Wissen um den Tabakanbau geht langsam verloren

Tabak ist eine faszinierende Kulturpflanze

Sie mag es nicht kalt, aber auch nicht zu heiß und schon gar nicht zu trocken. Die Tabakpflanze gehört zur Familie der Nachtschattengewächse, wie Tomaten. Die meisten Arten der Familie Nicotiana kommen ursprünglich aus Südamerika, manche aus Australien oder Nordamerika. Die heutigen Sorten zur Tabakherstellung stammen von der Art Nicotiana tabacum, dem virginischen Tabak, sowie der Art Nicotiana rustica, dem Bauerntabak ab. Letzterer darf in der EU nicht vertrieben werden, da sein Nikotingehalt in den Blättern zu hoch ist. Tabakanbau in der Pfalz ist seit über 400 Jahren dokumentiert. Waren es früher die Sorten Burley und Geudertheimer, die hier angebaut wurden, ist es heute vor allem die Sorte Virgin.

In diesen Tabakschuppen aus Holz wurden die Sorten Geudertheimer und Burley über Jahrzehnte getrocknet. Ab den 70er Jahren verbot die Berufsgenossenschaft den Bau von hohen Tabakschuppen, sie mussten dann flacher gebaut werden. In der Südpfalz stehen die Tabakschuppen als Relikte in zahlreichen Dörfern, wie Hayna oder Herxheim.
Foto: Setzepfand

Jörg Bähr, der Geschäftsführer der Erzeugerorganisation Südwest Tabak (EZO), macht seine Arbeit seit 20 Jahren. Ihn bringt nichts aus der Ruhe. In der Verwiegehalle der EZO in Herxheim werden große Kartons pressgefüllt mit Tabakblättern der Sorte Virgin an einem Ende eines Förderbandes mit einem Gabelstapler aufgesetzt, gewogen und von Guido Hörner, dem ersten Vorsitzenden von Südwest Tabak und Matthias Detzel, dem zweiten Vorsitzenden von Südwest Tabak, genau begutachtet sowie die Feuchtigkeit gemessen. Das nennt man dann „bonitieren“. Gemeinsam mit Konrad Wilk von der Firma CNT aus Heilbronn, dem Käufer dieser Ware, werden alle Kartons einzeln gewogen, bonitiert und die Qualität gemeinsam festgelegt. Haben die Blätter dunkle Flecken, dann wurde die Kultur bereits im Feld von dem Pilz Alternaria befallen oder der Pflanzer hat einen Fehler beim Trocknen gemacht, sodass sich Wasserflecken bildeten. Sind die Blätter braun statt schön gelb, dann war entweder schon der Erntezeitpunkt überschritten oder der Pflanzer hat den richtigen Zeitpunkt des Fixierens der Farbe verpasst.

Klasse 1, ist die optimale Qualität, das sind leuchtend gelbe, sich ledrig anfühlende große Tabakblätter mit einer Feuchtigkeit zwischen 11,5 und 12. Damit der Tabakanbau in der Pfalz wirtschaftlich betrieben werden kann, müssen 70 Prozent der Ernte Klasse 1 aufbringen. 90 Prozent sind optimal. Zusammen mit der Klasse 2 bilden sie das so genannte A-Gebinde. In der Regel wird nicht extra auf Klasse 2 vom Pflanzer sortiert, sondern die Feststellung, ob es noch Klasse 1 oder schon eine Klasse 2 ist, erfolgt durch die Bonitierer und den Käufer an der Waage. Klasse 3, die schlechte Qualität, das sind kleine, zu trockene oder bereits auseinanderbröselnde Blätter von brauner fahler Farbe.

Diese Woche werden die letzten Ernten des Pfälzer Tabaks in der Verwiegehalle angenommen, dann ist die Saison beendet. Das Gewicht und die Qualität der Blätter sind die Maßeinheiten, die das Einkommen der Tabakpflanzer bestimmen. 1 000 t Tabak werden durchschnittlich pro Jahr in der Pfalz von 35 Tabakpflanzern auf rund 450 ha geerntet. Die EZO vermarktet zudem noch weitere rund 50 ha von Betrieben außerhalb der Pfalz. Zu 80 Prozent geht die Ware in den Export, nach Ägypten, Jordanien oder Dubai. Dort werden die deutschen Blätter geschnitten und mit anderen Sorten, die weltweit von den Firmen angekauft werden, gemischt. „Blender“ nennt man die Experten, die die Mischungen vornehmen. Detzel erklärte, das müsse man sich vorstellen wie ein Cuveé. Dabei bedeutet der Name „German blend“ sehr viel in der Branche. Er stehe für hohe Qualität und sorge für einen guten Preis.

