Von giftig bis delikat

Schöne Toll- und Blasenkirsche sowie Gift- und Kapstachelbeere

Vier Arten einer Pflanzenfamilie stellen sich vor: Sie weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf, aber auch große Unterschiede. Während die Beeren der Tollkirsche „unabwendbar tödlich“ sind, werden die der Kapstachelbeere als Delikatesse gehandelt. Die Beeren vom Blasenstrauch und von der Giftbeere sind essbar, aber mit Vorsicht zu genießen.

Die heimische Tollkirsche wächst an Waldrändern und
auf Schlagfluren. Sie ist für den Menschen stark giftig!

Die Tollkirsche ist stark giftig! Der große Botaniker Carl von Linne gab der Pflanze den wissenschaftlichen Namen „Atropa bella-donna“. „Atropos“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „unabwendbar tödlich“. „Bella donna" (italienisch für: schöne Frau) bezieht sich auf die Verwendung der schwarzen Beeren als Mittel zur Erweiterung der Pupillen. Glanz und Feuer sollten die schwarzen Beeren den Augen verleihen. Heute noch wird das dafür verant­wortliche Atropin in der Augenheilkunde eingesetzt, jedoch nicht aus Schönheitsgründen.

Pflanze samt Beeren ist sehr giftig

Nicht nur die Beeren, sondern die ganze Pflanze ist sehr giftig. Die Droge führt zunächst zu Rauschzuständen, dann zu Lähmungen und letztendlich zum Kollaps. Im Mittelalter spielte die Tollkirsche auch im Aberglauben und Hexenkult eine große Rolle. Der Saft wurde zum Beispiel Liebestränken und Hexensalben beigemischt, was zu real erlebten Wahnvorstellungen führte. Als Heilpflanze wurde die giftige Pflanze vor allem als krampflösendes Mittel und bei Erkrankungen der Luftwege eingesetzt. Schon Paracelsus stellte im 16. Jahrhundert fest: „Es hängt allein von der Dosis ab, ob ein Gift ein Gift ist oder nicht.“ Heute wird die Tollkirsche nur noch in der Homöopathie (Belladonna) gegen Entzündungen und fieberhafte Zustände angewendet. Die strauchförmig wachsende Tollkirsche ist ein heimisches Gewächs und auf nährstoffreichen, meist kalkhaltigen Böden an Waldrändern und auf Schlagfluren zu finden. Die braunroten Blüten werden vor allem von Hummeln besucht. Im Herbst entwickeln sich Beeren, die außen schwarz und innen rötlichblau sind und große, nur am Grund verwachsene Kelchblätter aufweisen. Für den Menschen sind sie giftig, für Vögel nicht.

Basteltipp
Ritzen Sie frisch gepflückte oder getrocknete Lampions am Stielansatz ein und ersetzen Sie die Beeren durch Glühbirnchen einer Lich­terkette. Schon ist eine dekorative Be­leuch­tung mit war­mem Lichterglanz entstanden.

 Die kleinen Blüten der Blasenkirsche (links) sind im Gegensatz zu den auffälligen Früchten eher unscheinbar. Die Beeren der Blasenkirsche (rechts) „reinigen die Nieren und Blasen“. Fotos: Gisela Tubes

Steine- und Harn treibende Blasenkirsche

Der Name „Blasenkirsche“ ist zutreffend. Im Herbst erscheinen orangerote, aufgeblähte, blasenförmige Kelchblätter, die die roten Beeren dieses Nachtschattengewächses umhüllen. Wie kleine Lampions sehen sie aus. Daher wird die Blasenkirsche (Physalis alkekengi) auch „Lampionblume“ genannt. Heimisch ist das mehrjährige Kraut bei uns nicht. Im Sommer ziert die Staude mit ihren schönen, aber eher unscheinbaren Blüten den Garten. Im Herbst ist sie mit den roten auffälligen Lampions sehr dekorativ. Als Schnittblume schmückt sie dann herbstliche Kaffeetafeln, getrocknet verschönern die Lampions Kränze und Gestecke. In der offiziellen Liste giftiger Pflanzen des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit ist Physalis alkekengi nicht als Giftpflanze verzeichnet. Das bezieht sich jedoch nur auf die vollreifen Früchte. Wie wir es von den verwandten Nachtschattengewächsen Kartoffel und Tomate kennen, sind unreife Früchte in größeren Mengen gegessen giftig. Zudem sondert der pergamentartige Kelch der Blasenkirsche auf der mit Drüsen besetzten Innenseite einen sehr bittern Saft ab, der beim Öffnen mit dem Finger auf die Beere übertragen werden kann. Er vermag den an sich süßlich-säuerlichen Geschmack der Beere zu verderben. Diese Ausscheidungen können zu Unverträglichkeiten der Früchte führen. Größere Mengen sollten also nicht verzehrt werden. Im Mittelalter glaubte man an die Signaturenlehre. Im Fall der Blasenkirsche daran, dass die Beere der Blasenkirsche in ihrem aufgeblasenen Fruchtkelch einem Blasenstein gleicht und demzufolge auch diese Krankheit zu heilen vermag. Die Beeren wurden auch als harntreibendes Mittel eingesetzt. Tabernaemontanus, der große Arzt und Botaniker aus dem 16. Jahrhundert, schreibt über die „Schlutten“, wie die Blasenkirschen damals genannt wurden: „Von den Schlutten die Kirschen gegessen ... reinigen die Nieren und Blasen / und treiben den Stein und Harn ...“. Die Lampionblume ist ursprünglich in Mittel- und Südeuropa verbreitet. Bei uns ist sie stellenweise auch verwildert vorzufinden. Über lange, unterirdische Ausläufer vermag sie sich großflächig auszubreiten.

