Hessens Landwirtschaft hat in 50 Jahren 230 000 ha verloren

Vortrag von Prof. Dr. Müller bei Versammlung des VLF

Der Verein Landwirtschaftlicher Fachschulabsolventen im Nassauer Land (VLF) hat vorletzte Woche seine Generalversammlung 2015 in Linter abgehalten. Gastredner war Prof. Dr. Harald Müller, Geschäftsführer der Hessischen Landgesellschaft in Kassel, der über das Thema „Konzepte für sparsamen Umgang mit wertvollen Böden“ sprach.

Der Vorstand des Vereins Landwirtschaftlicher Fachschulabsolventen im Nassauer Land, von links: Jürgen Dexheimer, Marco Hölz, Heinz-Josef Kremper, Thomas Conradi, Benjamin Schranz, Bernhard Höhler, Karin Stähler, Jens Zimmermann und Thomas Eller.

Foto: Dieter Fluck

Im abgelaufenen Jahr hat der VLF im Nassauer Land bei 28 Informationsveranstaltungen für seine Mitglieder circa 1 100 Teilnehmer erreicht, berichtete Jürgen Dexheimer, Geschäftsführer des VLF im Nassauer Land, eingangs. Zwei Fachfahrten sind durchgeführt worden, außerdem ein Schweißkurs für Junglandwirte. Die Bäuerin­nen des VLF trafen sich in der vergangenen Saison sechs Mal zu wechselnden Fachthemen zum Stammtisch.

Vorstandsmitglieder des VLF in ihren Ämtern bestätigt

Im Zuge der Regularien der Mitgliederversammlung standen turnusgemäß Wahlen zum Vorstand auf dem Programm. Einstimmig haben die Mitglieder den Vorstand für drei Jahre wieder gewählt: Vorsitzender ist Bernhard Höhler aus Niederbrechen, stellvertretender Vorsitzender ist Thomas Eller aus Schupbach, Beisitzer sind Heinz-Josef Kremper aus Fussingen sowie Karin Stähler aus Oberzeuzheim, Marco Hölz aus Weinbach, Benjamin Schranz aus Heidenroth-Mappershain und Thomas Conradi aus Id­stein-Das­bach. Jens Zimmermann aus Oberzeuzheim war in den Vorstand nachgerückt und ist noch für zwei Jahre gewählt.

Sparsamer Umgang mit wertvollen Böden nötig

Die Hessische Landgesellschaft mit Sitz in Kassel will sich künftig verstärkt für die Schonung landwirtschaftlicher Flächen einsetzen. Beim Vortrag zur Generalsversammlung des VLF in Limburg berichtete der HLG-Geschäftsführer, Prof. Dr. Harald Müller, bundesweit würden täglich 100 ha, davon in Hessen fünf bis sechs ha zumeist wertvoller Böden bebaut und damit versiegelt. Es seien Bestrebungen im Gang, den Verbrauch auf bundesweit 30 ha und landesweit einen bis zwei ha zu begrenzen. Von ehemals einer Mio. ha habe die hessische Landwirtschaft in den vergangenen 50 Jah­­ren 230 000 ha eingebüßt. Von den verbliebenen 770 000 ha stünden nur noch knapp 500 000 ha für den Ackerbau zur Verfügung. Prof. Müller betonte, der rasante Flächenverbrauch sei ein Raubbau an der Natur und er schrei­te sukzessive weiter fort. Daher forderte er von der Politik, wirksame Konzepte für einen sparsameren Flächenumgang zu entwerfen.

Matthias Albrecht (Mitte) hält dem VLF seit einem halben Jahrhundert die Treue. VLF-Geschäftsführer Jürgen Dexheimer (links) und der Vorsitzende Bernhard Höhler (rechts) dankten dem Jubilar mit einem Wappenteller.

Foto: Dieter Fluck

Denn die Menschen siedelten auf den wertvollsten Böden. „Im Rhein-Main-Gebiet boomt der Wohnungsbau. Es ist ein Megatrend, dass junge Leute vom Land in den Ballungsraum wollen. Wir brauchen mehr Einfluss auf den Umgang mit Böden“, forderte er die Landwirte auf. Zwecks Schonung würden an mehreren Stellen bereits interkommunale Gewerbegebiete ausgewiesen. Die größte Diskussion im Straßenbau betreffe oft nicht die Tras­se an sich, sondern das Siebenfache an Ausgleichsflächen, die den Landwirten entzogen würden; das verstehe niemand mehr. Der HLG-Geschäftsführer sprach sich für größere Ausgleichseffekte in der Wasserwirtschaft aus. So habe aus den beim Bau der ICE-Strecke Köln-Frankfurt beanspruchten Ausgleichsflächen das Land Hessen richtig gelernt. Denn „Es hätte wilder nicht sein können. Jetzt haben wir die beste Kompensationsverordnung“, stellte der Redner fest und erklärte: „Eine Beschaffung um jeden Preis gibt es nicht mehr. Wir brauchen mehr Professionalität und längere Zeiträume.“

Land muss in Bauernhände bleiben, statt bei Geldanlegern

Prof. Dr. Müller sprach in der Generalversammlung des VLF daher gezielt das „Spannungsfeld zwischen Infrastruktur, Agrarstruktur und Naturschutz“ an und meinte: „Das ist kein ausschließliches Thema mehr für die Grünen.“ Während sich der Anteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Hessen auf 39 Prozent reduziert habe, habe der Waldanteil dagegen auf 41 Prozent zugenommen.