Überwiegend wird Pfälzer Tabak als Shisha-Tabak vermarktet

Rund 70 Prozent der Pfälzer Virgin-Ernte landet schließlich in Shisha-Tabak und wird als Mischungen wieder nach Deutschland importiert. Ein kleinerer Teil der Pfälzer Ernte wird biologisch angebaut für Bio-Zigaretten. Dieser Anteil war schon mal höher und wurde leider mit dem Aufkauf der amerikanischen Firma Santa Fe Natural Tobacco Company durch JTI, die Japan Tobacco International, verwässert. JTI fordert nun integrierten Anbau, weshalb auf den Kartons nun ELI steht für „enhanced leaf integrity“. Zum Glück fand die EZO Südwest-Tabak wieder einen neuen Kunden mit der Firma Von Eicken in Lübeck, die Organic-Zigaretten herstellen und somit den Biotabak­anbau in der Pfalz erhalten.

Biotabak darf auf Produkten nicht als solcher benannt werden

„Eine große Schwierigkeit beim Bioanbau von Tabak ist, dass er nicht als solcher am Markt benannt werden darf“, sagt Bähr. Auch darf im Biotabakanbau kein Herbizid und seit diesem Jahr kein Kupfer mehr gegen falschen Mehltau (Blauschimmel) angewandt werden, was das Risiko für den Pflanzer deutlich steigert. Dies seien weitere Hürden für einen zukunftsfähigen Anbau und Verkauf. Zwar kamen die grüne Ministerin Ulrike Höfken und ihre Gefolgschaft in die Pfalz und begrüßten den biologischen Tabakanbau, aber sie setzten sich nicht dafür ein, dass diese Bezeichnung auch auf die Ware geschrieben werden darf und das Kupfer im Tabak erhalten bliebe. Bähr und die Tabakpflanzer der Pfalz sind einiges gewohnt, wenn es um das Thema Gesundheit geht. „Vor 2009 wurden wir regelmäßig angefeindet. Damals bekamen wir noch 60 Prozent EU-Subventionen. Seit wir zu 100 Prozent am freien Markt bestehen, ist es ruhiger geworden“, bemerkt Hörner.

Seither können die Pfälzer Tabakpflanzer jedoch nicht mehr mit Brasilien oder Polen konkurrieren, alleine die Personalkosten von 600 Stunden/ha machen über 50 Prozent der Produktionskosten aus. Dazu 10 bis 15 Prozent Energiekosten zum Betreiben der Öfen, die mit Flüssiggas betrieben werden, das summiert sich. „Nur die Tatsache, dass wir so gute Qualität erzeugen und uns Nischen wie den Shisha-Markt oder die Biotabakproduktion gesucht haben, hat den heimischen Anbau gerettet“, weiß Bähr. Und zur Anti-Rauch-Kampagne der Behörden zitiert er einen Spruch der Vorfahren: Der Tabak und die Reben, hat der Herrgott uns gegeben, wenn wir mäßig sie gebrauchen, können wir trinken und auch rauchen.

Bis vor zehn Jahren wurde in der Pfalz noch überwiegend die Sorte Geudertheimer angebaut. Sie wird luftgetrocknet in den hölzernen Schuppen der Pflanzer – luftgetrocknete Tabake sind aromatischer und kräftiger als die heißluftgetrockneten, die einen höheren Zuckergehalt haben. Heute macht der Geudertheimer nur noch ein bis zwei Prozent des Anbaus aus. „Wir können schon fast von Museumsanbau sprechen“, sagt Bähr wehmütig. Die EZO versucht auch hier neue Abnehmer zu finden, weshalb Bähr kürzlich Gespräche in Italien führte.

zep – LW 48/2019