind ein unkompliziertes Registrieren und Abonnieren von Fachkanälen notwendig. Mit dem Start der bevorstehenden Vegetationsperiode und Versendung von Fachinformationen im Weinbau werden diese auch über den Messenger als weiteren Verbreitungsweg, zusätzlich zu E-Mail und Fax, verteilt. Eine Kopplung mit dem Wetterfax-Abonnement ist möglich.

Künstliche Intelligenz hilft bei der Pflanzenschutzplanung

Außerdem stellte Rüger die Integration eines Chatbots in den GeoBox-Messenger vor. Chatbots sind digitale Assistenten, die Nutzeranfragen mittels künstlicher Intelligenz auswerten und Antworten geben. Im Fokus des Chat-bots im Messenger steht die Auswahl von Pflanzenschutzmitteln zum Schutz vor Echtem und Falschem Mehltau (inklusive Schwarzfäulewirkung) zum bestimmten Zeitpunkt unter Berücksichtigung der Spritzhistorie und dem Antiresistenzmanagement. Wetter­lage und Infektionsrisiko werden über die Verknüpfung mit dem Prognosesystem VitiMeteo berücksichtigt. Dazu werden die Anfragen jeweils auf den Standort und die nächstgelegene Wetterstation bezogen.

bs – LW 6/2021