Bachen frischen früher und Zahl ihrer Frischlinge steigt

Bestände des anpassungsfähigen Schwarzwildes wachsen an

Die Wildschweinbestände steigen seit über 30 Jahren an. Zahlreiche Gründe werden dafür angeführt, unter anderem der Klimawandel und die hohe Anpassungsfähigkeit des Wildschweins an sich ändernde Lebensräume. Wissenschaftler stellen fest, dass Überläuferbachen heute früher geschlechtsreif werden und dass die Anzahl der Frischlinge ansteigt, die von Überläuferbachen gefrischt werden.

Schwarzwild passt sich neuen Bedingungen schnell an, die Bestände steigen.
Foto: Michael Breuer

Wildschweinrotten, die nicht von ständigem Jagddruck zerrieben werden, bestehen aus einem Verbund miteinander verwandter Bachen. Zwar ziehen auch einige Überläuferbachen aus ihrer Heimat weg, meist in einem Alter ab 16 Monaten packt sie das Fernweh. Aber sie bleiben in einem Umkreis von ein bis höchstens drei Kilometern von „Mutter“ und „Tanten“. Überläuferkeiler dagegen können durchaus ein paar Dutzend Kilometer zurücklegen, bevor sie einen neuen Einstand auswählen. Den Kontakt zu den Sauen vor Ort halten sie aber auch von ihrem neuen Einstandsgebiet aus aufrecht.

Starker Anstieg seit den 1980er Jahren

Derartig flexible und anpassungsfähige Familienstrukturen sind Teil des Erfolgsgeheimnisses von Schwarzwild. Etwa seit den 1960er Jahren nehmen die Sauenbestände weltweit zu. Von der trockenen Halbwüste bis zur Alm, von der sibirischen Tundra bis hinein in dichte Wälder – kein Lebensraum ist für Sauen wirklich ungemütlich. Viele alte Lebensräume haben sie um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts „zurückerobert“ und neue hinzugewonnen. In den 1980er Jahren schienen sich die Zuwachsraten der Schwarzwildbestände in Europa stabilisiert zu haben. Bis ab den 1990er Jahren ein erneuter und bisher ungebremster Populationsanstieg eintrat. Das schließt zumindest Giovanna Massei vom Staatlichen britischen „Wildlife Management Centre“ nach der Auswertung von Streckenstatistiken 18 europäischer Staaten. Vor vier Jahren wurden in Österreich 3,8-mal so viel Sauen gestreckt wie noch 1990, in Ungarn 3,4-mal so viel. In Deutschland war die Strecke „nur“ etwa 1,3-mal so groß wie 30 Jahre zuvor.

Als Gründe für den Zuwachs der Populationen vermutet die Forscherin eine Reihe von Faktoren. Milde Winter spielen wohl ebenso eine Rolle wie die Zunahme der Waldfläche und der Umbau der Wälder nach den Windwürfen Ende der 1980er Jahre. Auch Veränderungen in der Landwirtschaft, die vor allem im Sommer „sauenfreundlich“ sind, wirken sich positiv aus, ebenso Fütterungen und nicht zuletzt durch Bejagung angeheizte Fortpflanzungsraten. Den zunehmenden Sauenbeständen stehen jedoch in Europa immer weniger und zudem ältere Jäger gegenüber, so argumentiert Giovanna Massei. In den meisten Ländern nimmt die Anzahl der Waidmänner und -frauen ab, ob in Frankreich, Schweden, Spanien oder Italien. Nur in fünf Ländern haben Jäger Zuwachs: Belgien, Polen, Österreich, Ungarn und Deutschland. In Österreich wurden 2012 1,1-mal so viel Jagdkarten gelöst wie noch 30 Jahre zuvor. Im Jagdjahr 2013/14 wurden in Deutschland 1,16-mal so viel Jagdscheine gelöst wie 1992.

Bei der Bejagung auf die Sozialstruktur der Rotten achten

Insgesamt werden heute in Europa zwei bis drei Mio. Sauen pro Jagdjahr erlegt und damit etwa 150 Prozent mehr als in den frühen 1990er Jahren. Kann das Anwachsen der Populationen durch die Jagd allein verhindert werden? Die Wissenschaftlerin meint nein und warnt vor voreiligen Rückschlüssen. Von Streckenlisten können nicht auf tatsächliche Populationen geschlossen werden. Wesentliche Daten konnte sie in ihrer Untersuchung nicht berücksichtigen, zum Beispiel ob sich der Druck auf die Sauen in den ver­gangenen Jahrzehnten erhöht hat. Eine verbesserte technische Ausstattung, veränderten Jagdzeiten oder das Fallen sogenannter Jagdhindernisse, die eigentlich verhindern sollten, dass natürliche Rottenstrukturen zerstört werden, können in einer so breit angelegten Untersuchung nicht berücksichtigt werden. Das wäre jetzt die Aufgabe von Detailstudien für die einzelnen Länder.

Vermehrungsraten heute in guten Jahren über 300 Prozent

Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Zeiten ist nicht nur ein Mehr an frühreifen Frischlingen und Überläufern, sondern auch die durchschnittlich größere Zahl an Frischlingen, die von jungen Bachen gefrischt werden. Die Vermehrungsraten erreichen heute in guten Jahren über 300 Prozent. Die Frischlinge sind „der Motor“ der Vermehrung. Wenn 60 Prozent der Frischlinge überleben, steigt der Bestand bei den gegenwärtigen Fruchtbarkeitsraten rapide an. Wenn nur 40 Prozent der Frischlinge überleben, steigt die Population immer noch leicht. So die Theo­rie. Trotzdem gibt es ständig starke Schwankungen beim Zuwachs: trockene Sommer, kalte und feuchte Spätwinter. Der Einfluss von einzelnen Klima­faktoren auf den Bestand ist noch zu wenig erforscht.

Dr. Christine Miller – LW 44/2016