Er prangerte als eine Folge dieser Entwicklung „massive Verwerfungen der Landpreise in Deutschland“ an. Diese resultierten auch aus dem Kapitalmarkt zwecks sicherer Geldanlage und stellte fest „Das ist keine gute Entwicklung. Wir wollen nicht die Grundstückspolitik großer Kapitalgesellschaften mit ihren horrenden Preisen unterstützen und entwickeln Konzepte, damit die Inanspruchnahme der Flächen deutlich reduziert wird.“ Kritik übte der HLG-Repräsentant am landwirtschaftlichen Wegebau, der seit 50 Jahren fast nicht mehr statt­finde. Dieses Manko habe dazu geführt, dass beispielsweise beidseits der B 49 für die drei Meter breiten Landmaschinen keine tauglichen Wege vorhanden seien. Die Landwirte hätten große Probleme mit den Ortsdurchfahrten. Müller: „Wir brauchen eine angepasste Infrastruktur, ein neues Wegekonzept.“

In Hessen derzeit rund 100 Investitions-Großprojekte

Die letzten vier Jahre seien durchaus gute Jahre für die landwirtschaftlichen Betriebe in Hessen gewesen, 2013/14 eines der besten Jahre überhaupt. Landwirte hätten ihren Gewinn und günstige Zinsen für die Weiterentwicklung ihrer Betriebe genutzt. Der Fachmann sprach von derzeit rund 100 großen Investitionsmaßnahmen im Land, die durch die Hessische Landgesellschaft betreut werden. Die HLG wurde 1972 gegründet. Das gemeinnützige Siedlungsunternehmen mit Hauptsitz in Kassel befindet sich im mehrheitlichen Landesbesitz. Weitere Beteiligungen halten die Landesbank Hessen-Thüringen, andere Bankinstitute und zahlreiche Gebietskörperschaften. Die Gesellschaft zählt rund 100 Mitarbeiter und ist sowohl Sanierungs- und Entwicklungsträger nach dem Baugesetzbuch als auch Domänenverwalter und Ökoagentur des Landes Hessen.

Feldtag im Juni in Dauborn auf Versuchsacker des VLF

Mit einem Partnerunternehmen führt die HLG Deutschlands erste Hofbörse, deren Existenz den Erhalt der hessischen Landwirtschaft fördern soll. In der Generalversammlung in Linter berichtete Geschäftsführer Jürgen Dexheimer von weiteren Aktivitäten des VLF im vorigen Jahr, beispielsweise von der außerordentlich guten Resonanz des Feldtages, bei dem sich jährlich bis zu 200 Landwirte aus der Region auf den Versuchsfeldern in Dauborn über neueste Erkenntnisse informieren. Der Feldtag sei ein fester Bestandteil innerhalb des umfangreichen Jahresprogramms geworden und könne dank finanzieller Unterstützung durch die Stiftung Hof Geisberg auch in diesem Jahr wieder am Sonntag, 13. Juni, veranstaltet werden. Die Felder seien bereits angelegt.

Prof. Dr. Harald Müller ist über den ungezügelten hohen Verbrauch wertvoller landwirtschaftlicher Böden beunruhigt und fordert von der Politik Konzepte für einen sparsamen Flächenumgang.

Foto: Dieter Fluck

Junge Landwirte für den VLF gewinnen

Die vom VLF organisierte Landwirtschaftliche Fachtagung in Idstein sorge dafür, dass die Mitglieder durch aktuelle Themen mit neuesten Entwicklungen konfrontiert werden, sagte Dexheimer. Mit über 600 Mitgliedern habe der VLF im vergangenen Jahr wieder seinen wichtigen Auftrag in der Beratung, fachlichen Weiterbildung und Qualifikation der Mitglieder erfüllt. Er dankte dem Einsatz des in der Ausbildung junger Landwirte engagierten Fachlehrers Heinz-Josef Kremper, der den Nachwuchs von der Bedeutung der VFL-Arbeit überzeuge und dem Verein junge Mitglieder zuführe.

Matthias Albrecht aus Hasselbach geehrt

Der VLF, der in seiner heutigen Form 1998 durch die Fusion der Vereine Ehemaliger Landwirtschaftsschüler Rheingau-Taunus und Limburg entstand, stehe allen interessierten Menschen offen, die sich mit der Landwirtschaft beschäftigen. Der Geschäftsführer resümierte eine gesunde Kassenlage. Ihm wie dem Vorstand mit Bernhard Höhler an der Spitze haben die 60 erschienenen Mitglieder einstimmig Entlastung erteilt. Der Verein ehrte und dankte Matthias Albrecht aus Weilrod-Hasselbach für 50-jährige Mitgliedschaft. Für diese Woche steht eine Tagesfahrt auf dem Programm, die unter anderem nach Wiesbaden in den Hessischen Landtag und zur Besichtigung des Sternenhofs mit einer neuen Schweineanlage (200 Zuchtsauen) sowie in ein Dotzheimer Weingut führt und mit 40 Anmeldungen ausgebucht ist. Erstmals bietet der VLF in diesem Jahr und zwar für den 5. bis 11. November eine siebentägige Studienreise nach Irland an, die bereits nachgefragt werden kann (E-Mail info@vlf-hessen.de). Die nächsten Pflanzenbauveranstaltungen mit Fachreferenten beginnen in der nächsten und übernächsten Woche und zwar am Dienstag, dem 10. März, im Betrieb Bettina Wagner in Dauborn sowie am Mittwoch, dem 18. März, im Gasthaus Zur Post in Linter, Beginn jeweils um 19.30 Uhr. Der nächste Bäuerinnen-Stammtisch unter der Leitung von Karin Stähler aus Oberzeuzheim findet am Donnerstag, dem 9. April, um 20 Uhr, in Runkel-Hofen im Gasthaus Zur alten Schmiede“ statt, wurde mitgeteilt.

Fluck  – LW 10/2015