Die Rose von Jericho

Handballen der Maria – eine besondere Pflanze im Porträt

Sagenumwoben und mystisch verklärt ist die uralte Wüstenpflanze Rose von Jericho. Allerlei Bräuche und Heilanwendungen ranken sich um den faszinierenden Überlebenskünstler.
In heimischen Gärten gedeiht sie nicht. Wer sich ein solches „Naturwunder“ wie die Rose von Jericho erwirbt, wird auch kaum in erster Linie die Pflanze als Gartengewächs sehen. Es ist vielmehr eine besondere Dekoration, ein Überraschungselement oder sogar ein mystischer Glücksbringer.

Die unscheinbare graubraune, apfel- bis grapefruitgroße, flechtenartig dürre Kugel würde kaum Beachtung finden, wenn ein ihr eigener physikalischer Mechanismus nicht so erstaunlich wäre. Auch getrennt von der Wurzel ist der eingetrocknete, zu einem Ball zusammengerollte oberirdische Pflanzenteil noch in der Lage, sich zu entfalten und dabei zu ergrünen, sobald man Wasser darüber gießt. Dieses Quellvermögen bleibt über Jahrzehnte und Jahrhunderte erhalten, sofern die Pflanze richtig behandelt wird.

Lebendig oder tot?

Unter der Bezeichnung Rose von Jericho finden sich drei Pflanzenarten. Die bei uns erhältlichen Verwandlungskünstler zählen meist zur Gattung der Moosfarne. Die als Rose von Jericho angebotene Art Selaginella lepidophylla stammt ursprünglich aus Wüstenregionen im südlichen Nordamerika, kommt aber auch im Orient vor. Die ballartig eingerollten bräunlichen Stängel und Blätter breiten sich nach Regenfällen rosettenartig aus und ergrünen.

Dieser physikalische Schwellprozess bleibt erhalten, auch wenn die Pflanzen von den Wurzeln getrennt werden, also „tot“ sind. Deshalb scheint die Pflanze ewig zu leben. Das Wiedererwachen der von der Wurzel getrennten Kugel ist rein physikalischer Natur, spezielle Turgorzellen saugen sich durch Kapillarkräfte voll Wasser, diese hydrostatische Spannung führt zum Entrollen. Die Moosfarnart bevorzugt gut dränierte, neutrale bis leicht alkalische Böden. Sie wächst extrem langsam, lässt sich aber einfach durch Teilung und Stecklinge vermehren. Aufgrund intensiver Sammeltätigkeit wurden die natürlichen Bestände stark dezimiert.

Die oft mit dem Zusatz „Echte“ versehene Rose von Jericho (Anastatica hierochuntica), auch Wüstenrose genannt, stammt aus dem Orient. Sie ist deutlich größer, Standortbedingungen und Aufquellmechanismus sind aber vergleichbar. Die Legenden, die sich um Jerichorosen ranken, haben meist hier ihren Ursprung.

Mystische Verklärung

Die physikalische Besonderheit der Rose von Jericho regte zu allen Zeiten die Fantasie an. Der ägyptische Namen „Handballen der Maria“ (Kaff Maryam) beruht auf der Legende, dass Maria die Pflanze am Wegrand auf der Flucht nach Ägypten gesegnet und ihr so ewiges Leben verliehen hat. Im islamischen Sprachbereich heißt diese besondere Moosflechte „Hand der Fatma, Tochter des Propheten“ (Id Fatma Bint el Nabi).

Kreuzritter und Pilger brachten Rosen von Jericho mit nach Europa. Das als heilige Pflanze verehrte Gewächs sollte dem Haus, in dem es erblüht, Glück und Segen schenken. Beim Einsetzen der Wehen einer bevorstehenden Geburt legte man die trocken-dürre Kugel in eine Wasserschale und las aus der Aufblüh-Geschwindigkeit Dauer und Schwere der Geburt ab. Vielfach gab man der Gebärenden das Wasser zu trinken, in dem die Rose von Jericho aufgequollen war. Es sollte die Geburtsschmerzen lindern.

Heute dient die Rose von Jericho als „Christrose“ zu Weihnachten, als „Auferstehungspflanze“ zu Ostern oder einfach als ausgefallene Geschenkverpackung für Freundschafts-, Verlobungs- oder Trauringe. Man kann auch klein zusammengefaltete Geldscheine oder Gutscheine auf diese Weise überreichen, sofern sie wasserfest verpackt wurden.

Das Geschenk wird in die Mitte der zusammengerollten Jericho-Rose gesteckt. Der Empfänger muss die dürre Pflanzenkugel mit Wasser übergießen. Wie rasch sie sich entfaltet und die Überraschung frei gibt, hängt von der Wassertemperatur ab: Mit sehr heißem Wasser dauert es keine zehn Minuten, bei kaltem Wasser muss man bis zu zehn Stunden warten.

Schonend behandeln

Die voll ergrünte Blattrosette darf mit ihren Wurzelresten nur kurze Zeit in der flachen Wasserschale liegen, sonst beginnt sie zu schimmeln und verliert die Fähigkeit, sich immer wieder zu entfalten. Deshalb wird sie nach spätestens vier bis fünf Tagen aus dem Wasser genommen und muss einige Tage vollständig eintrocknen. In einer Papiertüte verpackt sollte man der Jericho-Rose an einem Ort mit geringer Luftfeuchtigkeit einen Monat Ruhe gönnen, ehe man sie erneut zum Leben erweckt. Rosen von Jericho (Selaginella) sind auf Mittelaltermärkten und zunehmend auch auf Weihnachtsmärkten zu finden. Der Preis schwankt von zwei bis fünf Euro. „Echte“ Rosen von Jericho (Anastatica) kosten zehn bis 15 Euro. Sie sind meist deutlich größer und „erblühen“ im Wasser dunkel­oliv.

Dr. Helga Buchter-Weisbrodt