Die „Blaue Lampionblume“ weist dekorative Blüten und Früchte auf. Die pergament­artigen Früchte der Giftbeere sind mit fünf vorspringenden Kanten versehen.

Giftbeere mit ungiftiger Beere

Die Giftbeere (Nicandra physalodes) weist einige Gemeinsam­keiten mit der Blasenkirsche auf und wird deshalb auch „Blaue Lampionblume“ genannt. Wie bei dieser entwickelt sich die Beere in einer blasenförmigen Hülle. Auch ihr Name nimmt darauf Bezug (physa = Blase). Anders als bei der Blasenkirsche sind die pergament­artigen Früchte der Giftbeere mit fünf vorspringenden Kanten versehen. Ihre Blüten sind hellblau bis blass-violett und von Juli bis Oktober an der bis zu einem Meter hohen, strauchförmigen Staude zu sehen. Obwohl sie „Gift“­bee­re heißt, sind auch ihre Beeren wie die der Blasenkirsche im vollreifen Zustand ungiftig. Auch bei dieser Pflanze treten Ausscheidungen der inneren Kelchwände auf, die zu Unverträglichkeiten der Früchte führen können. Alle grünen Pflanzenteile der Giftbeere und die unreifen Beeren sind giftig. Einst aus Peru stammend wurde die einjährige Blaue Lampion­blume bei uns als Zierpflanze eingeführt. Sie ist sehr schnellwüchsig und sowohl im reichlich blühenden Zustand als auch zur Fruchtreife sehr dekorativ. Mancherorts ist sie verwildert anzutreffen. Als Zierpflanze wird die Giftbeere in den Gärten heute nicht mehr häufig angepflanzt, findet allerdings im Bio-Anbau zur Abwehr der Weißen Fliege und auch anderer Schadinsekten mit Erfolg Anwendung. Die Pflanze sät sich von selbst reichlich aus; es sei denn, die Fruchtkapseln werden vor der Samenreife gepflückt und zu Dekorationszwecken eingesetzt.

Delikate Kapstachelbeere

Die Kapstachelbeere (Physalis peruviana) ist eng mit der Blasen­kirsche verwandt. Sie schmückt heute fast jedes Büfett. Die kirschgroßen Beeren sitzen bei ihr in einem ähnlich aufgeblasenen Kelch wie bei der Blasenkirsche, jedoch ist er hier hell-bräunlichgrün. Die Beeren schmecken leicht säuerlich und sind sehr delikat.

Sie enthalten viel Vitamin C, Provitamin A und B-Vitamine. Sie eignen sich hervorragend als Naschobst, aber auch zur Herstellung von Kompott oder Marmelade. Tunken sie eine Kapstachelbeere in Schokosauce – ein köstlicher Pralinenersatz! Die Kapstachelbeere stammt ursprünglich aus Peru und ist in den Anden von Venezuela bis Bolivien verbreitet. Daher wird sie auch „Andenbeere“ genannt. Im 19. Jahrhundert soll sie mit Erfolg in Afrika, am Kap der Guten Hoffnung eingeführt worden sein und erhielt so ihren deutschen Namen. Auch dieses Nacht­schattengewächs ist von strauchförmigem Wuchs. Die Blüten ähneln denen des Blasenstrauches, sind jedoch innen bräunlich. Die im Handel erhältlichen Früchte werden meist unter dem Namen „Physalis“ angeboten, wohinter sich mehrere Sorten verstecken können. Gisela Tubes